1921-1986

Charlotte Ilona Steurer

Eine mutige Kämpferin aus Österreich

Charlotte Ilona Steurer

Charlotte Ilona Steurer

Charlotte Ilona Steurer, ca. 1965. Quelle: Sammlung Raimund Wolfert.

Urheber
Fotograf: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Raimund Wolfert
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 2043
Charlotte Ilona Steurer, ca. 1965

Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre genoss keine Österreicherin im europäischen Ausland eine so große Prominenz, wenn es um das Thema Homosexualität ging, wie Charlotte Ilona Steurer (1921–1986). Nicht nur in deutschen Schwulenzeitschriften wie Du & Ich und Him trat sie als Kontaktperson auf. UNI, die siebensprachige Zeitschrift der dänischen International Homosexual World Organisation (IHWO) präsentierte sie als "mutige Kämpferin in Österreich" und forderte ihre Österreicher Leser auf, sowohl etwas frecher gegenüber den eigenen Behörden aufzutreten als auch Charlotte Ilona Steurer aktiv zu unterstützen:

"In Wien führt eine mutige Frau einen harten Kampf gegen die Behörden, die Kirche, die Presse usw. Wiederholt forderte sie die Autoritäten auf, endlich eine Gesetzänderung zu Gunsten der Homophilen durchzusetzen [...]. Österreicher, wendet euch an diese Frau. Sprecht mit ihr und plant Aktionen, damit auch in Österreich bald das Mittelalter zu Ende ist."1

Ähnliche Töne schlug der Schweizer Peter Lerch an, als er Charlotte Ilona Steurer unter seinem Pseudonym Urs Frank in der Zeitschrift club68 einen offenen "Brief nach der Wiener Neustadt" sandte. Lerch behauptete:

"Für uns von der Redaktion des 'club68' sind Sie das verlässlichste Kontrollorgan der Wiener Presse. Im Justizministerium der Donaustadt sind Sie unser Korrespondent und unser Fürsprecher. Für unsere Leser in Österreich sind Sie ein Symbol der Hoffnung auf die längst fällige Gleichberechtigung."

Lerch betonte dabei, dass Charlotte Ilona Steurer heterosexuell und seit vielen Jahren "glücklich" verheiratet sei. Sie engagiere sich für "Homophile" ganz einfach so, wie sie sich einst für "verfolgte und diskriminierte Minderheiten" eingesetzt habe, "als Hitler Österreich verdunkelte". Und er hielt fest:

"Sie stehen an der Front der Österreicher, die sich für die Menschenrechte einsetzen, und ohne Unterlass treten Sie mit Ihren humanen Anliegen vor die Politiker und setzen Ihre ganze Persönlichkeit ein, um den Homophilen zu ihrem Recht zu verhelfen."2

Heute ist offensichtlich, dass in diesen Lobeshymnen ein gehöriges Maß an Idealisierung mitschwang. So war ausländischen Kommentatoren um 1970 nicht klar, dass Wiener Neustadt – die Stadt, in der Charlotte Ilona Steurer wohnte – eben kein Stadtteil von Wien war. Auch konnte sich Charlotte Ilona Steurer zwischen 1938 und 1945 gar nicht für verfolgte Menschen in Österreich einsetzen, weil sie gebürtige Schlesierin war und zu jener Zeit noch gar nicht daran denken konnte, dass sie sich einst in Österreich niederlassen würde. Dem bewunderungswürdigen Einsatz Charlotte Ilona Steurers für Homosexuelle in den 1960er und 1970er Jahren sollen diese kritischen Anmerkungen aber keinen Abbruch tun. Als engagierte und selbstlose Fürsprecherin der "Homophilen" ihrer Zeit war sie ein Unikum: Neben dem  Schriftsteller und Übersetzer Erich Lifka (1924-2007) war Charlotte Ilona Steurer die prominenteste Vertreterin der österreichischen "Homophilenbewegung", sofern man denn hier überhaupt von einer Bewegung sprechen möchte.3

