1960

"Aktion Punkt"

... die erste Razzia in Presseberichten

In der Nacht vom Freitag/Samstag, 1./2. Juli 1960, erfolgte der gezielte Sondereinsatz gegen Homosexuelle, gemäss offizieller Sprachregelung gegen "Strichjungen".

Die Sonntagsausgabe der TAT begann ihren Kurzbericht mit den Worten: "Diesmal war es eine wirkliche Razzia, die Stadt- und Kantonspolizei gemeinsam gegen Strichjungen und andere dubiose Elemente durchführten."

Nach der Presseorientierung durch leitende Persönlichkeiten der Polizei berichtete die TAT:1

"[...] Unter den 174 Eingebrachten befanden sich 73 Ausländer. [...] Elf davon waren in der Schweiz nicht angemeldet. Die Aktion dient als Ausgangspunkt für den weiteren polizeilichen Einsatz im Kampf gegen das Strichjungenunwesen. Die Aktion [...] war von langer Hand vorbereitet. Einsatzpläne wurden gezeichnet und für jeden Mann das Gebiet abgegrenzt. Die Mannschaft selbst wusste von der Aktion bis kurz vor deren Beginn nichts. [...]

Hier sei beispielsweise erwähnt, dass bei der Aktion auf dem 'Place Pigalle' [Marktgasse/Münstergasse] alle Gassen rundum abgeriegelt werden mussten. Bei der Grossaktion in dem Lokal zwischen Brunngasse und Spitalgasse3 wurde die Türe gegen die Brunngasse abgeschlossen und die Spitalgasse bis zur Mühlegasse abgeriegelt. Insgesamt wurden aus diesem Lokal 75 Personen auf die Wache gebracht.

Im Pendelverkehr fuhren die Gefangenenwagen der Polizei von den Einsatzorten zur Polizeihauptwache, um dann wieder neue Passagiere aufzunehmen. [...] Durchschnittlich dauerte die Aktion an jedem Ort etwas über 20 Minuten. Länger währte sie in den Anlagen und am See, wo die Gebüsche durchsucht und hinter Bäumen und Steinen Nachschau gehalten werden musste. [...] Soweit man in der Stadt herumhorchte, hat die Aktion überall grosse Genugtuung ausgelöst."

Polizeihauptwache

Polizeihauptwache

Die Polizeihauptwache in Zürich. Missbräuchlich verwendete Verhörstelle von Homosexuellen während der Repression. Quelle: Herdeg 3129.

Urheber
Fotograf: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Baugeschichtliches Archiv Zürich
Rechte
© Baugeschichtliches Archiv Zürich
Sammlungs Nr.
ID: 0744
Die Polizeihauptwache in Zürich

Der Tages-Anzeiger berichtete unter "Die Aktion 'Punkt' der Polizei, Einsatz von 200 Polizeifunktionären an der Grossrazzia gegen Strichjungen":2

"Die in der Nacht auf den Samstag durchgeführte Grossrazzia (wir haben darüber berichtet) war, wie Stadtrat A. Sieber an einer Pressekonferenz erklärte, [...] ein konzentrierter Schlag der Polizei im Kampfe gegen die sich ausbreitende männliche Prostitution. [...]

Die Aktion darf als Grosseinsatz gewertet werden, wie er auf diesem besonderen sittenpolizeilichen Gebiet zum ersten Mal in diesem Umfang in Zürich durchgeführt worden ist. Die dem Detektivbüro zugeführten Personen wurden auf Grund eines gründlich vorbereiteten Fragebogens einvernommen. [...] Sie verteilten sich auf folgende Altersklassen: 16 bis 18 Jahre 4, 18 bis 20 Jahre 20 und über 20 Jahre 150 Personen.

In homosexuellen Kreisen sind in letzter Zeit Geschlechtskrankheiten in Ausdehnung begriffen, weshalb 90 von den 174 einvernommenen Personen dem stadtärztlichen Dienst zur Untersuchung übergeben wurden. [...] Wie der Leiter der Aktion, Dr. Stotz, erklärte, wurden für die Aktion, die unter der Bezeichnung 'Punkt' lief, genaue Einsatzpläne gezeichnet [...]. Jede der sieben Aktionen, die von drei Gruppen ausgeführt wurde, [...] ging Schlag auf Schlag.

[...] Wie Stadtrat Sieber und vor allem Dr. Stotz erklärten, war die Grossaktion der Polizei dringend notwendig gewesen. Zürich besitzt nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland bis in den Orient den üblen Ruf, eine Stadt der Homosexuellen und Strichjungen zu sein. So wurden vor einiger Zeit vier Strichjungen aus Konstanz festgenommen. Sie hatten jeweils ein Auto gemietet, um nach Zürich zu fahren, und kehrten stets in der gleichen Nacht noch, mit Geld wohlversehen, nach Konstanz zurück.

In einem anderen Fall stellte die Polizei einen Homosexuellen aus Frankfurt. Er erklärte, dass ihm sein Arzt geraten habe, sich in Zürich auszutoben… Auf einem ebenfalls auswärtigen Homosexuellen fand die Polizei Pläne, auf welchen die von Strichjungen frequentierten Orte eingezeichnet waren. [...]

Diese Beispiele und der Erfolg der Aktion 'Punkt' dürften zur Genüge eine systematische Weiterführung solcher Kontrollen, wie sie von der Polizei vorgesehen ist, rechtfertigen."

Nach oben

Ernst Ostertag, Oktober 2005

Quellenverweise
1

Die Tat, Sonntag, 3. Juli 1960, Seite 4

2

Der Tages-Anzeiger, Dienstag, 5. Juli 1960

Anmerkungen
3

die bekannte "Barfüsser"-Bar