Interpret neuer Musik

Olsen Porträt 1982

Olsen Porträt 1982

Derrik Olsen, 1982.

Urheber
Foto: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Ines Ochsenbein, Bern
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 2058
Derrik Olsen, 1982

Olsen lieh seine Stimme immer wieder Komponisten des 20. Jahrhunderts, unter ihnen Igor Strawinsky, und erhielt hohes Lob dafür, dass er die gewaltigen Anforderungen an die Interpreten nicht nur meisterte, sondern das Verständnis für schwierige und ungewohnte Werke beim Publikum durch seine kluge Interpretation zu wecken und zu fördern wusste. Willi Schuh würdigte seine Leistung anlässlich der Uraufführung von Strawinskys Kantate "A Sermon, a Narrative and a Prayer" in Basel am 23. Februar 1962 wie folgt:

"Mit ausserordentlicher künstlerischer Intelligenz und geistiger Spannkraft fügte sich der Sprecher (Derrick [!] Olsen) der Musik ein."1

Ein weiteres Beispiel von Olsens beispiellosem Einsatz für die zeitgenössische Musik war Wladimir Vogels Oratorium "Wagadus Untergang durch die Eitelkeit", dessen zentrale Bariton-Partie er im In- und Ausland und auch für die Schallplatte sang. Er war an einer ganzen Reihe von Uraufführungen von Schweizer Komponisten des 20. Jahrhunderts beteiligt: Robert Blum ("Nemesis"), Arthur Honegger ("Une cantate de Noël"), Rudolf Kelterborn ("Die Flut" und "Cantata profana"), Rolf Liebermann ("Leonore 40/45"), Frank Martin ("Le Mystère de la Nativité", "Pilate"), Heinrich Sutermeister ("Titus Feuerfuchs") und Wladimir Vogel ("Flucht").

Er scheute sich nicht vor den Tücken, die es für die Interpretation moderner Tonkunst zu bewältigen galt. Wie er dabei vorging und was er davon hielt, darüber hat er sich im Kulturmagazin Du2 geäussert:

"Quarten, Septimen und Nonen sind für Sänger ein Graus, und doch sind sie die häufigsten Intervalle in der modernen Vokal-Musik. Solche Schwierigkeiten können routinemässig recht schnell überwunden werden; ein absolutes Gehör zu haben, hilft natürlich. Es ist falsch zu sagen, dass moderne Komponisten keine Vorstellung von der menschlichen Stimme oder, besser gesagt, von deren Umfang mehr haben. […] Ich glaube, dass der fortschrittlichste Sänger ein Gleichgewicht in der ausgewogenen Praxis der klassisch-romantischen und der modernen Musikliteratur suchen muss. Es gibt nichts Besseres, als nach einem Tag Boulez wieder einen Tag Bach einzuschalten."

Über einen seiner letzten öffentlichen Auftritte als Sprecher im Oratorium "Le roi David" von Arthur Honegger im Jahre 1987 hielt die "Nordschweiz - Basler Volksbatt"3 fest:

"Eindrücklich schliesslich auch Derrick Olson [!] als Erzähler, der die Zuhörer mit klangvoller Stimme durch das biblische Geschehen führte und dabei zwischen distanzierter Sachlichkeit und mitfühlender Anteilnahme klug die Mitte zu halten wusste."

Josef Burri, Juni 2017

1

Willi Schuh: Igor Strawinskys neue Kantate. Schweizerische Musikzeitung – Revue musicale suisse 2/102 (1962), 103.

2

Du 23 (1963), 48.

3

Ausgabe vom 25.11.1987.