Maßgebliche Inspiration bei der Arbeit holte sich Charlotte Ilona Steurer im Übrigen aus der Schweiz – beim Club 68, mehr noch aber im KREIS bei Rolf (Karl Meier, 1897–1974), von dem sie behauptete, sie sei gerade durch ihn in "eine gute Ordnung" gekommen.4

Charlotte Ilona Steurer wurde am 4. Januar 1921 im schlesischen Schweidnitz (heute Swidnica) geboren. Die Eltern waren der Kachelglasierer Walter Fritz Eckstein (1894–1945) und seine Frau Emma Emilie (geb. Zimbal, 1893–1967). Seit ihrer frühen Kindheit war Charlotte Ilona Eckstein männlich geprägt: Den Vater verehrte sie zeit ihres Lebens sehr, wohingegen sie zu ihrer Mutter ein eher gespaltenes Verhältnis entwickelte. Mit dem Thema Homosexualität konfrontiert wurde sie zum ersten Mal um 1940. Charlotte Ilona Eckstein, die sich auf Wunsch ihrer Eltern in Berlin zur medizinischen Assistentin hatte ausbilden lassen, freundete sich im heimischen Schweidnitz mit drei jungen Frauen an, die sie bald als "russische Großfürstin" neckten. Der Grund hierfür war, dass Charlotte Ilona Eckstein eine Reihe von Freunden hatte, mit denen die anderen Frauen nichts anzufangen wussten – unter ihnen Hubertus und Maximilian, die einem "Himmelfahrtskommando" zugeteilt worden waren, weil sie "so" waren. Um diese Zeit dürfte Charlotte Ilona Eckstein auch von ihrer Mutter über die Homosexualität deren einzigen Bruders aufgeklärt worden sein. Paul Zimbal war im Ersten Weltkrieg gefallen, doch sein Freund besuchte die Ecksteins noch immer, als Charlotte Ilona ein Kind war. Er habe schlichtweg zur Familie gehört. Das Phänomen des "homosexuellen Hausfreundes" beschrieb Charlotte Ilona Steurer später in einem Essay für die Zeitschrift Plädoyer.5

Angefangen, sich mit dem Thema ernsthaft zu beschäftigen, hat Charlotte Ilona Steurer dann um 1961. Sie war in den letzten Kriegsmonaten 1945 aus Schlesien nach Österreich geflüchtet und hatte dort im Jahr darauf Michael Steurer (1916–2007), einen Handelsangestellten, geheiratet. Die Ehe blieb kinderlos, aus welchen Gründen auch immer, denn nichts deutet darauf hin, dass es sich um eine "Kameradschaftsehe" gehandelt haben könnte. 1961 "stolperte" Charlotte Ilona Steurer über einen gehässigen Zeitungsartikel und eine Reihe von Leserbriefen. Nur einer von ihnen sei verständnisvoll gewesen, und da er mit vollem Namen gezeichnet war, wandte sich Charlotte Ilona Steurer an den Schreiber. Es handelte sich um den Hamburger Publizisten und Homophilenaktivisten Johannes Werres (1923–1990). Durch ihn kam sie in Kontakt mit dem deutschen Arzt und Konstitutionsbiologen Willhart S. Schlegel (1912–2001) sowie dem österreichischen Rechtsanwalt Franz Xaver Gugg (1921–2003), der um 1963 zusammen mit einigen Bekannten den österreichischen Verband für freie Mutterschaft und sexuelle Gleichberechtigung gründete. Der Verband war der erste sexualreformatorische Verein in Österreich; er scheiterte indes schon nach kurzer Zeit am eigenen Profil und an mangelnder Unterstützung.

