1910-1998

Richard Plant

Richard Plant

Richard Plant

Richard Plant (vorne) und zwei Freunde. v.l.n.r.: Oskar Koplowitz, Richard Plant und Dieter Cunz auf dem Gornergrat Quelle: Leihgabe in der Dauerausstellung, Sammlung Richard Plant.

Urheber
Fotograf: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Schwules Museum Berlin
Rechte
© Schwules Museum, Berlin
Sammlungs Nr.
ID: 0339
Richard Plant (vorne) und zwei Freunde

"Ich bin als Jude emigriert, um als Schwuler zu überleben"

Diese Aussage von Richard Plant aus dem Jahre 1991 fasst die Situation treffend zusammen. Sie stand als Überschrift in der Basler Ausstellung "unverschämt unterwegs"4. Zu diesen Details gehörte auch ein Abschnitt über Richard Plant: er

"ist schwul, jüdisch, links. Asyl in der Schweiz bekommt er nur deshalb, weil er Jude ist."

Plaut war sein Geburtsname. Erst nach der Übersiedlung in die USA 1938 nannte er sich Plant. Er starb 1998 in New York.

Zusammen mit dem ebenfalls homosexuellen Germanisten Oskar Koplowitz5 (1910-1984) floh Plaut am 27. Februar 1933 von Frankfurt nach Basel, wo beide in einem kleinen Zimmer wohnten und sich als Studenten an der Universität einschrieben, um so die Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. Diese musste alle sechs Monate erneuert werden.

Steter Begleiter war die Angst vor Ausweisung, sollten sie irgendwie oder irgendwem "auffallen". Trotzdem traf sich Plaut gelegentlich mit homosexuellen Männern in den Szenelokalen "Sternwarte" und "Besenstiel", in denen auch andere Emigranten verkehrten, und es kam zu vereinzelten Liebschaften. Er verwendete schon damals das Pseudonym Orlando Gibbons (englischer Komponist, 1583-1625), um sich zu tarnen. Später, als er am City College New York deutsche Sprache und Literatur lehrte, wählte er wiederum denselben Namen als Autor homosexueller Geschichten.

Der Ausstellungstext fuhr weiter:

"Zu den beiden Freunden stösst 1935 Dieter Cunz (1910-1969), der Partner von Koplowitz. Nun wohnen sie zu dritt im kleinen Zimmer. Geld verdienen sie unter anderem mit dem gemeinsamen Schreiben von Kriminalromanen, so zum Beispiel 'Musik im Totengässlein'. 1934 beginnt in Deutschland die aktive Verfolgung von Homosexuellen. Das Zimmer der Männer wird eine Zuflucht für Freunde und Freundes-Freunde. Die Fliehenden sind oft misshandelt und gefoltert worden, sie werden von Studienkollegen und Bekannten Plauts behandelt - offizielle Hilfe kann nicht gerufen werden."

1986 erschien Richard Plants Buch "The Pink Triangle: The Nazi War Against Homosexuals", welches 1991 unter dem Titel "Rosa Winkel. Der Krieg der Nazis gegen die Homosexuellen" in deutscher Sprache herauskam. Die Januar Nummer Der Kreis - Le Cercle - The Circle 1956 veröffentlichte im englischen Teil eine Kurzgeschichte, gezeichnet von Orlando Gibbons mit dem Titel "Tobago"1. Es folgten noch vier weitere zauberhafte Geschichten homosexuellen Lebens in New York und Massachusetts, wo Plant oft seine Sommeraufenthalte verbrachte. So etwa "Boston Adventure"2

In den Akten der SOH6 findet sich ein Briefwechsel von Richard Plant mit Marcel Ulmann, Präsident der SOH. In einem ersten Schreiben vom 2. April 1985 hiess es:

"Ich bin (halb retiriert) Prof. für Geschichte an einem kleinen NY College und schreibe für unsere gay-Zeitung, den ADVOCATE."

Es ging um eine Kontaktaufnahme, da Plant nach Europa reisen wollte.

Ulmann reagierte am 15. April und am 6. Mai traf die Antwort von Plant ein, verfasst am 25. April. Er wohnte an der Perry St. 23 in New York und schrieb darin unter anderem:

"Wie ich erwähnt habe, war ich lange Zeit in Basel, habe Rolf gut gekannt, für das Heft geschrieben, unter Orlando Gibbons - das muss in alten Kreis-Nummern zu finden sein, und verdanke Rolf viel."

Er berichtete weiter, dass er am 3. Juni nach Frankfurt reise "ich bin da aufgewachsen" und gab seine dortige Wohnadresse bei Frau Kirsten Michalski-Kalow an. Er würde sich gern von dort aus mit Ulmann treffen, wenn möglich in Basel während der dortigen "Gay Liberation Woche"7, über die er in den USA berichten wolle. Im Gegenzug offerierte er Berichte über die amerikanische Schwulengeschichte, die er als Reportage zusammenfassen und übersetzen könne. Auch erwähnte er den Basler Buchhändler und Aktivisten der HABS und SOH:

"Peter Thommen habe ich kennen gelernt und freue mich auf ein Wiedersehen."

In wenigen Sätzen streifte er sein Schaffen und berichtete von seinem Buch - offenbar unter dem damaligen Arbeitstitel:

In Frankfurt
"sehe ich mich in der Bibliothek um für mein neues Projekt. Mein altes heisst 'Swastika and Pink Triangle: Hitler's Persecution of Gays' und erscheint im Frühjahr 1986. Zwölf Jahre schwere Arbeit, darunter Gestapo-Akten durchgesehen etc. Zum Krankwerden. [...] Wenn Sie etwas von mir haben wollen, einen Bericht, auf deutsch, ich bin gerne bereit: nur nicht über die Aids-Krise. Aber ich war Gründungsmitglied der GAU, Gay Academic Union."

Seine Lebensgeschichte hat Andreas Sternweiler im Buch "Frankfurt, Basel, New York: Richard Plant" zusammengefasst3.

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Ernst Ostertag, März 2007

Quellenverweise
1

Richard Plant unter dem Pseudonym Orlando Gibbons: Der Kreis, Nr. 1/1956, "Tobago"

2

Richard Plant unter dem Pseudonym Orlando Gibbons: Der Kreis, 1/1957, "Boston Adventure"

3

Andreas Sternweiler: Frankfurt, Basel, New York: Richard Plant, Schwules Museum Berlin, 1996, Band 3 der Reihe Lebensgeschichten

Anmerkungen
4

20. April bis 30. Mai 2004 - mit zusätzlichen Details zur Basler Geschichte, eine Fortsetzung der Zürcher Ausstellung "unverschämt - Lesben und Schwule gestern und heute" vom Winter 2002/03

5

später nannte er sich Oskar Seidlin

6

Schweizerische Organisation der Homophilen, Nachfolgeorganisation des KREIS

7

Er meinte wohl den Basler CSD vom 15. Juni 1985: "Recht auf Liebe". Siehe dazu auch "Stammbaum" im Register.