Männerliebe

Adriano in Wien

Adriano in Wien

2014: Adriano in Wien. Männliche Erotik am Donnerbrunnen: Original in der österreichischen Galerie Belvedere.

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© Adriano
Sammlungs Nr.
ID: 2065
2014: Adriano in Wien

Ein Schöngeist wie Adriano muss sich ständig aufs Neue verlieben. Doch bei ihm hat es relativ lange gedauert, bis er bereit war, auf solche Gefühle zu antworten. Der Knopf ging ihm mit 22 Jahren auf, als sich ein Kunde in Tom Men's Shop heftig in den attraktiven jungen Mann verguckt hatte. Seine intensivsten Beziehungen waren meist von kurzer Dauer, vor allem wenn er sich unsterblich verliebte oder wenn ihm ein Partner allzu nahe auf die Pelle rückte:

"Ich mochte Typen, denen ich etwas vermitteln konnte. Ich wirkte angeblich wie ein Magnet, der sie anzog. Einmal hat es länger gedauert, ein ganzes Jahr. Dieser Liebhaber litt unter einem Minderwertigkeitskomplex. Er landete bei Scientology und machte schlussendlich seinem Leben ein Ende."

Auch ein zweiter Langzeitversuch endete tödlich: Der Partner erkrankte an Aids und beging ebenfalls Suizid.

In den einschlägigen Lokalen sah man Adriano nie. Lieber tummelte er sich in Parkanlagen und vergnügte sich dort. Oft traf er verheiratete Männer, darunter manche "mit Niveau". Darüber schrieb Adriano sogar ein Buch1, weil er sich wunderte, warum sie sich auf ihn einliessen. Bei heterosexuellen Männern mit Bi-Tendenzen seien die analen Bedürfnisse sehr ausgeprägt, sagt Adriano – und das kam seinen eigenen Neigungen entgegen.

Zur Emanzipationsbewegung von Schwulen und Lesben hielt Adriano eine gewisse Distanz und kämpfte lieber auf individueller Ebene für mehr Gerechtigkeit und Anerkennung in einer Stadt, die den Homosexuellen immer wieder Steine in den Weg legte, beispielsweise mit dem Schwulen-Register in den 1960er und 1970er Jahren und anlässlich der "Gaynet-Razzia", als 2002 der Zürcher Polizeivorstand ein Strafverfahren wegen Pornografie und Verführung von Minderjährigen gegen Chat-Teilnehmer auf einer Internet-Plattform lancierte; das Verfahren wuchs zu einer gesamtschweizerischen Angelegenheit aus und fand erst 2005 einen Abschluss. Adriano wehrte sich in beiden Fällen persönlich gegen solche behördlichen Schikanen und gegen die Profilierungssucht von einigen höheren Beamten und Politikern auf Kosten von Minderheiten. Inzwischen habe sich doch einiges bewegt, meint Adriano:

"Der Kampf um gleiche Rechte ist wichtig, nicht nur in Fragen der Sexualität. Aber wir müssen dafür nicht als Tunten oder Verkleidungskünstler herumlaufen. Literatur, Film und Fernsehen haben mehr als schrille Strassen-Demonstrationen dazu beigetragen, die öffentliche Meinung zur Homosexualität zu verändern."

Wichtiger als Sex sind für Adriano Freundschaften, die nicht der schnellen Vergänglichkeit unterworfen sind.

Josef Burri, Dezember 2017

1

Adriano: Kick Verlangen Leidenschaft – Der etwas andersartige Beitrag zur Männerforschung. Hellwach Verlag, Zürich 2011. Pirmin Meier, der Historiograf von Hössli, Desgouttes und Federer, schrieb das Vorwort. Siehe auch www.kickverlangenleidenschaft.com