Prostitution

Mannmännliche Prostitution und frühe Polizeikontrollen mit Registern in Zürich

Schon Jacob Rudolf Forster berichtete ausführlich von einschlägigen Bekanntschaften, die er an verschiedenen Orten machte, und dass es ihm keinerlei Mühe bereitete, Gleichgesinnte zu treffen. Das war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

In seiner Autobiografie "Justizmorde im 19. Jahrhundert" schrieb er unter anderem über die Mann-männliche Prostitution in Zürich. Und in der für ihn typischen Weise ortete er zugleich Ursachen und Zusammenhänge:

"Gegenwärtig steht es in der Türkei besser um die urnische Liebe, indem dieselbe dort völlig straflos ist, ja, es befinden sich dort [...] geduldete männliche Freudenhäuser. Solche gibt es zwar in den meisten grösseren Städten Europas, ja selbst in einigen Städten der Schweiz, allein nicht allerorts sind solche vor der Polizei sicher! Es ist fast, als ob die Obrigkeit lieber in den Gassen, Strassen und Promenaden Hurerei dulde, als eine zu Recht bestehende Prostitution. - Zürich steht obenan, was kein Wunder ist, denn wer in diesem Kanton im verschlossenen Zimmer liebt, sodass niemand etwas sehen könnte, es aber doch auf irgend eine Weise zu Ohren der Polizei kommt, wird wegen öffentlichen Ärgernisses bestraft. Warum will der Urning dann noch weit (zu sich nach Hause) laufen? Warum Gefahr laufen, von dem Geliebten vielleicht später gehetzt, denunziert (oder erpresst) zu werden? Lieber das Geschäft gleich im Freien abmachen. Und so geschieht es auch tagtäglich in schamloser Weise an den verschiedensten Plätzen, denn Zürich allein zählt über 500 Urninge. Solche, die sich denen hergeben über 2000. Wollte der Himmel, dass doch diese Liebe geregelt würde, aber nicht durch Unterdrückung. Denn mit Luther rufe ich aus:

'Wer uns den Naturtrieb wehren will und nicht lässt, wie Natur will und muss, was tut er anderes als wehren, dass Feuer nicht brenne, Wasser nicht netze, der Mensch nicht esse, noch trinke, noch schlafe'.

Das sind Worte, die man in Stein über die Türen unserer Kirchen meisseln sollte, worin gegen das 'sündhafte Fleisch' gepredigt wird."

Dass sich die Gesellschaft in Sachen Prostitution diskret blind stellte, um dafür entsetzt aufzuschreien, wenn es um Homosexuelle ging, illustriert der Beitrag von Andrea Kauer "Homosexuelle Prostitution in Zürich" im Ausstellungskatalog "Wertes Fräulein, was kosten Sie?"1:

Pension Erne

Pension Erne

Pension von Xaver Erne, Limmatquai 22, Zürich, um 1911 . Quelle: LIM 22 10175/4.

Urheber
Urheber: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Baugeschichtliches Archiv, Zürich
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 0023
Pension von Xaver Erne, Limmatquai 22, Zürich, um 1911

"Die Zürcher Zeitungen waren sich einig im Frühling 1911: Etwas Unerhörtes war geschehen. [...] Sie berichteten, dass die Polizei am Limmatquai 22 eine Pension aufgehoben habe, in der die Spiegel an der Decke befestigt gewesen seien! Der Inhaber, Xaver Erne, Oberkellner im eleganten Tonhallerestaurant, hatte seine Räume nicht nur an Dirnen und deren Freier vermietet - dies allein hätte kaum einen solchen Aufruhr verursacht -, sondern auch an Homosexuelle in Begleitung männlicher Prostituierter."

Und mit den Schlagzeilen "Ein Sittlichkeitsskandal in Zürich!", "Perverse Ausschweifungen!", "Beschämende Affäre!" geriet

"eine Szene ans Licht der Öffentlichkeit, die ansonsten um grösstmögliche Diskretion bemüht war."

Das Zürcher Strafgesetzbuch von 1897 war klar. §123b lautete:

"Wer widernatürliche Unzucht treibt oder dazu Vorschub leistet, wird mit Gefängnis, in schweren Fällen mit Arbeitshaus oder Zuchthaus bestraft."

Es ist möglich, dass nach dem Skandal von 1911 damit begonnen wurde, eine Observation und Auflistung von homosexuell sich bemerkbar machenden Männern durchzuführen. Die Ausstellung "KRIMINELL, Verbrechen in Zürich als Spiegel ihrer Zeit"2 von Willi Wottreng im Stadthaus Zürich, 2008, zeigte Kopien von zwei Polizeirapporten über Homosexuelle, die mit Strichern und anderen Homosexuellen in der Wohnung des einen mehrmals sexuelle Orgien feierten. Dabei waren die Namen genannt und das Datum mit November 1914 angegeben.

In Wottrengs Buch "Nachtschattenstadt, Zürcher Kriminalgeschichte"3 steht der auf das Jahr 1929 bezogene Satz:

"Die Stadtpolizei Zürich führte seit Jahren eine strenge und umfassende sittenpolizeiliche Kontrolle des hs. Trieblebens durch, wie ein Amtsstatthalter formulierte."

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Ernst Ostertag, Mai 2004

Weiterführende Links intern

Jacob Rudolf Forster

Quellenverweise
1

Andrea Kauer: Aufsatz "Homosexuelle Prostitution in Zürich" im Ausstellungskatalog, Wertes Fräulein, was kosten Sie?, Museum Bärengasse, Zürich, 2004.

2

Willi Wottreng: KRIMINELL, Verbrechen in Zürich als Spiegel ihrer Zeit, Ausstellung im Stadthaus Zürich vom 23. Januar bis 9. Mai 2008, Polizeirapporte über Homosexuelle, 1914.

3

Willi Wottreng: Nachtschattenstadt, Zürcher Kriminalgeschichte, Elster-Verlag, Zürich, 1999.