1935-1936

3. Akt

Das Unheil nimmt seinen Lauf

Zeitungsausschnitt Fall Obermayer

Zeitungsausschnitt Fall Obermayer

Diffamierung Obermayers im 'Stürmer', 10.12.1936. Quelle: E 2001-08 1978/107 Bd. 106, Dossier Obermayer Leopold 1892 (1934-1945).

Urheber
Autor: anonym
Herausgeber
Besitzer: Schweizerisches Bundesarchiv (BAR)
Rechte
© BAR
Sammlungs Nr.
ID: 0720
Diffamierung Obermayers im 'Stürmer', 10.12.1936
Brief an Bundesrat Motta

Brief an Bundesrat Motta

Brief Obermayers an Bundesrat Motta. Quelle: E 2001-08 1978/107 Bd. 106, Dossier Obermayer Leopold 1892 (1934-1945).

Urheber
Urheber: Leopold Obermayer
Herausgeber
Besitzer: Schweizerisches Bundesarchiv (BAR)
Rechte
© BAR
Sammlungs Nr.
ID: 0724
Brief Obermayers an Bundesrat Motta

So nahm das Unheil seinen Lauf. Am 23. September kam Obermayer aus Dachau ins Würzburger Untersuchungsgefängnis. Hier verfasste er seinen Bericht über die Haft im KZ.

"Es gelang Obermayer nicht, das Dokument seinem Rechtsanwalt zu übergeben. Es wurde einkassiert und ruht seither - in flüchtiger Schrift auf Butterbrotpapier - in seinen Gestapoakten. Mit allen Mitteln versuchte Gerum [Josef Gerum, Leiter der GESTAPO-Dienststelle in Würzburg], an das Schriftstück heranzukommen. Der Nachdruck [...] deutet darauf hin, wie sehr er sich doch vor dessen Bekanntwerden fürchtete."1

Nach zwei Wochen hatte Gerum gesiegt und vom 12. Oktober 1935 bis 24. September 1936 war Obermayer wieder in Dachau, rechtlos versenkt.

Im Februar 1936 wurde formal Anklage wegen Verstosses gegen den §175 erhoben und im Juli machte man plötzlich geltend, Obermayers Vater sei damals - er wurde 1868 Schweizerbürger - nicht rechtsgültig aus dem bayrischen Staatsverband entlassen worden, der Sohn sei daher als deutscher Staatsbürger zu betrachten. So galt er als völlig schutzloser homosexueller Jude und konnte beliebig mit Essensentzug bestraft oder auf jede andere Weise misshandelt und gefoltert werden.

Auf diese Meldung riet der schweizerische Gesandte in Berlin, Paul Dinichert, das Konsulat in München solle umgehend Erkundigungen bei der Bürgergemeinde Siblingen im Kanton Schaffhausen anstellen. Berufsvizekonsul Friedrich Kästli, München, antwortete jedoch, aufgrund von Obermayers Verbindung zur "Liga für Menschenrechte" würden "starke Verdachtsgründe" vorliegen,

"dass der Häftling der kommunistischen Seite nahegestanden habe: Ich füge diesen Passus hier ein, da ich ihn als Beweis dafür erachte, wie kolossal fremd Obermayer einer normalen schweizerischen Einstellung gegenübersteht."

Obermayer war vermutlich Mitglied des deutschen Bundes für Menschenrechte gewesen, der sich nach zehnjährigem Bestehen 1933 auflösen musste. Akten, welche die Mitgliedschaft belegten, wurden möglicherweise 1934 bei der Wohnungsdurchsuchung gefunden. Die Verwechslung mit der erst ab 1935 bestehenden schweizerischen Liga für Menschenrecht und der Schluss, darin kommunistischen Einfluss zu sehen, lässt auf wenig seriöse Arbeit im schweizerischen Konsulat in München oder auf bewusste Sabotage gegen den Auftrag des Vorgesetzten, des Gesandten in Berlin, schliessen.

"Kästli entzog sich sogar dem Auftrag, den 'schizophrenen psychopathen Querulanten' zu besuchen, dessen Gefängnis dem Konsulat gleich gegenüber lag."2

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Ernst Ostertag, September 2006

Quellenverweise
1

Albert Knoll: Totgeschlagen - totgeschwiegen, Die homosexuellen Häftlinge im KZ Dachau, Seite 29, Serie "Splitter", Nr. 4, Forum Homosexualität und Geschichte, München, 2000; Zitate ohne Vermerk stammen aus: Laurenz Müller, Aufhaltsam dem Tod entgegen, in Weltwoche, 8. August 2001.

2

Thomas Maissen: NZZ vom 23./24. Februar 2008, Rezension der Dachauer Hefte 23 mit einem Beitrag von May B. Broda über Obermayer.