1937-1939

Nico Kaufmann und Horowitz

... eine Lehrer-Schüler Liebesgeschichte

Nico Kaufmann 1938

Nico Kaufmann 1938

Nico Kaufmann als 22jähriger, 1938. Quelle: Nachlass Nico Kaufmann, www.nico-kaufmann-stiftung.ch.

Urheber
Foto: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Privataufnahme, Familienbesitz
Rechte
© Nachlass Nico Kaufmann
Sammlungs Nr.
ID: 3161
Nico Kaufmann als 22jähriger, 1938
Schüler und Lehrer

Schüler und Lehrer

Nico Kaufmann (21) und Vladimir Horowitz (33), Schüler und Lehrer, um 1937. Quelle: Nachlass Nico Kaufmann, www.nico-kaufmann-stiftung.ch.

Urheber
Foto: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Privataufnahme, Familienbesitz
Rechte
© Nachlass Nico Kaufmann
Sammlungs Nr.
ID: 3178
Nico Kaufmann (21) und Vladimir Horowitz (33), Schüler und Lehrer, um 1937

Zwei Jahre dauerte die Lehrer-Schülerbeziehung mit dem weltberühmten Klaviervirtuosen, die zugleich eine Liebesgeschichte war. Nico war 21, als er den zwölf Jahre älteren Vladimir Horowitz kennen lernte. Der eingeschlagene Weg zum Dirigenten änderte sich und sollte zur Laufbahn eines Pianisten werden.

Die beiden führten einen intensiven Briefwechsel und ergingen sich auch in erotischen Details, wissend um die Absprache, jeden Brief nach Erhalt sofort zu verbrennen. Horowitz hielt sich daran, nicht so Nico. Daher sind die Horowitz-Briefe noch vorhanden und zeigen berührende Facetten einer tiefen, aber im Versteckten gelebten leidenschaftlichen Freundschaft - wie auch der dauernden Sorge des Meisters um seinen Schüler, den er unbedingt fördern wollte.

Dazu rief er Nico im Mai 1937 zu sich nach Luzern, wo er nach einer Operation zur Kur weilte, denn nur in unmittelbarer Nähe zum grossen Künstler gelangen jene Momente, in denen Einklang mit der Musik zum tiefen Erlebnis und Ansporn des Schülers wurden. Horowitz fuhr weiter nach Paris und liess seinen Schüler wenig später auch dorthin nachkommen. In Paris lernte Nico zudem die Frau seines Lehrers kennen und musste ihr vorspielen. Das war gleichbedeutend mit einer strengen Prüfung.

Doch bald (März 1938) erkrankte Nico an Scharlach und wurde in ein Spital überführt, denn die Krankheit galt für Erwachsene nicht nur als sehr gefährlich, sie war auch hoch ansteckend. Briefe wechselten hin und her und fast täglich besuchte ihn der besorgte Lehrer-Freund. Nach zwei Monaten war der Patient wieder soweit gesund, dass er nach Zürich zu den Eltern fahren konnte. Es sollten keine der befürchteten Schädigungen zurückbleiben. Bald setzte Horowitz die Lektionen fort, in der Schweiz, in Frankreich, an den Luzerner Festspielen, wo er zusammen mit seinem Schwiegervater, dem ebenso berühmten Dirigenten Arturo Toscanini auftrat.

Irgendwann im Spätherbst 1938 verlor Nico einen der Horowitz-Briefe. Und der kam in Vaters Hände. Das hatte Konsequenzen. Horowitz empfing seinen Schüler nur noch ab und zu, stets in Anwesenheit einer Drittperson. Ein Psychiater wurde eingeschaltet und später wieder abbestellt. Es kam zur Aussprache des Meisters mit Vater Kaufmann. Nico erhielt einen Flügel im elterlichen Haus, damit er richtig arbeiten könne. Trotzdem trafen sich die Liebenden heimlich in der Wohnung einer gemeinsamen Freundin.

Einen Ausweg bot die Musik, das Spielen auf sich kontinuierlich steigerndem Niveau. So konnte die gegenseitige Liebe und die von aussen sichtbare Freundschaft auf ein tragendes Fundament gestellt werden. Doch der Ausbruch des Krieges am 1. September 1939 schuf plötzlich eine völlig neue Situation. Für den Juden Horowitz gab es kein Bleiben mehr in Europa. Mit Frau und Tochter emigrierte er nach Amerika. Das brachte die Trennung vom Schüler. Sie war endgültig.

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Ernst Ostertag, November 2012