Pathologischer Fall?

Ernst Ostertag, 1944

Ernst Ostertag, 1944

Ernst Ostertag, 1944.

Urheber
Fotograf: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Sammlung E. Ostertag/R. Rapp, Zürich
Rechte
© Ernst Ostertag und Röbi Rapp, Zürich
Sammlungs Nr.
ID: 0473
Ernst Ostertag, 1944

Anfang der 40er-Jahre merkte ich, wie meine Kameraden plötzlich nach Mädchen schielten. Das machte mich wütend. Allerdings begann ich gleichfalls mit Schielen. Nur schaute ich nach Kameraden. Das war doch wie immer und ganz normal. Warum aber sind die so was von blöd geworden? Bis ich den Unterschied in ihrer Stimme hörte, wenn sie das neue Wort "Schatz" verwendeten und in eine bestimmte Richtung starrten. Meine Stimme würde bei gewissen älteren Kameraden genau so tönen, das spürte ich, wenn … - aber davon spricht man nicht. Trotzdem suchten die Augen und ich musste stehenbleiben. Diesen Älteren beim Turnen auf dem Platz zusehen. Ein sonderlich angenehmes Gefühl entstand dabei. Ich riss mich los, es merkt’s sonst einer. Wieder war da ein Geheimnis, ein ganz anderes, faszinierendes, auch bedrohliches.

Osterzeit 1942. Ich war 12. Mein Cousin, ein paar Jahre älter als ich, verbrachte die Ferien bei uns. Meine Mutter war seine Gotte (Patin). Einmal, tief im Wald, wo wir zu zweit Picknick hielten, zog er sich nackt aus, was mich völlig elektrisierte. Sofort tat ich es ihm nach und wir betasteten uns überall. Er zeigte "wie es zum Spritzen kommt" und schoss los in hohem Bogen. Dann machte er es auch bei mir. Das war ein neues, ein total überwältigendes Gefühl, auch wenn es, wie er sagte, "noch nicht" spritzte. Ich hatte nur noch Augen für ihn, alles an ihm war so wunderschön. Im nächsten Jahr werde er wieder kommen, so war es abgemacht.

Ein Jahr hatte ich darauf gewartet und mich nachts in Vorfreuden getröstet. Er kam und erzählte mit glänzenden Augen von seinem "Schatz". Wir gingen in den Wald. Er blieb angekleidet und berührte mich nicht. "Mit einem Mädchen ist es viel schöner, das wirst du auch noch erleben." Ich war wie von Messern zerschnitten. Und stumm vor Schmerz - auch noch sehr lange nach den Ferien. Zu wem hätte ich sprechen sollen, wer hätte das verstanden?

Doch dieser brennende Schmerz lehrte mich, dass es keinen Ausweg gab. Mein ganzes Fühlen war anders, anders gerichtet. Es war so stark wie dieser Schmerz. Und wie nannte man das? Und existierten noch andere dieser Art?

In Vaters Lexika entdeckte ich über viele Umwege eine Erklärung und das scheussliche Wort Homosexualität. Es stand in den Seiten zur Medizin und dort im Abschnitt Pathologie. Eine Prozentzahl war nicht angegeben. Gegen diesen "Fund" sträubte sich alles in mir: Nein, niemals war ich krank! Natur kann nicht krank sein. Diese gescheiten Leute wissen nichts. Aber ich weiss, ich habe es tief mit allen Schmerzen erlitten und erfahren. Es musste ein paar wenige mir Gleiche geben, irgendwo. Die will und werde ich einmal treffen.

Zugleich wusste ich, dass davon niemand je etwas merken darf. Als pathologischer Fall verachtet zu werden, das passiert mir nicht.

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Ernst Ostertag, Oktober 2008