1960

Leserbriefe

... aus der NZZ, im Kreis zitiert

Wie lange noch?

Wie lange noch?

'Wie lange noch?' von Jean Boullet, 1921-1970. Veröffentlicht im Kreis 6/1964, Seite 1, als Protest und Mahnmal gegen die Repression

Urheber
Künstler: Jean Boullet, Paris
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 0085
'Wie lange noch?' von Jean Boullet, 1921-1970

In der Dezemberausgabe ging der Kreis auf einige der kritischen Artikel ein und druckte zwei davon ab.1 Das erste Beispiel, ein Leserbrief, fand sich in der NZZ unter dem Titel "Von einer Razzia zur andern?":2

"[...] Wird die für Zürich neue polizeiliche Massnahme der Grossrazzia zu einer ständigen Einrichtung? Welches werden die nächsten Ziele sein? Die Kinobesucher unter 18 Jahren? Die Leute ohne festen Wohnsitz? Oder die Hundebesitzer, deren Tiere das Trottoir beschmutzen?

Man könnte einen Fragebogen schreiben, der so lange würde wie jener, der am letzten Mittwoch den Verdächtigen vorgelegt worden ist, und der, nach Aussagen von Befragten, einige Merkwürdigkeiten enthalten haben soll. [...] Stimmt es, dass man einzelnen Leuten [...] ihre Parkierungsbussen vorgeworfen hat? [...] Ist die Aussage eines Beteiligten richtig, der behauptet, man habe seine Brieftasche durchsucht? Sind die Exploranden mit der Höflichkeitsform 'Herr' angesprochen worden, oder hiess es ganz einfach und barsch: 'Meier, antworten Sie'? Auf welcher rechtlichen Grundlage basiert die Blutentnahme, der die Eingezogenen unterworfen wurden? Was ist unternommen worden, wenn sich jemand gegen diesen körperlichen Eingriff zur Wehr gesetzt hat? [...] Heiligt der Zweck die Mittel?"

Das zweite Beispiel, wiederum ein Leserbrief aus der NZZ:3

"[...] Während der Sommerrazzia wurden 7 Fälle von schwerer Syphilis festgestellt. Dieses Resultat scheint uns nicht gerade überwältigend, wenn man die Proportionen wahrt. [...] Erstaunt ist man aber, wenn man erfährt, von den am Dienstag total 102 auf die Hauptwache eingebrachten Personen hätten sich 56 zur Homosexualität 'bekannt'. Gehört denn ein solches Bekenntnis mit zur Identitätskontrolle? Will uns die Polizei tatsächlich glaubhaft machen, dass es Personen gebe, die nicht nur ihre Personalien nennen, sondern gleich noch hinzufügen, sie seien so oder so veranlagt? Muss nicht angenommen werden, dass diese Angaben den Einvernommenen durch langwierige, ja vielleicht höchst peinliche Fragen entlockt wurden? [...]

Wir werden den leisen Verdacht nicht ganz los, dass es der Polizei in Wirklichkeit nicht so sehr darum ging, Geschlechtskranke festzustellen oder gegen die Strichjungen vorzugehen, als vielmehr darum, Listen abnormal veranlagter Personen aufzustellen oder zu vervollständigen. Ist die Polizei aber dazu befugt? [...]"

Nach oben

Ernst Ostertag, Oktober 2005

Quellenverweise
1

Der Kreis, Nr. 12/1960, Seite 17 und 18

2

Neue Zürcher Zeitung, 19. November 1960, Nr. 4049

3

Neue Zürcher Zeitung, 21. November 1960, Nr. 4071