1942-1967

Cocteau, Doscot: Exkurs

Zwei Autoren und Künstler der Zeichnung

Jean Cocteau (1889-1963) liess mit 39 sein Bekenntnis des Hingegebenseins an junge Männer - anonym -  veröffentlichen. Er nannte es "Le Livre Blanc" (Weissbuch) und schilderte darin (s)eine Jugend im Zeichen des Verzaubertseins durch den männlichen Eros. Zwei Jahre später illustrierte er die zweite Ausgabe mit 22 Zeichnungen, aus denen dieser Eros so deutlich sprach, dass es keinen Betrachter kalt liess. Später schuf er noch faszinierendere Illustrationen zu Jean Genets "Querelle de Brest".

Ein Verzauberer war Cocteau auch mit seinen Filmen, vorab dem 1950 entstandenen "Orphée". Er konnte seine Liebe zu Jean Marais, der den Orpheus gab, in derart packende Bilder umsetzen, dass der Mythos - in die Gegenwart verlegt - zum unmittelbaren Erlebnis wurde. Cocteaus Filmschaffen war ein Höhepunkt der französischen schwarz/weiss Cinéma-Kunst, wie sie damals von den "Acteurs du rêve" (Buchtitel des - schwulen - Meisterfotografen Raymond Voinquel) in Szene gesetzt und zu Weltklasse geführt wurde.

Cocteau selber nannte sich stets "poète" und alle seine Werke "poésie". 1954 wurde er in die elitäre Académie des Beaux-Arts aufgenommen.

Im französischen Teil des Kreis erschienen 1944 Auszüge aus dem "Livre Blanc", 1957 eine erste Zeichnung aus demselben Werk und 1965 brachte der deutsche Teil einen Abschnitt, 17 Jahre vor der deutschen Erstausgabe ("Das Weissbuch").

Den Abonnenten musste Cocteau nie vorgestellt oder nähergebracht werden. Jeder kannte sein Werk, viele lasen Lyrik wie Prosa in der Originalsprache, etwa "L'Ange Heurtebise" oder "Les Enfants terribles". Man fand sich in den Texten wieder, fast wie in einem Tagebuch. Und die Filme waren Kult, wo immer sie in einem Kino liefen.

Zu den von Cocteau bemalten Bauwerken an der Côte d'Azur pilgerten so manche, wenn sie dort Ferien verbrachten, etwa zum Rathaus von Saint-Jean-Cap-Ferrat, zur Chapelle Saint-Pierre von Villefranche-sur-Mer oder Saint Sépulcre bei Fréjus (letztere wurde durch Edouard Dermit, dem späten Geliebten Cocteaus erst nach des Meisters Tod fertiggestellt).

Wer von diesem Poeten berührt wurde, dem haftet ein Leben lang etwas von seinem Zauber an. Für uns im KREIS war damals die Tatsache phänomenal , dass ein offen homosexuell Lebender Mitglied der exklusiven Académie werden konnte, also aufgenommen war in den Kreis der "Unsterblichen", dass zudem einer von uns problemlos mehrere Gotteshäuser ausmalen durfte, auch wenn es "nur" Kapellen waren, dass niemand Einspruch erhob, als der Künstler die Innenräume mit jungen Männern bevölkerte - und das in seinem für uns klar erotischen Stil. Oder wirkten diese Bilder nur auf uns so eindeutig, dass wir alles andere nicht sahen und nur davon träumten, dem eigenen Geliebten dort das Ja-Wort zu geben? In Frankreich schienen eben Dinge möglich, an die bei uns nie zu denken war.

R. Gérard Doscot (1923-1968) verwendete stets diverse Verkürzungen oder Umstellungen seines Namens, sodass keiner wusste, wer tatsächlich dahinter stand. 10 Jahre lang gehörte er im französischen Teil des Kreis zu den aktivsten Verfassern von Buchbesprechungen und Kurzgeschichten, von denen auch etliche im deutschen Teil erschienen.

Mit extrem erotischen Zeichnungen brachte ein Künstler mit dem Signet "G. Scot" uns Abonnenten regelmässig zum Schwärmen. Wir vermuteten, er sei Engländer oder Schotte. Das Geheimnis lüftete sich erst 1999 bei der Sichtung des Nachlasses von Eugen Laubacher / Charles Welti. Auch das war R. Gérard Doscot.

Und von ihm kam noch eine ganze Sammlung von teilweise kolorierten Zeichnungen zum Vorschein. Die allerdings hätten niemals im Kreis Platz gefunden. Viele davon waren reine, aber hoch gekonnte Pornografie. (Heute befinden sie sich zum Teil im Schwulenarchiv Schweiz, sas.)

Vom "bürgerlich-normalen" Leben dieses Mannes wusste niemand etwas. Danach fragte man nicht, konnte es nicht tun, echte Namen gehörten zum Geheimnis, das uns alle schützte. So hofften und glaubten wir. Im Nachlass Laubacher / Welti fanden sich viele Briefe. Sie gaben etwas Aufschluss, aber Konkretes blieb im Dunkeln.

Erst die Forschungen eines belgischen Studenten deckten 2006 die wahre Identität auf.

Nach oben

Ernst Ostertag, Juli 2012