Nachdrücklichste Errungenschaft des Verbands für freie Mutterschaft und sexuelle Gleichberechtigung war die Zeitschrift Aufklärung (1964). Zumindest im europäischen Ausland sorgte die Zeitschrift für ein gewisses Furore. So hiess es im Kreis anerkennend über sie:

"Um der Sauberkeit der geistigen Haltung, aber auch um des reichen Materials willen, das hier dem erbittertsten Gegner für eine dem Leben dienende Beurteilung in die Hände gelegt wird, ist dieser im besten Sinne politischen Zeitschrift eine weiteste Verbreitung, besonders auch unter unsern österreichischen Kameraden zu wünschen."6

Am 18. März 1965 stellte sich Charlotte Ilona Steurer als Redakteurin der Aufklärung in einem Brief an Rolf wortreich vor. Der erste Briefwechsel zwischen den beiden ist leider nicht erhalten, denn Rolf hat zu seinen Lebzeiten noch viele Dokumente, die über sein Wirken und sein Kontaktnetz Auskunft geben könnten, vernichtet. Ihr Engagement für ein "vorurteilsloses Verstehen für die Naturgegebenheit der Homophilie" stellte Charlotte Ilona Steurer in ihrem Brief als eine schicksalshafte Verpflichtung dem Leben gegenüber dar, und unter ihren Vorbildern nannte sie insbesondere Willhart S. Schlegel und Heinrich Hössli. Über ihre Einstellung zur Homosexualität schrieb sie:

"Für mich gab es niemals ein Missverstehen oder Abwerten. Es ist eine Naturgegebenheit, die weder unter- noch übergeordnet, sondern einzig allein in die Gesellschaft eingeordnet gehört. Jede Liebe ist göttlich und Schöpferkraft."7

Was den Verband für freie Mutterschaft und sexuelle Gleichberechtigung angeht, war Charlotte Ilona Steurer allein an der Aufhebung des österreichischen "Ausnahmeparagraphen" § 129 StG, der männliche wie weibliche Homosexualität unter Strafe stellte, interessiert. Themen wie Verhütung und Schwangerschaftsabbruch interessierten sie nur am Rande. Intern gab sie deshalb die Anregung, den Verein ähnlich wie den Schweizer KREIS auszurichten, was aber auf Skepsis bei den aktiven Vorstandsmitgliedern und anderen Interessenten stiess. Rolf gab sich in seinem Antwortschreiben an Charlotte Ilona Steurer skeptisch und bemängelte, dass das Fehlen "einschlägigen Bildmaterials" in der Aufklärung sowie die Frage der freien Mutterschaft für mögliche homosexuelle Interessenten Mankos seien. Hier zeichne sich bereits ein mögliches Scheitern des Verbandes ab, denn der Schwangerschaftsabbruch sei "ein ebenso heisses Thema wie die Homosexualität, und sicher wird auch ein Teil der Homosexuellen aus religiösen Gründen – und auch anderen – sich damit nicht befassen wollen."8

Insgesamt scheint Rolf auf Charlotte Ilona Steurer einen großen Eindruck gemacht zu haben – wie er überhaupt für ihr weiteres Wirken eine entscheidende Bedeutung erhalten sollte. Wenige Tage nach seinem Tod am 29. März 1974 bekannte Charlotte Ilona Steurer gegenüber einer deutschen Freundin: "Er war mir der treueste Freund und Berater." Der "liebe gute verehrte Rolf" war für sie schlichtweg ein "sehr genialer Mensch" und der Kreis "das edelste Magazin, das es je gab und von anderen niemals erreicht wurde in solch edlem Niveau".9

Die Aktivitäten, die Charlotte Ilona Steurer ab Mitte der 1960er Jahre – d.h. überwiegend nach Auflösung des Verbands für freie Mutterschaft und sexuelle Gleichberechtigung (1966) und noch zur Zeit des Totalverbots homosexueller Handlungen in Österreich – entwickelte, sind beachtlich. Folgende Einzelereignisse verdienen gesonderte Erwähnung: Charlotte Ilona Steurer lernte um 1965 den Erlanger Religionshistoriker Hans-Joachim Schoeps (1909–1980) und den Hamburger Arzt Hans Giese (1920–1970) kennen, mit denen sie in den Folgejahren korrespondierte. Wenig später kam sie in Verbindung mit Henri Methorst (1909–2007) vom niederländischen Cultuur- en Ontspanningscentrum (COC), und etwa um dieselbe Zeit trat sie auch in Kontakt mit dem Dresdener Arzt Rudolf Klimmer (1905–1977). Zu den homopolitisch aktiven Organisationen und Zeitschriften, mit denen sie im Austausch stand, gehörten der Kreis, dessen Nachfolgepublikationen club68 und Plädoyer, die Reutlinger Kameradschaft die runde, das niederländische COC, die dänische und später Hamburger IHWO, die Homophile Studentengruppe Münster (HSM), der Heidelberger Pan-Verlag und die Zeitschriften Der Weg, Du & Ich, Him, Gay Journal und Revolt Mann.

