1900-1957

Robert Oboussier: erstes Opfer 1957

Renommierter Komponist und Musikkritiker

Am Pfingstsonntag, dem 9. Juni 1957 wurde Robert Oboussier von einem nach damaligem Gesetz minderjährigen (unter 20 Jahre alten) Strichjungen ermordet. Das war den Presseberichten vom 11. Juni zu entnehmen.

Sofort war klar, dass es sich beim Opfer um einen bedeutenden und bekannten Mann der Musikwelt handelte. Anfänglich standen Informationen über seine Jugend und sein Leben und Wirken als Komponist und Musikkritiker im Vordergrund; auch sein Dasein in Zürich sozusagen als Emigrant fand Beachtung.

Dann aber begann das Schweigen ob der Unfassbarkeit dieses Todes.

Ein Stricher. Also war Oboussier einer von denen, über die man besser schwieg. Noch am 4. Juni war eines seiner Werke in der Zürcher Tonhalle aufgeführt worden und hatte grossen Beifall geerntet. Doch nun wurde es still.

Die Folgen seines tragischen Todes waren Absetzung von Kompositionen aus geplanten Programmen. Oboussier's Werk verschwand ins Dunkel des Verschweigens und ging schliesslich vergessen. Das blieb so bis heute, mit ganz wenigen Ausnahmen.

1970, zum 70. Geburtstag erschien eine Art Nachruf unter dem Titel "In memoriam". Aber keines seiner Stücke gelangte zur Aufführung, von seinen vielen Kompositionen war nicht eine einzige zu hören.

Nach dem Schock über diesen tragischen Tod begann die Suche nach Sündenböcken vorab in Pressereaktionen. Fündig wurde man rasch: Die Homosexuellen und das Mordopfer selbst.

Diese Verdrehung der Tatsachen führte zur deutlichen Reaktion im Kreis. Man wollte die Abonnenten im Unterschied zur Tagespresse sachlich informieren und die Verunsicherung etwas abbauen. Karl Meier / Rolf verfasste einen Kommentar, zitierte aus Presseberichten und stellte die heute selbstverständliche Forderung: Brennpunkt einer seriösen Berichterstattung sollen Tathergang und Aufklärung eines Mordes sein. Die Veranlagung oder andere persönliche Umstände des Opfers gehören primär nicht an die Öffentlichkeit, denn solche Details würden die Aufklärung nicht fördern, sondern zu ungerechter Verurteilung aller anderen gleich Veranlagten führen. Genau das aber müsse man gegenwärtig feststellen. Karl Meier nannte Beispiele, die zeigten, wie sorglos gewisse Leute diskriminierende Sprüche von sich gaben.

Offenbar gelangten Exemplare dieses Kreis-Heftes in Journalistenhände, was höhnische Bemerkungen über den "Privatkrieg eines nichtöffentlichten Monatsblattes gegen die Zürcher Presse" zur Folge hatte. Für das aufgeheizte Klima jener Zeit war diese Art von Antwort an den Kreis in den Spalten einer sonst seriösen Zeitung typisch. Zudem richtete sich der Schreiber direkt an den Kreis-Redaktor mit "akuter geistiger Kreislaufstörung", der sich erfrecht und "seine Finger warm" geschrieben habe, um Presseberichterstattungen zu kritisieren.

Der Kreis hingegen suchte tiefer. Sein Chef, Karl Meier / Rolf, äusserte sich zum Mörder und fragte, was ein Minderjähriger in seiner Kindheit und Jugend wohl an Lieblosigkeit habe erleiden müssen, um zu solch menschenverachtendem Tun fähig zu werden. Zugleich appellierte er an die Verantwortung, die jeder trage, der sich mit jungen Männern auf dem Strichgang einlasse.

Nach dem zweiten Mordfall Ende Dezember 1957 wurden die Medienberichte im Ton wesentlich schärfer. Ein linkes Presseurteil sah - ähnlich wie Karl Meier - im Mörder ein tragisches Produkt verfehlter Erziehungsmassnahmen, zog dann aber den Schluss, deshalb sei er zum Lustknaben und Opfer von "warmen Herren" geworden, gegen die man nun vorgehen müsse.

Ein Rechts-Demokrat und Zürcher Kantonsrat verlangte dasselbe in einer Anfrage an den Regierungsrat: Gibt es konsequente Anwendung der Gesetze bei Straftaten im Bereich "widernatürliche Unzucht mit Unmündigen"? Die Antwort der Regierung war klar. "Die Jugend vor Nachstellungen durch Homosexuelle zu schützen, ist Aufgabe der Polizei." Das deutete darauf hin, dass die Polizei bald eine aktivere Rolle spielen werde.

Noch später, im Frühling 1958 erschienen Leserbriefe in gewissen Tageszeitungen. Ihre Verfasser kannten Robert Oboussier persönlich. Sie suchten die verzerrten, das Mordopfer in ein entstelltes Bild setzenden Äusserungen in der Presse zu korrigieren. Sie wollten den Menschen Oboussier sichtbar machen so, wie er tatsächlich war. Sie wollten ihn rehabilitieren.

Natürlich fanden alle negativen wie positiven Äusserungen ihr Echo in der Zeitschrift Kreis. Oft wurden sie vollumfänglich zitiert und nur selten fehlte ein von Karl Meier / Rolf verfasster Kommentar. Mittelpunkt der folgenden Unterkapitel bilden zumeist diese Spiegelungen des Geschehens im Kreis.  

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Ernst Ostertag, April 2012