Pädophilie

… erstaunlich offen diskutiert

Die Redaktion hatte eine Diskussion offener Fragen oder Probleme angeregt, die im Heft ausgesprochen, beantwortet oder dargestellt werden konnten. Sie begann im Oktober mit einem Brief von Ambros Pfiffig: "Wir altern alle".1

Das nächste Problem hiess "Liebe zu Minderjährigen"2, behandelt von Johannes Werres in Form einer Stellungnahme zur Antwort von "Lex" auf einen entsprechenden Brief an die Redaktion.3 In der nächsten Nummer folgte eine Antwort an Werres, verfasst von einem Pädophilen, der sich auf die eben auf Deutsch erschienene Übersetzung des Buches von Edward Brongersma "Das verfemte Geschlecht" bezog.4 Das ergab weitere Zuschriften, nun von zwei Pädophilen.5 Johannes Werres schloss die Serie ab mit einem polemischen Artikel: "Kampf gegen Pornographie ist widernatürlich".6

Das erwähnte Buch von Brongersma hatte den Untertitel "Dokumentation über Knabenliebe". Es löste Wellen von Für und vor allem Wider in vielen Gesellschaftsschichten aus. Daniel Dieter stellte es vor und begann mit dem bemerkenswerten Satz:

"Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus hat Brongersma das erste vernünftige Wort über Pädophilie gesprochen [...]"7

Dann fuhr er fort:

"Was gilt es zu dokumentieren? Dass ein geschlechtsreifer Junge homosexuelle Neigungen hat. Dass nicht jeder Homosexuelle ein Pädophiler ist. Dass Verdrängungen pädophiler Neigungen häufiger sind als Verdrängungen homosexueller Neigungen, und dass deshalb die Abneigung gegen Pädophilie grösser ist als gegen Homosexualität. Dass der Pädophile nicht die Sexualität des Jungen aufweckt, sondern auf eine bereits vorhandene Sexualität stösst. Dass homosexuelle Beziehungen des heterosexuellen Jungen keine bleibende homosexuelle Prägung hinterlassen. [...]"

Eine Besprechung des Buches "Weder Krankheit noch Verbrechen" von Rolf Italiaander besorgte wiederum Daniel Dieter8, während Italiaander selber ein Portrait von James Baldwin9 und eines über Jean Genet und die "Blumen des Bösen" erscheinen liess.10 Zudem erschienen vier seiner Gedichte aus dem Band "Hallelujas".11

Jürg Amstein setzte über den ganzen Jahrgang 1970 verteilt seine Serie Berühmte Homoeroten fort mit Immanuel Kant12, Hans Christian Andersen13, William Somerset Maugham14, Henri III von Frankreich15 und Ludwig van Beethoven16. Seine spannend geschriebenen und wohlfundierten Berichte waren sicher auch deswegen so beliebt, weil sie Identifikationsfiguren evozierten - besonders wichtig und wohltuend für viele Homosexuelle, die sich seit ihrer Jugend minderwertig fühlten.

Nach oben

Ernst Ostertag, März 2006

Weiterführende Links intern

Rolf Italiaander

Quellenverweise
1

club68, Nr. 10/1970, Seite 10

2

club68, Nr. 11/1970, Seite 7

3

club68, Nr. 5/1970, Seite 5

4

club68, Nr. 12/1970, Seite 6

5

club68, Nr. 1/1971, Seite 12

6

club68, Nr. 2/1971, Seite 8

7

club68, Nr. 10/1970, Seite 9

8

club68, Nr. 4/1970, Seite 11

9

club68, Nr. 6/1971, Seite 6

10

club68, Nr. 7/8/1971, Seite 8

11

club68, Nr. 10/1971, Seite 9

12

club68, Nr. 1/1979 und 2/1970

13

club68, Nr. 4/1970

14

club68, Nr. 5/1970 und 6/1970

15

club68, Nr. 8/1970 bis 11/1970

16

club68, Nr. 12/1970 bis 4/1971