Adriano und die Musik

Adriano Rekrutenschule

Adriano Rekrutenschule

1964: Adriano in der Rekrutenschule. An seinem zwanzigsten Geburtstag in der Kaserne Bellinzona.

Urheber
Foto: Adriano
Herausgeber
Besitzer: Adriano
Rechte
© Adriano
Sammlungs Nr.
ID: 2061
1964: Adriano in der Rekrutenschule

Er nennt sich schlicht Adriano, und Musik dominiert sein bewegtes Leben. Er entdeckte sie erst als Gymnasiast. Seine Karriere in dieser Sparte gleicht einem Kampf gegen Widerstände, angelegt in seiner frühen Biografie. Ausgestattet mit einem italienischen Temperament und mit Innerschweizer Hartnäckigkeit folgte er intuitiv einem Ziel, das ihm damals noch unbewusst war und auch in der Folge schier unerreichbar schien. Die Musik und auch das Lesen waren für ihn wie die Flucht aus einer Jugend, in der er sich unverstanden und missachtet fühlte.

Geboren wurde er 1944 in Freiburg (Schweiz), verbrachte aber seine ersten elf glücklichen Lebensjahre bei seinen Grosseltern im Kanton Uri. Als der Grossvater, Zahnarzt in Altdorf, an Krebs erkrankt war, holten die Eltern ihren Sohn zu sich nach Locarno. Sein Vater Carlo Baumann war Instruktionsoffizier bei der Armee. Die Mutter Rosangela, eine Tessinerin, hatte heiraten "müssen", weil Adriano unterwegs war. Vaters wie Mutters Familie trennte nicht nur die "kulturelle Grenze" des Gotthardmassivs; sie waren sich auch sonst nicht freundlich gesinnt. Adriano fühlte sich bei seiner "neuen" Familie nie wirklich zu Hause. Da gab es kein Verständnis für die Interessen ihres geistig wachen, hypersensiblen Buben. Der Vater wollte aus ihm einen "richtigen" Mann machen. Die Mutter empfand die Erziehung der drei Kinder (nach Adriano kamen noch zwei Mädchen auf die Welt) als Last. Adriano erinnert sich an die peinlichen Sonntagsspaziergänge am See:

"Dort gab man sich der Öffentlichkeit preis. Mutter stellte ihre neuesten Kostüme zur Schau. Ich musste immer ganz vorne laufen und mir anhören, wie Mutter jede einzelne meiner Bewegungen korrigierte. Mit der Zeit wurde ich ziemlich verhaltensgestört. Ich dachte, es wäre alles immer falsch. Fragte sie mich etwas, errötete und stotterte ich. Hätte ich die Wahrheit gesagt, wäre ich als Lügner blossgestellt worden. Hätte ich gelogen, wäre die Lüge entdeckt worden."1

Unter diesen wenig erfreulichen Lebensumständen verliess Adriano 1964 nach bestandener Matura (Typ C), die er am Collegio Papio in Ascona als externer Schüler ablegte, sein ungeliebtes Zuhause, um in Bellinzona die Rekrutenschule zu absolvieren und gleich anschliessend Architektur zu studieren. Nach zwei Jahren gab er das Studium an der ETH auf und versuchte es mit Musik, seiner Leidenschaft. Doch das altmodische Lernschema am Konservatorium behagte ihm nicht. Ausserdem fehlten ihm die Voraussetzungen, da ihm seine Eltern das Erlernen eines Musikinstrumentes untersagt hatten. 1966, nach der definitiven Abnabelung von zuhause, musste er in Zürich auf eigenen Beinen stehen und sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Von nun an nannte er sich nur noch Adriano, was damals in seinem Reisepass speziell vermerkt wurde. Er arbeitete in Temporär-Jobs, unter anderem bei Musik Hug als Schallplattenverkäufer. Ein Jahr lang war er in der Versandabteilung von Tom Men's Shop, einem bei Schwulen beliebten Modegeschäft, tätig. Als kaufmännischer Angestellter ohne Ausbildung schlug er sich weiterhin durchs Leben und hielt sich finanziell über Wasser, wobei er sein Geld lieber für Bücher, Musiknoten und Platten als fürs Essen ausgab. Nebenher nahm er Privatstunden bei von ihm selbst ausgewählten Musikern in den Sparten Gesang, Harfe, Komposition und Orchesterleitung. Die beiden deutschen Dirigenten Rudolf Kempe und Joseph Keilberth, deren Proben Adriano regelmässig besuchen durfte, bestätigten seine Begabung fürs Dirigieren. Adriano zweifelte. Angesichts der schlechten Ausgangslage glich das Ziel, Orchesterdirigent zu werden, eher einem unerreichbaren Traum.

Josef Burri, Dezember 2017

1

Zitiert nach der Autobiografie von Adriano (Manuskript).