1922

Luzern

Die erste Gruppe in der Schweiz

Zum "Gründungstag", der eigentlich aus zwei Tagen bestand, schreibt Beat Frischknecht in seiner Arbeit über die "erste schweizerische Homosexuellen-Organisation" (Titel: " 'Der vom Alpenglühen rot erstrahlende Pilatus leuchtete uns dazu ins Zimmer...' "):

"Was an diesem Wochenende (vom 1./2. Juli 1922) dann geschah, kann mit Fug und Recht als historisches Ereignis bezeichnet werden, welches jedoch bisher in den wenigen Darstellungen zur schwulen Schweizergeschichte nur am Rande erwähnt oder gar völlig verschwiegen wurde. Es handelte sich nämlich um die allererste Gründung einer homosexuellen Organisation in der Schweiz - die Geburtsstunde der eidgenössischen Schwulenbewegung also! Glücklicherweise hat in der Freundschaft (Die Freundschaft, Organ des Deutschen Freundschafts-Verbandes, DFV) ein damals Anwesender namens Hermann Wiederhold sehr detailliert über diesen Anlass berichtet."1

Zum ersten Präsidenten der neuen Organisation mit dem Namen "Schweizer Freundschafts-Verein" wurde Hector Marco Schnyder, Luzern, gewählt. Hermann Wiederhold schrieb dazu, zitiert nach Capri, Nr. 40, Februar 2008, S. 42/43, wo der Originalbericht aus Die Freundschaft vom 29. Juli 1922 in Faksimile nachgedruckt erschien:

"Den rastlosen Bemühungen des Schweizer Mitglieds des DFV (Deutscher Freundschafts-Verband), Herrn H. M. Schnyder, war es gelungen, Zusagen anderer Schweizer Mitglieder und Interessenten zu erhalten, und so konnten die am Samstag, den 1. Juli eingetroffenen Herren gleich in das idyllisch mitten im Grün gelegene Klublokal geführt werden, wo nach Einnahme des Essens sofort mit der geplanten Besprechung begonnen wurde. Der niedrige aber geräumige Sitzungssaal mit seinen vielen Fenstern, welche Ausblicke auf Berge und See bieten, war von Herrn Schnyder sehr stimmungsvoll hergerichtet. In der Mitte ein langer grüngedeckter Tisch, quer daran der Präsidententisch, auf dem ein Totenkopf auf einem blau-weiss-violetten Banner lag, als Sinnbild unseres schweren Kampfes, welcher bis zum Tode durchgehalten werden soll, wobei die Kämpfer im DFV und in erster Linie Herr Dr. Magnus Hirchfeld, dessen Bild ebenfalls aufgestellt war, als Vorbid dienen. Im übrigen war das Zimmer mit Willkommengrüssen, Blumen und mit Bildern aus der Antike ausgeschmückt.

Die Worte, die Herr Schnyder zur Einleitung sprach, waren von packender Gewalt und zu Herzen gehend. Er sprach gleich einem apostolischen Kämpfer von unserer grossen Aufgabe, der sich alle Artgenossen voll und ganz widmen sollten. Und das Feuer seiner Rede riss auch die zahlreich erschienenen Mitglieder hin. - Es war seit Jahren der Gedanke unseres Herrn Schnyder, eine Vereinigung in der Schweiz herbeizuführen und ein gemeinsames Vorgehen zu erzwingen, um Mitmenschen wie Behörden von dem schreienden Unrecht, das man uns zufügt, zu überzeugen. Und wenn wir auch nur die Vorkämpfer für spätere Generationen sein dürfen, so wollen wir uns auch damit zufrieden geben. - In rührender Weise sprach Herr Schnyder von den vielen Einsamen, welche unsere schönsten Jahresfeste allein und verlassen zubringen müssen, von lebensmüden, totwund gehetzten Artgenossen, von in Kerkern Schmachtenden und von Eltern, die sich ihren Sohn als schlecht und entehrt vorstellen. Das Bestreben solle darauf gerichtet sein, Linderung und Hilfe zu schaffen, wo es nur irgend möglich ist. Dies soll der Hauptzweck des Vereins für die in der Schweiz wohnenden Mitglieder sein. [...] Es war eine grosse weihevolle Stunde. Der vom Alpenglühen rot erstrahlende Pilatus leuchtete uns dazu ins Zimmer, wohl jeder hatte Mühe, sich nach dieser erhebenden Stunde in die Wirklichkeit zurückzuversetzen. [...]"

