Österreich

… und "Berühmte Homoeroten"

Im September konnten Charlotte Ilona Steurer, Wiener Neustadt, und Peter U. Lerch vom "Fall Österreich" berichten, dass endlich der berüchtigte Paragraph gefallen sei und das "rückständige" Land jetzt mit seinem neuen Schutzalter von 18 Jahren die "fortschrittliche" Schweiz überholt habe.1 Der Artikel gliederte sich in zwei Spalten, wovon die erste endete:

"Der revidierte Paragraph 129 ist am 17. August 1971 in Kraft getreten. Damit wurden endlich rund 300 000 Österreicher rehabilitiert."

Die zweite Spalte enthielt die Reaktion der Österreichischen kath. Bischofskonferenz, die "eine böse und gehässige Erklärung von allen Kanzeln des Landes verlesen" liess und endete nach der wörtlichen Wiedergabe des Hirtenbriefes:

"Diese Erklärung [...] ist [...] das untoleranteste, unmenschlichste und vor allem unchristlichste Dokument, das wir seit langer Zeit gelesen haben. Ihr Herren Bischöfe, Ihr selbstgefälligen und deshalb so sündigen Sittenwächter, müssen wir Euch an die Bibel erinnern? Richtet nicht, auf dass Ihr nicht gerichtet werdet!"

Charlotte Ilona Steurer (1921-1986) hatte schon mit Karl Meier / Rolf und dem KREIS in Verbindung gestanden.2 Sie war verantwortliche Redaktorin der Zeitschrift Aufklärung, die im Sommer 1964 nur einmal erschien. Dazu schrieb Karl Meier im Kreis:3

"Diese neue Vierteljahreszeitschrift aus Wien bezeugt einen ungewöhnlichen Mut. [...] Sie tritt auch mit unwiderlegbaren sachlichen Begründungen für die endliche Abschaffung des österreichischen Homosexuellen-Paragraphen ein. [...]"

Frau Steurer war 1970 und 1971 Korrespondentin des club68 und Peter U. Lerch / Urs Frank widmete ihr einen "Brief nach der Wiener Neustadt", worin er sie den Lesern als selbstlose, unermüdliche Kämpferin für unsere Rechte im allgemeinen und für club68 im besonderen und als "das verlässlichste Kontrollorgan der Wiener Presse" vorstellte.4

Die beliebte Folge Berühmte Homoeroten setzte Jürg Amstein fort und behandelte nach Beendigung der Beethoven-Serie folgende Themen und Biografien:

  • der Ritterorden der Templer5
  • Alexander von Humboldt6
  • Cambacérès, dritter französischer Konsul neben Lebrun und Napoleon Bonaparte7
  • der biblische König David8

Die grafisch auffallend gestalteten Modeseiten mit ihren besonders ausgesuchten Modellen waren bald nicht nur Infoblätter für Junge; sie fanden viele Liebhaber weit über diesen Kreis hinaus.

12/1971 war die letzte Ausgabe von club68. Das Heft selbst enthielt jedoch keinerlei Mitteilung oder auch nur Andeutung über ein Ende.

Von Leuten aus dem Redaktionsteam war später zu vernehmen, dass sich die erwarteten Steigerungen der Mitgliederzahlen nicht realisieren liessen. Das habe zu Frustrationen geführt. Man habe sich daher entschlossen, die Kräfte auf den Conti-Club und die SOH zu konzentrieren.

Zwei Monate später erschien die erste Ausgabe der neuen SOH-Zeitschrift hey.

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Ernst Ostertag, März 2006

Quellenverweise
1

club68, Nr. 9/1971, Seite 11

2

Raimund Wolfert, Lambda Nachrichten, Nr. 5/2007, Seite 26, Wien, Portrait über Charlotte Ilona Steurer

3

Der Kreis, Nr. 8/1964, Seite 14

4

club68, Nr. 8/1970, Seite 8

5

club68, Nr. 5/1971, Seite 7

6

club68, Nr. 7/8/1971, Seite 16

7

club68, Nr. 9/1971, Seite 12 und 10/1971, Seite 10

8

club68, Nr. 11/1971, Seite 13 und 12/1971, Seite 6