Begegnung

KREIS-Herbstfest, 1955

KREIS-Herbstfest, 1955

KREIS-Herbstfest, 1955: Karl Meier / Rolf, 1897-1974 und Rudolf Jung / Rudolf Burkhardt, 1907-1973. Nach der Aufführung des von Rudolf aus dem amerikanischen übertragenen Theaterstücks 'Die Entscheidung' von James Fugaté / James Barr, 1922-1995.

Urheber
Fotograf: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 0066
KREIS-Herbstfest, 1955: Karl Meier / Rolf, 1897-1974 und Rudolf Jung / Rudolf Burkhardt, 1907-1973

"Hab ich dich, du Bettenhüpfer!" tönte es plötzlich hinter mir. Es war noch halbdunkler Morgen. Ich hatte kein Licht im Bad machen wollen bei der möglichst leisen Kurzwäsche. Denn Tom hatte mich gewarnt: "Wecke nicht den Untermieter!" Nun war es zu spät. Und den Spott musste ich noch Jahre später hören.

Rudolf Jung / Rudolf Burkhardt hatte mich (Ernst Ostertag) ertappt. Dabei war es Tom (Thomas Wetzel), der mich zu vorgerückter Abendstunde angesprochen und zu sich geladen hatte. Beide waren wir damals - im Herbst 1955 - etwa 25 und machten uns die Nacht zum Fest.

Wenig später eröffnete Tom seine erste kleine "Men's Shop"-Boutique und startete die grosse Karriere mit Lederjacken, Hosen, Slips, Badetangas und "sexy" Freizeitbekleidung für den trendigen, schwulen oder sonstwie sich exklusiv fühlenden Mann.

Wie konnte ich wissen, dass der mir eben erst vorgestellte Kreis-Redaktor ausgerechnet hier sein Zimmer hatte? Ich musste ihn mit recht entsetzter Miene angestarrt haben, denn er lachte, nahm mich in die Arme und flüsterte, "das bleibt unter uns!", dann verschwand er und schloss die Zimmertür.

Er hielt Wort. Nur wenn wir allein waren, stichelte er, besonders nachdem ich Röbi Rapp kennen gelernt hatte, "du scheinst nur Berühmtheiten ranzulassen; gibst mir auch mal eine Chance?" Er war ein durch und durch gutmütiger Kerl mit liebenswürdig kindlich-kauzigem Wesen - und stets zu Spässen bereit. Oft unterhielten wir uns auf Englisch und suchten mit den neuesten Ausdrücken der Szene uns gegenseitig auszustechen. "Camp" war "in" und vieles kam laufend dazu. Auch "gay" erschien erstmals im homosexuellen "camp-slang" und stand in den Startlöchern zu seinem rasanten Siegeszug.

Das englische Wort "camp" als Adjektiv bedeutet selbstbewusst, überheblich, aber auch, im Szenenjargon, tuntig und überdreht. In England hiess damals alles "camp", was typisch schwul war, und besonders reizvoll: die Aussenstehenden verstanden nur "Zeltplatz".

Rudolf war ein harter und sehr schneller Arbeiter und forderte von einem Hilfeleistenden dasselbe, ohne Diskussion.

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Ernst Ostertag, Januar 2005