Scheitern

Der alte Heinrich Hössli

Der alte Heinrich Hössli

Heinrich Hössli, 1784-1864. Erschienen in 'Der Eigene', ein Blatt für männliche Kultur, Jahrgang X, Nr.1/2, 1924. Sonderausgabe: 'Der freien Schweiz gewidmet'. Seite 39.

Urheber
Fotograf: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Sammlung E. Ostertag/R. Rapp, Zürich
Rechte
© erloschen
Sammlungs Nr.
ID: 0007
Heinrich Hössli, 1784-1864

Zwei Jahre später, 1838, erschien Band II im Verlag C.P. Scheitlin, St.Gallen. Hössli hatte seine ganze Kraft dieser gewaltigen Aufgabe gewidmet - ohne sein renommiertes Putzmachergeschäft zu vernachlässigen.

Als die Glarner Behörden, die sich noch kurz zuvor eine progressive Verfassung gegeben hatten, die Weiterverbreitung beider "dem Schutzgeist der Menschheit" gewidmeten Bände verboten und die Restbestände konfiszierten, fühlte sich Hössli verraten und zutiefst gekränkt. Gerade diesen "progressiven" Behörden hatte er vertraut. Nun war er gezeichnet.

Die Kundschaft begann ihn zu meiden. Er verliess Glarus, wohl auch, um Geschäft und Bruder nicht länger zu gefährden, und begann ein unstetes Wanderleben. Nur wenige Freunde hielten ihm die Treue. Der dritte Band kam nicht über einige Entwürfe hinaus. Die Nachricht vom tragischen Tod seines Sohnes traf ihn besonders hart.

Beim grossen Brand von Glarus in der Föhnnacht vom 10./11. Mai 1861 verbrannten höchstwahrscheinlich alle beschlagnahmten Bände. Sie sind nirgendwo gefunden worden. Enttäuscht, vereinsamt, verarmt und verbittert starb Hössli am 24. Dezember 1864 80-jährig in Winterthur.

Offensichtlich war in der Schweiz des 19. Jahrhunderts gelebte Homosexualität, ja das Thema überhaupt, so total geächtet und daher ein absolutes Tabu, dass ein Aufbrechen, in welcher Form auch immer, sofort mit schärfsten Sanktionen belegt und öffentlich gebrandmarkt werden musste.

Nach 1817 kaufte der Kleine Rat des Kantons Bern das gesamte auffindbare Schriftmaterial zum Fall Desgouttes zusammen, um es restlos zu vernichten. Dazu gehörte auch der von Desgouttes selbst kurz vor seiner Hinrichtung verfasste Lebensbericht. Die Konfiskation von Hösslis Werk durch die Regierung in Glarus sprach dieselbe Sprache. Was nicht sein durfte, konnte auch nicht sein und hatte schon gar nicht öffentlich zur Diskussion zu stehen.

Genau dieser Hintergrund macht die fundamentale Pioniertat Heinrich Hösslis noch bedeutender. Und sie liefert zugleich die Bestätigung seiner These. Denn Desgouttes' Bericht wie Hösslis Werk blieben bestehen (wenn auch in wenigen Exemplaren), während keiner mehr von jenen spricht, die es vernichteten.

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Ernst Ostertag, Januar 2004