Gespalten

Der Gewissensgequälte

Jakob Stutz

Jakob Stutz

Jakob Stutz, 1801-1877, Schweizer Schriftsteller und 'Volksdichter'. Portrait von 1848. Erschienen in 'Der Eigene', ein Blatt für männliche Kultur, Jahrgang X, Nr.1/2, 1924. Sonderausgabe: 'Der freien Schweiz gewidmet'. S. 45. Quelle: Graphische Sammlung, 000009660.

Urheber
Portraitzeichner: Friedrich Irminger
Herausgeber
Besitzer: Zentralbibliothek Zürich (ZB)
Rechte
© ZB
Sammlungs Nr.
ID: 0009
Jakob Stutz, 1801-1877, Schweizer Schriftsteller und 'Volksdichter'

Jakob Stutz war ein lebenslang gequälter Mensch, weil er mit seiner Veranlagung nie Frieden schliessen konnte, so sehr er sich auch danach sehnte. Er war tief im christlichen Menschenbild verwurzelt, das die Mutter und andere ihm nahe stehende Personen vermittelt hatten. Dazu gehörten auch zwei Pfarrherren, die seine geistigen Fähigkeiten förderten und aus ihm einen gebildeten Mann und Schulmeister machten. Wie hätte er ein Akzeptieren seiner Veranlagung auch nur denken können?

Die Schriften seiner Zeitgenossen Heinrich Hössli und Karl Heinrich Ulrichs blieben Jakob Stutz unbekannt.

Er verstand sich immer als Dichter und Schriftsteller, dessen Hauptanliegen die Belehrung des Landvolks und die Aufklärung der Obrigkeit über Nöte und Bedrängnisse der ländlichen Bevölkerung sein sollte und sein musste. Damit fand er auch weit über die Grenzen Zürichs hinaus Beachtung. Dass das Ausbeuten der Heim- und Fabrikarbeiter nicht die unerträglichen Ausmasse annahm wie in anderen Gegenden und Ländern, war der enormen Ausstrahlung seines Theaterstücks "Der Brand von Uster" zu verdanken, nebst dem grossen Erfolg der vielen anderen Werke, die er später veröffentlichte.

Das innere Gespaltensein, die Not und Gewissensqual machten ihn für Sorgen und Probleme der Mitmenschen hellsichtig. Wenn in Gedichten und Aufsätzen auch kaum etwas davon spürbar wird, so geben Tagebuchnotizen, Briefstellen und Andeutungen in "Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben" Einblick in diese Wirklichkeit:

Aus "Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben", S. 364

"Wie fühlte ich mich so selig in dieser meiner ersten Freundschaft, denn sie war treu und wahrhaft, und jeder freute sich, wenn der Andere glücklich war."

Aus "Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben", S. 364

"Warum? - Warum, um Gottes Willen, kann ich nicht gehen die Wege, wo andere? - Warum muss ich von allen, allen meinen Jugendgefährten eine so sonderbare Ausnahme machen?"

"Es ist gut Christ zu sein, wenn alles den friedlichen Weg geht und kein Teufel dich plagt."

"Welches Schicksal hat mich hieher [nach Schwellbrunn, AR] geführt? Wohl fühle ich, dass meine Wunde sich nach und nach wieder heilet, aber vernarben wird sie nimmermehr."

Tagebuch 1840

"Es ist gerade, wie wenn Gott einen ganz verkehrten Menschen aus mir gemacht hätte. Meine Seele ist bekümmert um und um bis in den Tod."

Tagebuch, 4.9.1841

"Warum gibt es Menschen, denen man Vernunft und Verstand nicht absprechen kann, die einen verkehrten, widernatürlichen Geschlechtstrieb gleichsam mit auf die Welt bringen? Die sich auch unter den günstigsten Umständen nie und nimmer entschliessen können, zu heirathen? Sage mir doch ein Mensch, ich bitte sehr dringend, woher das kommen möge? Schreiber dies gehört leider auch unter diese Klasse von Menschen, die gewiss die unglücklichsten auf Erden sind."

Tagebuch, 8.9.1841

"Gott hat mir eine andere Seele gegeben, als den übrigen Menschen, eine Seele mit widernatürlichen Neigungen, die aber so stark oder noch stärker sind, als bei anderen Menschen die natürlichen."

Tagebuch 1842

"Hat wohl ein Mensch so schwere Kämpfe wie ich? Ich schreie um Erlösung, aber der Herr antwortet mir nicht. Ich bitte um Krankheit, er lässt mich gesund, ich flehe um den Tod und er lässt mich leben. - Ach, lass es doch einmal genug sein. Siehe, ich krümme mich ja wie ein Wurm vor dir."

"An meinem Leibe habe ich von Jugend an noch wenig gelitten, aber kein Leiden der Seele ist, das ich bis auf diese Stunde nicht auf die qualvollste Weise hätte erfahren müssen." 

Ende und Anfang aus dem Gedicht "Tagebuch eines Einsamen", 1854

Ich wollte beten, konnte nicht,
Mir schien die Welt zu flieh'n;
Ich sank an meinem Betaltar
In stummer Andacht hin.

Es löschten sich die Kerzen aus,
Der Glockenklang verscholl.
Es wurde Nacht, es wurde still -
Und mir ward weh und wohl.  

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Ernst Ostertag, Januar 2004

Weiterführende Links intern

Heinrich Hössli

Karl Heinrich Ulrichs