Leider sind fast alle dieser Briefwechsel nicht mehr erhalten, und überhaupt hat die homosexuelle Geschichtsforschung Charlotte Ilona Steurer bislang eher vernachlässigt. Belegt ist, dass Charlotte Ilona Steurer in Sachen Homosexualität unter anderem an den Papst, die österreichische Bundesregierung und den Vorstand der Sozialistischen Partei Österreichs geschrieben hat. Der Inhalt aber auch dieser Schreiben ist bis heute unbekannt. Charlotte Ilona Steurer wandte sich ferner an den österreichischen Moraltheologen Karl Hörmann (1915–2004), den deutschen Psychiater Wolfgang Kretschmer (1918–1994), den deutsch-österreichischen Publizisten und Zukunftsforscher Robert Jungk (1913–1994) und andere. Des Weiteren richtete sie Leserbriefe an Zeitschriften wie Quick, Der Spiegel und Konkret und gab dem Wiener Wochenblatt zwei Interviews. Vor diesem Hintergrund ist es ungerechtfertigt, dass ihr Name innerhalb der Geschichtsschreibung zur homosexuellen Emanzipationsbewegung kaum noch ein Begriff ist.

Charlotte Ilona Steurer starb am 23. August 1986 nach längerer Krankheit in Wiener Neustadt. Sie war 65 Jahre alt geworden. Ihr Nachlass – "100 kg Papier" – wurde wenig später von ihrem Mann vernichtet. Wäre dieser Nachlass erhalten, hätte Charlotte Ilona Steurer heute innerhalb der Geschichte der deutschsprachigen Homosexuellenbewegung sicher eine prominentere Stellung inne.

Raimund Wolfert, Oktober 2016

1

Anonym [1969]: Mutige Kämpferin in Österreich, in: UNI 7, 3.

2

Urs Frank [d.i. Peter Lerch]: Ein Brief nach der Wiener Neustadt, in: Club 68. Das Organ für die Homophilen der Schweiz 3/8 (1970), 8.

3

Vgl. Manuela Bauer und Hannes Sulzenbacher: "Mein Name ist Erich Lifka. In Moskau kennt man mich." Eine erfundene Biographie zwischen Abenteuer, Widerstand, Spionage und Pornographie, in: Invertito. Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten 15 (2013), 169-196. Zur österreichischen "Homophilenbewegung" siehe Christopher Treiblmayr: "... mit dem heutigen Begriffe der Menschenrechte unvereinbar." Zum Engagement der Österreichischen Liga für Menschenrechte der Homosexuellen, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft 55/56 (2016), 50-65.

4

Charlotte Ilona Steurer an eine deutsche Freundin (MK), 21.6.1976 (Schwules Museum* Berlin, Teilnachlass "Marianne Klein", im Folgenden: SMB, TNL MK).

5

Charlotte Ilona Steurer: Der Hausfreund, in: Plädoyer. Die Zeitung der Minderheiten 1/8 (1972), 6.

6

Anonym: "Aufklärung" eine politische Zeitschrift, in: Der Kreis  - Le Cercle - The Circle. Eine Monatsschrift - Revue Mensuelle - A Monthly 32/8 (1964), 14.

7

Charlotte Ilona Steurer an den Schriftleiter Rolf, 18.3.1965. Schwulenarchiv Schweiz (im Schweizerischen Sozialarchiv, Zürich), Signatur Ar 36.7, Einzelbriefe Mappe 2: 1962-1965.

8

Wie Fussnote 7.

9

Charlotte Ilona Steurer an MK, 4.4.1974 (SMB, TLN MK).