Am nächsten Tag (Sonntag, 2. Juli) trafen noch weitere Mitglieder des DFV aus "Bern, Basel, Zürich, ja sogar aus dem entfernt gelegenen Chur" ein. Nach einem "Marsch durch den herrlich grünen Wald" und dem Mittagessen beschloss die ganze Versammlung (gemäss Originalbericht, Faksimile-Druck in Capri Nr. 40, Februar 2008):

"Der 'Schweizer Freundschafts-Verein' [...] soll vorläufig inoffiziell sein und privaten Charakter tragen. In Ziel und Streben gilt der Berliner DFV als vorbildlich und kompetent. Wir hoffen, in idealem Sinne in weitestgehender Weise in Berlin Unterstützung unseres Zusammenschlusses zu finden. Möge diese erste Zusammenkunft, welcher alle drei Monate weitere folgen sollen, der Grundstein zu einer starken Macht unserer Artgenossen in der Schweiz bilden. Vivat, crescat, floreat!"

Bereits an der zweiten Versammlung vom 7. Oktober 1922, ebenfalls in Luzern, kam es zu einem Namenswechsel in "Schweizer Freundschaftsbund / Société amicale suisse". Denn es gab auch Mitglieder, Männer und Frauen, aus der Romandie. Und Die Freundschaft, Heft 46/1922, erwähnte, dass die neue Organisation mit Sitz in Luzern einen Aufnahmeantrag gestellt habe. Dieser wurde angenommen, sodass die Schweizer nun "als Landessektion Schweiz dem Deutschen Freundschafts-Verband" angegliedert worden seien:

"Wir heissen auch an dieser Stelle unsere Schweizer Kampfgenossen in unseren Reihen willkommen und geben der Hoffnung Ausdruck, dass andere Länder dem Beispiel der Schweiz folgen werden."

1923 geschah unter dem Vorsitzenden Friedrich Radszuweit die Umbenennung des Deutschen Freundschafts-Verbandes in "Bund für Menschenrecht", der nun neu die Blätter für Menschenrecht herausgab. 1924 erschienen in diesen Blättern2 Anzeigen zur Mitgliederwerbung für den Schweizer Freundschaftsbund mit dem Titel "Kameraden schliesst euch noch mehr zusammen!" Ähnliches war ebenfalls in der Zeitschrift Die Freundin3 zu lesen:

"Schweiz. Freundschaftsbund nimmt einwandfreie Damen und Herren auf."

Die schwul-lesbische Community feierte 2005 in Luzern das positive Resultat der eidgenössischen Volksabstimmung über das Partnerschaftsgesetz mit einer grossen gesamtschweizerischen Pride. Damit kehrte sie, was damals nur wenigen bewusst war, an ihren Ursprung, an ihr "Rütli" zurück.

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Ernst Ostertag, Dezember 2007 und März 2008

Quellenverweise
1

Beat Frischknecht, " 'Der vom Alpenglühen rot erstrahlende Pilatus leuchtete uns dazu ins Zimmer...' ", erschienen in Capri, Zeitschrift für schwule Geschichte, Hrsg. Schwules Museum Berlin, Nr. 40, Februar 2008, ab Seite 34, Zitat auf S. 35.

2

Friedrich Radszuweit, Hrsg.: Blätter für Menschrecht, 1924, Nummern 1 bis 9.

3

Friedrich Radszuweit, Hrsg.: Die Freundin, Berlin, Nummer 6 vom 6. Februar 1925, Seite 8.