Beobachtungen

Deutsche Zeugen

Auch Ferdinand Karsch-Haack traf auf eine rege Szene, als er im Herbst 1902 eine Forschungsreise in die Schweiz unternahm, um Spuren Heinrich Hösslis zu entdecken. Darüber berichtete er im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" des Wissenschaftlich-humanitären Komitees Berlin1.

Magnus Hirschfeld selber besuchte mehrmals die Schweiz, bevor er vom Mai 1932 bis Mai 1933 sein erstes Jahr im Exil hier verbrachte. In seinem 1914 erschienenen Buch "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" schrieb er2:

"Die deutschrussischen Urninge haben mich in einer gewissen Derbheit ihres Wesens immer am meisten an die der deutschen Schweiz erinnert, aus der ich in Berlin und im Lande selbst zahlreiche Homosexuelle kennen lernte. Hauptstätten homosexuellen Verkehrs sind Zürich und Basel, Luzern und Bern, denen sich in der französischen Schweiz Genf anschliesst. Ob ein Kanton Strafbestimmungen gegen die Urninge hat oder nicht, hat nach übereinstimmender Versicherung einheimischer Kenner nicht den geringsten Einfluss auf die Betätigung. [...] Namentlich an bestimmten Stellen der Quais am Vierwaldstätter-, Zürcher-, Genfer- und Luganersee stösst der fremde Urning stets auf gleich empfindende oder zum Verkehr sich anbietende oder bereite Partner. [...] Dass es in der eidgenössischen Bevölkerung viele Eingeborene gibt, denen auch die homosexuelle Anlage eingeboren ist, kann nicht dem mindesten Zweifel unterliegen. [...] Eine urnische Sammelstätte von internationalem Ruf ist ein Bahnhof in der Schweiz. Man kann die Zahl derjenigen, die in seinen Hallen Männerbekanntschaften suchen, gering gerechnet auf 20'000 im Jahr, während eines Tages auf 60 bis 70 Personen beziffern."

Im Katalog zur Ausstellung "100 Jahre Schwulenbewegung", Berlin 1997 findet sich folgender Hinweis:

"Der schwule Reiseführer, den der Verlag der Berliner Zeitschrift Die Freundschaft 1920 herausgab, enthält in der Rubrik 'Ausland' immerhin drei Schweizer Einträge. In Basel werden das Café Spitz und das Hotel Bristol als 'Vereinslokale' genannt, für Zürich und St. Gallen wird vermerkt: Auskunft vermittelt für einwandfreie Durchreisende der Verlag des Reiseführers."3

Damit sind wir bei den Lokalen, die zu Treffpunkten und Orten des Gesprächs und Beisammenseins von Artgenossen wurden, weil ein Wirt entweder selber dazu gehörte oder "wohlwollend" war, da er rasch merkte, dass diese Menschen recht zahlungskräftige und selten oder nie betrunkene oder aggressive Kundschaft sind. Solche Lokale waren die Voraussetzung für das Entstehen einer organisierten Homosexuellen-Gruppe, denn aus flüchtigen Bahnhofs- oder Quaibekanntschaften ergaben sie sich nicht. Orte des Gesprächs hingegen wurden später zu "Vereinslokalen".

Dies die wenigen Hinweise auf das homosexuelle Leben vor 1922. Ab 1920 erschien in Deutschland die Zeitschrift Die Freundschaft, welche ab 1922 auch Hinweise auf die Schweizer Szene brachte.

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Ernst Ostertag, Mai 2004

Quellenverweise
1

Ferdinand Karsch-Haack: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen des Wissenschaftlich-humanitären Komitees Berlin. Band 5, 1903, Seiten 449 bis 556.

2

Magnus Hirschfeld: Die Homosexualität des Mannes und des Weibes, 1914, ab Seite 540.

3

Manfred Herzer: Schweizerisches Freundschaftsbanner, Aufsatz für den Katalog zur Ausstellung "100 Jahre Schwulenbewegung", Berlin 1997. Der Autor zitiert dabei aus CAPRI, Zeitschrift für schwule Geschichte, Schwules Museum Berlin, Jg. 4, 1991, Nr. 4.