1971/1972

Vorgeschichte

Ein Treffpunkt mit getarnten Namen

Club In, Inserat

Club In, Inserat

Inserat des Club In, Lugano in hey 5/1979.

Urheber
Urheber: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich (sas)
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 0098
Inserat des Club In, Lugano in hey 5/1979

Ein Mitglied der Gründungsgruppe, Paolo, schilderte die Vorgeschichte unter dem Pseudonym "Schmuk". Sie erschien im hey auf Italienisch und Deutsch. Aus dieser "Club In Story" einige Abschnitte:1

"1971 war es um das Leben für uns Homosexuelle im Tessin sicher nicht zum Besten bestellt. [...] Es gab wohl Treffpunkte (einen Club und eine Bar), aber die waren alles andere als sicher und dienten Jugendlichen (von deren latenter Homosexualität ich noch heute überzeugt bin) oft als Zielscheiben, um ihre Angriffslust mit Schmähungen aller Art an uns ausleben zu können. [...]

Der einzige sichere Ort war das Haus unserer Freunde Sascha und Aureliano, Saschas Freund, wo man sich oft traf, einmal zum Apéro, das andere Mal zum Nachtessen. Ging ich an einem Abend mit einem Freund zu ihnen, war vielleicht auch Mauro mit Bekannten da, sodass das Wohnzimmer nicht mehr genügte [...]. So platzte jemand eines Abends mit der Idee heraus: Warum eröffnen wir nicht ein grösseres Lokal für unsere Begegnungen? [...] Sascha und Aureliano packten die Anregung [...]. Durch Bekannte fanden sie am Rande von Lugano [...] eine Osteria. Gianluigi, unser Innenarchitekt, schuf Wunder. Mit [...] wenig Ausgaben und viel Talent [...] gelang es ihm, das kleine Lokal so ansprechend einzurichten, dass entschieden wurde, schon ein Neujahrsfest dort [...] abzuhalten.

Das Jahr 1972 begannen wir also in unserem Club. [...] Tatsächlich aber öffnete der Club offiziell am 1. April [...] unter dem Namen 'Associazione Amici della Musica Jazz - Club In'. [...] Wir hatten 72 eingeschriebene, im Tessin wohnhafte Mitglieder. Dazu kamen noch viele Gesinnungsfreunde aus der übrigen Schweiz und dem nahen Ausland, die ebenfalls ihren Betrag von Fr. 100.- für die Jahreskarte leisteten.

Einziger Nachteil: Die Feindseligkeit der Gemeindebevölkerung. Solche Leute [...] legten mal eine alte stinkende Matratze vor die Tür, zerstörten mehrmals Lampe und Glocke oder [...] riefen lautstark Schimpfworte und Drohungen. Jetzt hat dieses [...] Verhalten aufgehört und es ist uns gelungen, wenigstens geduldet zu werden."

Der Name "Associazione Amici della Musica Jazz" (im Folgenden Associazione genannt) war erforderlich, weil die Vermieterin nur so einen Vertrag abschloss und weil niemand im Tessin einen klar bezeichneten Homosexuellen-Treff geduldet hätte.

Bereits im selben Jahr 1972 führte der "Verein Freunde des Jazz" eine einschlägige Umfrage unter den Nationalratskandidaten des Tessins durch, ohne von derselben gesamtschweizerischen Aktion der SOH zu wissen.

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Ernst Ostertag, September 2006

Quellenverweise
1

hey, Nr. 4/1975, Seite 18 ff