Kiessling-Wörner-Affäre

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Spiegel-Titelbild zur Kiessling-Wörner-Affäre, 1984.

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Urheber: Spiegel-Verlag
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© Der Spiegel
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ID: 2048
Spiegel-Titelbild zur Kiessling-Wörner-Affäre, 1984

Der 20. Januar 1984 war in gewisser Weise ein Höhepunkt in Alexander Zieglers Leben: Der bundesdeutsche CDU-Minister Manfred Wörner empfing ihn im Beisein hoher Offiziere und Politiker. Wörner steckte in der Krise. Es hiess, der frühere stellvertretende NATO-Oberbefehlshaber Europa, Vier-Sterne-General Günter Kiessling, sei homosexuell und somit wegen Erpressbarkeit ein Sicherheitsrisiko. Wörner hatte den General darum vorzeitig in den Ruhestand versetzt.

Doch Wörners Beweislage war dürftig. Gerüchte aus dem NATO-Hauptquartier waren die Basis, Gäste aus Kölner Homo-Kneipen hatten auf einem Foto den "Günter oder Jürgen, auf jeden Fall etwas mit ü, von der Bundeswehr" erkannt, andere Zeugen behaupteten vor einem Untersuchungsausschuss, sie hätten Kiessling im schummrigen Licht des Kölner "Tom-Tom" gesehen. Da kam Zieglers Angebot per Expressbrief: Er verfüge über ein Tonband-Gespräch mit dem Düsseldorfer Strichjungen A. M., das Kiessling entlarve. Allerdings: Ziegler hatte bloss eine angebliche Tonbandabschrift vorzuweisen. Und obwohl über die eidesstattliche Erklärung Zieglers strikte Geheimhaltung vereinbart worden war, standen zwei Tage später alle Geheimnisse im Blick. Ziegler betonte, er habe nur vermitteln wollen...

Der Skandal war perfekt. Der Spiegel urteilte:

"Dabei betrieb Ziegler nur seine übliche Aufschneiderei: Er liebte es, Prominente öffentlich als Homosexuelle zu bezeichnen und sie im Interesse schwuler Selbstachtung zur Ehrlichkeit aufzufordern."

Nun griff Bundeskanzler Helmut Kohl ein, entliess den reaktivierten Kiessling ehrenhaft und versetzte Wörner ins NATO-Hauptquartier.

Die Kissling-Wörner-Affäre war tatsächlich nicht der erste Fall, bei dem Alexander Ziegler Prominente blosszustellen versuchte, indem er sie unfreiwillig outete: beispielsweise seinen Förderer Oskar Wälterlin oder den Komponisten Paul Burkhard. Zieglers ewiger Kampf von unten gegen die da oben, die sich anscheinend alles erlauben können, ist legendär. Bereits Mitte der 1970er Jahre hatte Ziegler einen namentlich nicht genannten CDU-Bundestagsabgeordneten verleumdet, der ihm 50'000 Mark als Schweigegeld angeboten habe, wenn er einen Aufsatz über "Schwule in Bonn" nicht veröffentliche.

Anfang Februar 1979 wurde der damalige österreichische Aussenminister Willibald Pahr in Strassburg von zwei nordafrikanischen Jugendlichen zusammengeschlagen. Er habe ihnen unsittliche Anträge gemacht, gaben die Täter als Entschuldigung an. Ziegler veröffentlichte im Blick einen offenen Brief an Pahr und behauptete, dieser habe zweimal mit ihm telefoniert und gestanden, er sei homosexuell. Pahr dementierte und reichte Klage gegen Ziegler ein - erst Jahre später bekam Pahr Recht.
Im Frühjahr 1983 machten Aussagen im Buch “Eines Mannes Liebe“ Schlagzeilen: Ziegler erzählt dort detailreich von einem Regierungsrat "Rüfenacht", der sich in Kopenhagen mit Spesengeldern "wüsten Ausschweifungen" hingegeben habe. Der Zürcher Regierungsrat Arthur Bachmann verklagte Ziegler, das Verfahren endete später mit einem Vergleich. Den Hannoveraner Du & Ich-Verleger Otto Löffert erstaunten Zieglers Kampagnen kaum; er wusste aus langjähriger Erfahrung, dass dem Schweizer "häufig die Fantasie durchging".

Peter Kaufmann, Dezember 2016