1934-1935

1. Akt

Verrat an einem Schweizer

Leopold Obermayer

Leopold Obermayer

Leopold Obermayer. Rechtsanwalt in Würzburg, Schweizer Bürger von Siblingen (SH). Foto: Nazi-Hetzblatt 'Der Stürmer', März 1936. Quelle: E 2001-08 1978/107 Bd. 106, Dossier Obermayer Leopold 1892 (1934-1945).

Urheber
Fotograf: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Schweizerisches Bundesarchiv (BAR)
Rechte
© BAR
Sammlungs Nr.
ID: 0711
Leopold Obermayer

Stellvertretend für viele sei das Schicksal des abgewiesenen Schweizers und homosexuellen Juden Leopold Obermayer angeführt, welches die Weltwoche vom 8. August 2001 in einem Bericht von Laurenz Müller unter dem Titel "Aufhaltsam dem Tod entgegen" veröffentlichte. Eine Zusammenfassung:

Leopold Obermayer, dessen Vater, aus Bayern eingewandert, 1868 das Bürgerrecht von Siblingen (SH) erwarb, war Schweizer (sein Pass ist heute noch in der Verfolgungsakte enthalten). Er lebte als promovierter Jurist in Würzburg und führte eine Anwalt-Praxis. Weil er "bemerkte, dass seine Post geöffnet wurde" und sich "wegen Verletzung des Briefgeheimnisses bei der Polizei" beschwert hatte, wurde er Ende Oktober 1934 verhaftet1.

Die Politische Polizei ermittelte gegen Obermayer als Juden und fand belastendes Material, das ihn zudem als homosexuell veranlagt auswies.

Zu Beginn des Jahres 1935 wurde er ins Konzentrationslager Dachau überführt und blieb dort völlig rechtlos bis zum 23. September.

"Für Obermayer begann nun eine neun Monate [...] dauernde Zeit von Folter, Dunkelhaft, unzureichender Ernährung, Hygiene und medizinischer Versorgung, von Verhören, üblen Beschimpfungen, Todesdrohungen und der Ungewissheit, den Ort je wieder verlassen zu können."2

Verschärften Dunkelarrest erhielt er,

"weil er Papier und Briefkuvert, das sein Anwalt ihm geschickt hatte, zu einem Brief an das Schweizer Konsulat zu nutzen suchte, ein andermal, weil er sich über die unmenschliche Behandlung zu beschweren wagte."3

Der zuständige schweizerische Generalkonsul in München, Friedrich Kästli, berichtete an den Schweizerischen Gesandten in Berlin, Paul Dinichert, dass seine Erkundigung bei der Politischen Polizei "ein sehr ungünstiges Bild über die Persönlichkeit unseres Landsmannes ergeben" habe. Er blieb daraufhin untätig.

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Ernst Ostertag, September 2006

Quellenverweise
1

Albert Knoll: Totgeschlagen - totgeschwiegen, Die homosexuellen Häftlinge im KZ Dachau, Seite 26, Serie "Splitter", Nr. 4, Forum Homosexualität und Geschichte, München, 2000; Zitate ohne Vermerk stammen aus: Laurenz Müller, Aufhaltsam dem Tod entgegen, in Weltwoche, 8. August 2001.

2

Albert Knoll: Seite 27.

3

Albert Knoll: Seite 28.