1936

Guggu-Kampagne

1936 wagte es Guggu, das eben herausgekommene neue Hetzblättchen, eine naziähnliche dritte Kampagne zu starten unter dem Titel "Die Homosexuellen in Zürich". Federführender Redaktor war derselbe Herr Schlumpf, der schon die Hetzkampagne des Scheinwerfers lanciert hatte. Mit der neuen Publikation unter neuem Namen glaubte er sich nicht mehr an den damaligen Vergleich gebunden.

Nach einem geschichtlichen Rückblick folgte eine Aufzählung von Mordfällen, Erpressungen und anderen Delikten, um vor diesem düsteren Hintergrund brutale Forderungen wie Kastration oder Internierung im KZ plausibel zu machen1:

"Am Ende aller Enden wird man auch in Zürich zu scharfen Massnahmen greifen müssen, denn der Polizei sind ja durch eine Liste der Homosexuellen, [...] die nach allerdings etwas unverbürgten Aussagen über 10'000 Namen umfassen soll, allerhand Mittel in die Hand gegeben. [...] Vielleicht müssten wir uns doch die Konsequenzen des 'Dritten Reiches' zum Vorbild nehmen. [...] Im Interesse der Arterhaltung wird im heutigen Deutschland mit den Homosexuellen kurzer Prozess gemacht. Sie werden aufgestöbert, massenweise in die Spitäler befördert und - kastriert! Dann werden sie einige Jahre ins Konzentrationslager gesteckt und als 'Moorsoldaten' betätigt, wo ihnen der perverse Trieb, falls er noch bestehen sollte, gründlich ausgetrieben wird. Eine Kur, die wirklich ganze Arbeit macht, aber in Dezennien wohl noch als notwendig und nützlich gepriesen wird, wenn das einstige Laster gänzlich ausgerottet sein wird."

Titelblatt 'GUGGU'

Titelblatt 'GUGGU'

Titelblatt des Hetzblattes 'GUGGU', 5/1936. Leitartikel 'Der homosexuelle Pfarrer von der Lukas-Kapelle (Zürich)', mit Nennung des vollen Namens und der Adresse des Angeschuldigten

Urheber
Autor: Alfred Schlumpf, Zürich
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Rechte
© erloschen
Sammlungs Nr.
ID: 0303
Titelblatt des Hetzblattes 'GUGGU', 5/1936
Illustration im 'GUGGU'

Illustration im 'GUGGU'

Illustration im 'GUGGU', 5/1936. 'Der moderne Rattenfänger von Hameln!' Bildlegende zu einem nationalsozialistisch geprägten Hetzartikel aufgrund eines wegen Sittlichkeitsdelikten an Knaben angeklagten Pfarrers der 'evangelischen Gesellschaft' der Lukas-Kapelle in Zürich 4.

Urheber
Zeichner: Alfred Schlumpf, Zürich
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 0030
Illustration im 'GUGGU', 5/1936
"Die Moorsoldaten": Zeugnis des Naziterrors
Moorsoldaten

Moorsoldaten

'Die Moorsoldaten' von Wolfgang Langhoff, 1935. Der Autor und Schauspieler schildert erstmals die menschliche Erniedrigung und die Hölle in den Nazi-KZ. Illustration von Jean Kralik. Quelle: Sammlung Alte Drucke, AWD 315 s199.

Urheber
Autor: Wolfgang Langhoff
Herausgeber
Besitzer: ZB
Rechte
© ZB
Sammlungs Nr.
ID: 0727a
'Die Moorsoldaten' von Wolfgang Langhoff, 1935

In dem 1935 erschienenen Buch "Die Moorsoldaten" schilderte der Autor und Schauspieler Wolfgang Langhoff erstmals die menschliche Erniedrigung und den brutalen Terror in der Hölle der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Er tat dies authentisch aufgrund seiner eigenen Erfahrungen während einer 13 Monate langen Haft 1933/34 als "Politischer" (Kommunist) in den KZ Lichtenburg und Börgermoor.

Danach gelang Langhoff die Flucht in die Schweiz, wo er von 1934 bis 1945 am Zürcher Schauspielhaus wirkte, um danach in Berlin (Ost) seine Karriere fortzusetzen.

"Die Moorsoldaten" war einer der ersten im freien Ausland veröffentlichten Berichte über die Verbrechen der KZ-Verantwortlichen und die systematische Menschenverachtung in den Nazi-Lagern. Es fand daher grosse Beachtung, vor allem in den angelsächsischen Ländern.

Schwule: Eiterbeulen und Bazillen

In der nächsten Ausgabe vom 6. November 1936 betrieb Guggu offene Denunziation. Unter dem Titel "Vom Verein der homosexuellen Männer und der 'warmen' Frauen" folgte der Text in typischer Nazi-Technik dem Muster, durch verleumderische Hinweise auf "Fäulnisherde" im Staatsapparat sowohl die Gesellschaft wie den Staat selbst zu destabilisieren und zugleich die eigene Machtergreifung vorzubereiten:

"Vielen Fragern zur Mitteilung, dass das gegenwärtige Vereinslokal dieses unerwünschten Vereins im Restaurant Stüssihof ist. [...] Präsidentin des Vereins und Herausgeberin der Vereinszeitschrift Freundschaftsbanner ist immer noch Fräulein Anny Vock, Anwandstr. 5, in Zürich 4. Einer der Hauptkorrespondenten dieses Blattes ist der 'Cornichon'-spieler Reiner [Karl Meier, der sich später 'Rolf' nannte]. [...] Die 'höher gestellten' Mitglieder zeigen sich selten in den Versammlungen, sie 'leben' für sich. In Zürich wird die Ausrottung dieser sittlich Kranken auf schweren Widerstand stossen, denn es sitzen in den Behörden und in erzieherischen Ämtern gar viele Homosexuelle, welche die Bestrebungen der gesund Denkenden durchkreuzen werden. Wenn man die Eiterbeule aufschneiden will, dann muss man zuerst die Bazillen im eigenen Verwaltungskörper töten, um zum Herd der Krankheit gelangen zu können."

Die Auswirkungen dieser dritten Kampagne von 1936 zeigten sich auch in "Zuschriften" an die Redaktion des Schweizerischen Freundschafts-Banners, worin diese und allgemein alle homosexuellen Frauen und Männer mit diffamierenden Worten beschimpft und mit Andeutungen konkreter Gewalttaten bedroht wurden.

Im Schweizerischen Freundschafts-Banner 21/1936 erschien eine Stellungnahme zur Kampagne unter dem Titel "Zu was die Homosexuellen alles gut sind":

"[...] Wenn heute sämtliche Homoeroten, Männer und Frauen, kastriert und unfruchtbar gemacht würden, zeugten morgen schon Heterosexuelle (sog. Normale) wieder Homosexuelle. Also derselbe Kreislauf wie seit Jahrtausenden bis ans Ende der Zeiten. [...] 'Die Natur schafft nichts, was sie nicht verantworten kann'. [...] Es liegt klar auf der Hand, dass durch solche Artikel der Moral nicht gedient wird. Sondern im Gegenteil: durch Wort und Bild an die niedrigsten Instinkte eines gewissen Mobs appelliert wird. [...] Wir glauben auch nicht, dass die Behörden sich derart brüskieren lassen und einem solchen Skribenten nicht auf die langen Finger klopfen und konkrete Beweise verlangen, statt allgemein sich verdächtigen zu lassen."

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Ernst Ostertag, Juni 2004

Quellenverweise
1

Alfred Schlumpf, Guggu, 5/1936.