Familie Thomas Mann

Nico Kaufmann als Jüngling

Nico Kaufmann als Jüngling

Nico Kaufmann als Jüngling (ca. 19jährig), um 1935. Quelle: Nachlass Nico Kaufmann, www.nico-kaufmann-stiftung.ch.

Urheber
Foto: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Privataufnahme, Familienbesitz
Rechte
© Nachlass Nico Kaufmann
Sammlungs Nr.
ID: 3183
Nico Kaufmann als Jüngling (ca. 19jährig), um 1935

Nach der Primarschule wechselte Nico ans Gymnasium. Zu seiner Mitschülerin wurde 1933 die eben aus Deutschland zugezogene jüngste Tochter von Katia und Thomas Mann, die spätere Elisabeth Borghese-Mann. Dazu berichtete Nico Kaufmann im Kapitel "Im Kreise von Thomas Mann"1:

"Elisabeth, im Familienkreis Medi genannt [...] kam als 15jährige in meine Klasse ans Freie Gymnasium [Zürich]. Obwohl zwei Jahre jünger als wir, ihre Mitschüler, entpuppte sie sich als ebenbürtig. [...] Sie war einfach gescheit und musste praktisch wenig arbeiten. [...] Sie spielte sehr anständig und vor allem grundmusikalisch Klavier. [...] Während ihr im Latein alles spielend gelang, musste sie am Klavier [...] hart arbeiten. Eine Art Gerechtigkeit war so wieder hergestellt. Es freute mich besonders, dass sie als Schülerin bei Walter Lang, meinem Lehrer, aufgenommen wurde und später auch bei ihm ihr Klavierdiplom machte. Sicher war die gemeinsame Liebe zur Musik die Basis unserer Freundschaft, aus der zu meiner grossen Freude eine lebenslange Zuneigung wurde."

So kam es im Spätsommer 1933 zu einem ersten Besuch im Hause Mann in Küsnacht. Nico hatte zuvor die Sommerferien mit seinen Eltern und der Schwester auf einer Rundreise durch Italien verbracht. Medi bat ihre Eltern, ihn einzuladen2:

"Zu meinem Schrecken waren wir zum Lunch nur zu viert, [...] das hiess, dass ich mich nicht hinter der Konversation anderer Gäste verstecken konnte, sondern direkt mit dem sprachgewandten Meister konfrontiert war. Ich brachte kaum ein Wort über die Lippen [...] und der Suppenlöffel in meiner Hand zitterte [...].

Medi erwähnte meine Ferienreise nach Italien. [...] Wie rührend einfühlend war Thomas Mann in dieser für mich so schweren Situation. Er nahm die Reise als Aufhänger zu einem Gespräch über Dinge, die mir vollkommen präsent waren. Er war sichtlich interessiert, vielleicht auch amüsiert, wie ich als Siebzehnjähriger die für mich überwältigenden Eindrücke der Reise verarbeitet hatte. [...] Ich fühlte mich nicht mehr als 'Unwissender', konnte Red und Antwort stehen, es war sogar beglückend."

Nico war ein aussergewöhnlich schönes Kind gewesen und dementsprechend überall sofort angenommen und verwöhnt worden. Nun war er mit seinem schmalen Gesicht, den tiefschwarzen Haaren, dunklen Augen und sinnlich grossen Lippen zu einem sehr attraktiven Jüngling herangewachsen.

"Anlässlich eines späteren Essens, an das ich mich nicht mehr erinnere, machte Thomas Mann unter dem 17. Januar 1935 folgende Eintragung ins Tagebuch: 'Zum Abendessen der Freund der Kinder, Niko, netter, treuherziger Junge, mit dem sie das Fest vorbereiten, das sie in unserer Abwesenheit geben wollen.' "

Nach diesem Fest besuchte Nico das Haus in Küsnacht weiterhin und schrieb dazu über eine weitere Begegnung mit dem "Zauberer":

"Noch einmal kam es zu einer näheren Begegnung, als ich ihm eine Komposition seines jüngsten Sohnes Michael, genannt Bibi, im kleinen Musikzimmer vortragen durfte. Es war ein Stück für Bratsche und Klavier, das Bibi und ich interpretierten. Thomas Manns Urteil darüber findet sich in der folgenden Tagebuchnotiz: '11.4.35 [...] Nachmittags spielte Bibi uns, von Niko Kaufmann begleitet, seine Komposition für Bratsche und Klavier vor - nun, es ist immerhin komponiert, in der Geste slawisch zerrissen.' "3

Am Schluss dieses Kapitels fügte Nico noch einige andere Tagebucheinträge Manns hinzu. Am 6. Dezember 1937, einen Tag vor dem Besuch der Familie Mann in der Villa am Seefeldquai:

"Katja verfehlt. Mit Taxi bis Zollikon, hier von Medi und Niko Kaufmann mit dem Wagen eingeholt. Der junge Niko zu Tisch. Hübsche schmale Augen, sympathisch, tüchtiger Künstler auf dem Klavier. Medi erklärt, er 'würde sie gleich heiraten'."

Natürlich kam es nicht dazu. Aber eine tiefe Vertrautheit zwischen den beiden blieb bis ins hohe Alter.

"In den letzten Lebensjahren von Katja kam Medi regelmässig zu Weihnachten nach Kilchberg. Jedes Mal wurde ich mindestens einmal zum Essen eingeladen. [...] Medi braucht mich immer noch, wenn sie nach Zürich kommt. Gibt es etwas Schöneres als eine lebenslange Freundschaft? Wie bereichernd war es doch für mich, Kontakt zu haben mit Thomas Mann und seinem Umkreis."

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Ernst Ostertag, Juni 2006

Quellenverweise
1

Nico Kaufmann: Memoirenfragmente, "Im Kreise von Thomas Mann", Seite 2

2

Nico Kaufmann: Memoirenfragmente, "Im Kreise von Thomas Mann", Seite 3

3

Nico Kaufmann: Memoirenfragmente, "Im Kreise von Thomas Mann", Seite 5