Internationalisierung

Rudolf Jung / Rudolf Burkhardt pflegte nicht nur Beziehungen zu englischen Autoren, sondern auch zu solchen aus den USA.

Mit Rudolf und dem englischen Teil wurde Der Kreis erst richtig international und gewann weltweit neue Abonnenten. Es war das meistbeachtete Magazin für Homosexuelle - und bis heute das einzige, das über mehr als zehn Jahre dreisprachig erschien.

Ab August 1954 galt der offizielle Titel "Der Kreis - Le Cercle - The Circle", der ab Januar 1957 auch so auf dem Umschlag erschien. Die Seitenzahl pro Ausgabe stieg bei regulären Heften auf 36 bis 48 Seiten, bei Sonderausgaben auf 56 und für einzelne Nummern sogar auf 60.

Im Frühling 1958 unternahm Rudolf eine sechswöchige Reise durch die USA, wobei er in Los Angeles die sechs Jahre zuvor nach dem "Modell KREIS" gegründete Gruppe ONE und die Redaktion der gleichnamigen Zeitschrift besuchte. Daraus ergaben sich neue Kontakte und ein Austausch von Texten. Er berichtete ausführlich über die ganze Reise unter dem Titel "Zwischen Palmen und Öltürmen"1.

Amerikaner entdecken Schweizer Storys

4 from the Circle

4 from the Circle

Sonderdruck von ONE, 1959, mit Kurzgeschichten aus dem englischen Teil des 'Kreis'.

Urheber
Urheber: Verschiedene
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Rechte
© Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Sammlungs Nr.
ID: 0445
Sonderdruck von ONE, 1959, mit Kurzgeschichten aus dem englischen Teil des 'Kreis'

ONE veröffentlichte 1959 - erstmals in den USA - ein kleines Buch mit homoerotischen Geschichten. Der Titel lautete: "4 from the Circle, Short Stories and Poems reprinted from Der Kreis (The Circle), Zurich, Original Drawings by J. Colton, San Francisco - London, Pan-Graphic Press San Francisco".

Die Kurzgeschichten nennen als Autor u.a. "Philip Young" und "C.G. and L.A.". Das sind Pseudonyme von Rudolf Jung2. Eine weitere Geschichte (ab S. 38) stammt von Stornoway, einem der damals beliebtesten und besten Erzähler homoerotischer Short Stories. Sie spielten meist im Milieu von Seeleuten und Stornoway erwähnte in "Something about Sailors", dass er Seemann sei. Den richtigen, offiziellen Namen hingegen hat er für immer verbergen können.

Während seiner USA-Reise traf sich Rudolf in anderen Teilen des Landes mit Autoren, die bereits für den Kreis tätig waren und mit solchen, die er dafür gewinnen konnte. Zu ihnen gehörten, um nur zwei zu nennen, James Fugaté / James Barr und Samuel Steward (1909-1993), der bis zum Ende des Kreis (1967) regelmässig mitwirkte und rasch beliebt wurde: 55 seiner Kurzgeschichten und etliche Zeichnungen erschienen in der Zeitschrift Kreis/Circle. Als Pseudonym verwendete er unter anderem die Namen Ward Stames und John McAndrews. Unter letzterem veröffentlichte der Kreis Ende des Jahres 1965 auch zwanzig Gedichte3.

Später legte sich Samuel Steward den Namen Phil Andros zu und blieb bis zu seinem Tod als Schriftsteller tätig. Eine seiner bekanntesten Geschichten ist "The Sergeant with the Rose Tattoe". Sie wurde im Kreis unter Ward Stames publiziert4, und erschien auch im deutschen Teil, übersetzt von Ralph Forbes, einem weiteren Decknamen für Rudolf Jung5.

Ernst Ostertag, Januar 2005

Quellenverweise
1

Der Kreis, Nr. 6/1958

2

Rudolf Jung "4 from the Circle, Short Stories and Poems reprinted from Der Kreis (The Circle), Zurich, auf Seite 5 und 17

3

Der Kreis, Nr. 11/1965 und 12/1965

4

Der Kreis, Nr. 3/1960

5

Der Kreis, Nr. 1/1965