Reaktionen

Verbindungen des KREIS zu Prof. Kinsey

Einige Abonnenten und die Redaktion des Kreis gehörten zu den ersten, welche die epochale Bedeutung des Kinsey-Reports erkannten und entsprechend reagierten. Man nahm sofort Fühlung mit Kinsey auf. Er wurde Abonnent und begann über den KREIS viele einschlägige Zeitschriften und Bücher zu beziehen, die in europäischen Ländern erschienen waren oder laufend neu publiziert wurden. So erzählten uns (Röbi Rapp und Ernst Ostertag) sowohl alle drei Redaktoren wie auch Walter Neuburger / Gauthier und Werner Schüpbach / Rolly, denen der Büchervertrieb anvertraut war. Dazu Eugen Laubacher / Charles Welti in seinem Rückblick "En guise d'adieu":

"Cet homme courageux, professeur Kinsey comptait parmi les fidèles amis du Cercle et nous lui avions fourni un certain nombre de livres pour sa documentation."1

Kinsey-Report

Kinsey-Report

Karikatur zum Kinsey-Report. Veröffentlicht im Kreis 2/1953.

Urheber
Künstler: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 0293
Karikatur zum Kinsey-Report

Schon im Lauf des Jahres 1948 brachte der Kreis Berichte über Kinseys Werk im deutschen und im französischen Teil. "yx" schrieb2:

"[...] In Amerika hat ein Zoologe, Prof. Alfred Charles Kinsey, der in den letzten neun Jahren mit einem Stab von Assistenten über 12'000 Amerikaner [...] untersuchte, [...] einen 804 Seiten umfassenden Band über das 'Geschlechtsleben des Mannes' veröffentlicht, der nach der Erklärung des Verfassers eine Darstellung dessen geben soll, was die Menschen wirklich tun, ohne das Problem aufzuwerfen, was sie eigentlich tun sollten. [...]

37% der befragten Amerikaner erklärten, dass sie 'von ihrer Jugend bis ins Alter einige gleichgeschlechtliche Erfahrungen' gesammelt haben. [...] Er hat festgestellt, dass sich die heutige Jugend kaum von der vor zehn oder zwanzig Jahren unterscheidet. [...] Er ist der Ansicht, dass die Wissenschaft ihre herkömmlichen Beziehungen von 'normal' und 'abnormal' in bezug auf geschlechtliche Dinge einer Revision unterziehen muss."

1949 veröffentlichte der Kreis über vier Nummern vom März bis Juni den ersten Essay über den Kinsey-Report in deutscher Sprache, eine Zusammenfassung von "yx". Im Juni wurde zudem eine sofortige Neu-Edition als Separatdruck angekündigt3:

"Vorausbestellungen nehmen wir schon heute entgegen. Gebt die Broschüre Euren Verwandten und Freunden und - Gegnern; sie gehört vor allem auch in jede Redaktionsstube!"

Der volle Titel lautete: "Der Kinsey-Report und die Probleme der Homosexualität", von "yx".

Eine französische Übersetzung des ganzen Werkes von Kinsey erschien bereits 1948: "Le comportement sexuel de l'homme" bei Editions du Pavois, Paris, während die entsprechende deutsche Ausgabe erst 1955 publiziert wurde. Bis dahin war die Broschüre des KREIS das einzig Greifbare zu Kinseys Werk in deutscher Sprache, abgesehen von einigen Buchbesprechungen, etwa jener, die in Ausgabe 10/1949 auf dem Umschlag angegeben wurde.

Im Januar 1954 würdigte "yx" über vier Seiten das eben erschienene zweite Werk Kinseys "The Sexual Behaviour of the Human Female", indem er etliche Abschnitte daraus zusammenstellte und - wiederum erstmals - ins Deutsche übertrug4. Dazu veröffentlichte er im Mai einen ausführlichen Essay unter dem Titel "Die Homosexualität der Frau"5.

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Ernst Ostertag, März 2005

Weiterführende Links intern

Walther Weibel / "yx"

Quellenverweise
1

Der Kreis: Nr. 12/1967, Seite 26

2

Der Kreis: Nr. 2/1948, Seite 22, deutsch: "Vom Sexualleben der Amerikaner"
Der Kreis: Nr. 3/1948, Seite 22, französisch: "Une nouvelle statistique Américaine"

3

Der Kreis: Nr. 3/1949, 4/1949, 5/1949, 6/1949

4

Der Kreis: Nr. 1/1954, Seite 2 ff

5

Der Kreis: Nr. 5/1954, Seite 2