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Sulawesi

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Paul Sarasin (Mitte) und Fritz Sarasin (links) auf Forschungsreise in Celebes (Sulawesi). 1893-1903.

Urheber
Fotograf: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: ETH-Bibliothek Zürich
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 2031
Paul Sarasin (Mitte) und Fritz Sarasin (links) auf Forschungsreise in Celebes (Sulawesi)

Fritz (Karl Friedrich) und Paul Benedikt Sarasin haben denselben Urgrossvater, nämlich den Basler Seidenbandfabrikanten Jacob Sarasin-Battier (1742-1802). Sie sind also Gross-Cousins oder Vettern zweiten Grades. Beide stammen gemäss Fritz aus "hochkonservativen" und begüterten Familien. Fritz (1859-1942) ist der Sohn aus zweiter Ehe von Felix Sarasin dem Jüngeren (1788-1862), Baumwollfabrikant, Ratsherr und Bürgermeister von Basel. Paul (1856-1929) ist der Sohn von Karl Sarasin (1815-1886), einem Seidenbandfabrikanten, Ratsherrn und Förderer der Basler Mission (1815 gegründete Evangelische Missionsgesellschaft in Basel). Die beiden Grossvettern lernen sich erst an der Universität und im Rahmen der Studentenverbindung Zofingia näher kennen.

Nach einem Semester an der Universität Genf schreibt sich Fritz 1878 an der Universität Basel ein. Paul beginnt sein Studium 1876 in Basel und wechselt 1879 nach Würzburg, wohin ihm Fritz 1881 folgt. Sie studieren naturwissenschaftliche Fächer (Zoologie, Physiologie, Botanik und anderes, Fritz auch Physik) und doktorieren in Würzburg, wo sie erstmals zusammen wohnen. Die jungen Sarasin bleiben unter dem Vorwand der Wissenschaft ihrer Vaterstadt fern. Sie wollen ihre Jugendzeit unbeschwert geniessen und ihre Beziehung unbeeinflusst von gesellschaftlichem Druck ausleben und festigen.

1883 unternehmen Paul und Fritz die erste Tropenreise, die sie nach Ceylon (Sri Lanka) führt und die sie dank dem Reichtum ihrer Familien selber finanzieren. Sie stellen dort zoologische Forschungen an, sammeln menschliche Schädel und widmen sich dem Studium der Blindwühle (Ichthyophis glutinosus), einer Amphibienart ohne Extremitäten. Ceylon, damals britische Kolonie, sollte Paul und Fritz auch in den späteren Jahren nicht mehr loslassen. 1886 kehren sie nach Europa zurück, aber nicht nach Basel, sondern sie lassen sich in Berlin nieder, wo sie fast sieben Jahre lang im selben Haushalt leben, enge Kontakte zu wissenschaftlichen Kreisen pflegen und ihre Forschungsergebnisse zu Ceylon auswerten. Anlässlich von zwei weiteren Reisen 1890 und 1907 nach Ceylon sind die Sarasin mit anthropologischen Fotografien beschäftigt und studieren die Wedda, die sie für ein leider dem Untergang geweihtes "Urvolk" halten.

1893 brechen die beiden zu einer mehrjährigen Reise nach Celebes auf (mit Unterbrüchen, insgesamt vier Jahre auf Celebes, 1893 bis 1896, 1902 bis 1903). Celebes (heute Sulawesi in Indonesien) steht damals unter holländischer Kolonialverwaltung. Bei sieben Expeditionen ins Hochland, unterstützt von der Kolonialverwaltung, stellen sie zahlreiche Untersuchungen an, unter anderem über Süsswasser-Mollusken, wobei das Hauptinteresse der Tiergeografie gilt. Sie wollen herausfinden, wo die Grenze zwischen der indisch-malaiischen und der australischen Tierwelt liegt. Auch beschäftigen sie sich mit einem weiteren "Urvolk", den Toála. Mit ihren Expeditionen legen sie einen Grundstein für spätere Eroberungsvorstösse der Holländer ins Landesinnere der Insel.

In jüngeren Jahren müssen die beiden sehr sportlich gewesen sein. Sonst hätten sie die Strapazen ihrer Forschungsreisen auf teilweise "schauderhaften Urwaldpfaden" (Fritz) kaum aushalten können. Nach Aussagen von Fritz verfügt Paul allerdings nicht über eine kräftige Konstitution. Nach ihrer endgültigen Rückkehr nach Basel im Jahre 1896 erkrankt Paul an Gicht und muss sich zeitweise in Kur begeben oder das Klima wechseln. Sie erwerben in Basel das Faesch-Haus, ein Barockhaus an der Spitalstrasse 22, das um 1730 herum erbaut wurde und das sie renovieren lassen und als ihren gemeinsamen Wohn- und Studiensitz einrichten.

1905 endet der gemeinsame Forschungsweg von Paul und Fritz, und das enge Verhältnis zwischen den beiden scheint sich zu lockern, auch wenn sie sich weiterhin in Freundschaft verbunden bleiben. 1906 beginnt sich Paul mit dem Naturschutz zu beschäftigen. Er setzt sich für den Erhalt von Naturdenkmälern ein und arbeitet mit an einem eidgenössischen Gesetz für Jagd und Vogelschutz. Sein unermüdlicher Einsatz führt schliesslich zur Gründung des Nationalparks bei Zernez im Engadin. 1911 geht der mittlerweile 52jährige Fritz erstmals ohne Paul, aber in Begleitung seines Freundes Jean Roux, ebenfalls ein Zoologe und Angestellter des von Fritz geleiteten Naturhistorischen Museums in Basel, auf eine weitere Forschungsreise, nämlich nach Neukaledonien und auf die Loyalty-Inseln.

Im Alter von 62 Jahren, im Jahre 1918, heiratet Paul die 25 Jahre jüngere Anna Maria Hohenester aus Landshut. Er zeugt mit ihr zwei Kinder, das erste vor der Eheschliessung, das zweite, ein Sohn, wird 1920 geboren. Nach der Heirat verlässt Paul das gemeinsame Haus an der Spitalstrasse definitiv und lebt mit Frau und Kindern zusammen, bis er 1929 stirbt.

1931 bricht Fritz, mittlerweile 72jährig, nochmals zu einer Forschungsreise auf, diesmal mit seinem Neffen Rudolf Iselin nach Siam, mit Abstechern nach Angkor (Kambodscha) und Bali (Indonesien). Er führt geologische und prähistorische Ausgrabungen durch, immer auf der Suche nach Spuren früher menschlicher Tätigkeit, allerdings mit spärlichem Ertrag, in den nördlichen Provinzen Chiang Mai und Chiang Rai, in der Westprovinz Ratchaburi und in Lopburi (Zentralthailand). Zweifellos gibt Fritz mit seinen Ausgrabungen, deren Artefakte er dem Paläolithikum zuordnet, und der Dokumentation seiner Funde den Anstoss zu einer intensiveren Forschungstätigkeit auf diesem Gebiet in Thailand.

Elf Jahre später, nach dem Tod zahlreicher Freunde und Forscherkollegen, stirbt auch Fritz in Lugano an den Folgen eines Herzinfarktes. Sein Diener findet ihn am 23. März 1942 tot in seinem Zimmer.

Josef Burri, April 2016