1968-1970

Gründung des Ursus

Erste Jahre

Die Gründung erfolgte am 8. März 1968 in Form eines "Verein Ursus Club". Festgehalten wurde das in der "Toggeli-Bibel des Ursus Club, 3011 Bern". So hiess ein Buch, in das bis ca. 1977 die Namen aller Mitglieder meist auch mitsamt dem Geburtsjahr handschriftlich eingetragen wurden.1

Toggeli bedeutet laut "Berndeutsches Wörterbuch" eine aus Holz geschnitzte Puppe, wohl verziert und bemalt, aber hart und steif. Das offizielle Verzeichnis der Bern-Burger, der meist wohlhabenden Berner Patrizier, wird von den gewöhnlichen Berner Bürgern etwas despektierlich "Toggeli-Bibel" genannt.

Unter den Gründern sind unter anderen angegeben:

"Fritz Schwab (geb. 1919)

als Präsident (bis 15.2.72)

Peter Heller (geb. 1929)

als Clubleiter (Vizepräsident ab 1970, im Vorstand bis 1984)

Roland Stauffer

als zweiter Beisitzer (Präsident ab 16.2.72)

Stephan Ehrensperger (geb. 1935) 

als Kassier (Clubleiter ab 1970)"

In der Festschrift zum Jubiläum der 20-jährigen Bestehens schrieb ein "Röbi" unter anderem:2 Es

"trafen sich die 10 Gründungsmitglieder. Jeder setzte seine Unterschrift auf eine Urkunde. Daraufhin wurden die Statuten aufgesetzt und von einem Juristen überprüft. Auch wurden Kontakte mit der Stadtpolizei aufgenommen. [...] Das Einvernehmen mit der Polizei war so gut, dass oft sogar Vertreter an die Generalversammlung eingeladen wurden."

Einer der Gründer war Dr. Robert Wyss (erster Beisitzer). Da er später, wie etliche andere Vorstandsherren auch, Mitglied von Network wurde, dem 1995 gegründeten schweizerischen Verein schwuler Führungskräfte, machten wir dort seine Bekanntschaft und konnten ihn um Erinnerungen an die frühen Ursus-Jahre bitten. Aus seiner Antwort vom Januar 2002:

"[...] In der Tat haben wir in Bern im Frühjahr 1968 den Ursus Club gegründet. Der Initiant war Peter Heller, ehemals Instruktionsoffizier, dann Kaufmann. Er stellte hierzu als Clublokal den ehemaligen Weinkeller in seinem Hause unten an der Junkerngasse 1 zur Verfügung. In den [...] vorangehenden Jahren hat er als Privatperson den erwähnten Keller, in dem es bodenlos gestunken hat, jeweils an zwei Abenden pro Woche geöffnet, sodass die Berner Schwulen, anfänglich nur wenige, dann zunehmend mehr, sich dort treffen und auch tanzen konnten. [...]

Nach der Gründung begann eine gründliche Reinigung des Kellers, eine sogenannte Entstinkung, ein Ausbau der vorhandenen Räume, eine generelle Renovierung mit einem geregelten Barbetrieb.3 Die Zahl der Mitglieder stieg rapide an. Die 'Schwulitas Bernensis' war erwacht. Die baulichen Arbeiten wurden von unseren Mitgliedern zum grössten Teil selbst gemacht, meistens abends. Wir hatten damals einige Handwerker als Mitglieder, die mit grossem Eifer und Idealismus gratis arbeiteten. [...]"

Nach einem allerersten Inserat des Ursus Club in club68 10/1969 erschien der unter "Einführung" zitierte Artikel von Ernest Olivier in 12/1969 als erster Bericht über diesen neuen Club. Ab 1/1970 gab es regelmässig Berichte und Inserate. Ein weiterer Abschnitt aus dem Artikel in 12/1969 lautete:

"Zutritt zu unseren Clubräumen erhalten die mit einem einheitlichen Ausweis der vier bestehenden Städteclubs oder mit einer Abonnementskarte der Zeitschrift club68 versehenen Kameraden. Aus verschiedenen Gründen ist es unumgänglich, dass bei jedem Eintritt ein amtlicher Personalausweis vorgelegt werden muss."

Diese Praxis erinnert an jene, die im KREIS üblich war. Das ist kein Zufall. Denn sowohl Peter Heller als auch andere Gründer und sonstige Mitglieder waren bis 1967 Abonnenten der Zeitschrift Kreis gewesen. Ich erinnere mich an mündliche Berichte von Karl Meier / Rolf, Rudolf Jung / Rudolf Burkhardt und anderen über zumindest einen Besuch im Kellerlokal "ganz unten an der Junkerngasse". Peter hatte die KREIS-Leitung dazu eingeladen. Alle tönten begeistert und sprachen von einer bald Realität werdenden Berner Parallelgeschichte zur Basler Isola. Das war in den Wintermonaten 1965/66.

Zum 25-Jahr-Jubiläum brachte die Berner Zeitung Der Bund eine Laudatio unter dem Titel "Aus einem Treffpunkt schwuler Männer erwuchs vor 25 Jahren in der Altstadt der Ursus Club. Früher 'gleichgesinnt' - heute 'schwul'."4 Zur Frühgeschichte hiess es darin:

"1968 formierten sie sich dann als Ursus Club Bern, wobei jede Anspielung auf die Ausrichtung des Clubs tunlichst vermieden werden musste. Nach den Statuten ging es kommentarlos 'um die Pflege der Kameradschaft durch Zusammenkünfte und Vorträge'. Gegen aussen wurde absolute Verschwiegenheit bewahrt, es gab strenge Eintrittskontrollen - und die Sittenpolizei ihrerseits hielt ein wachsames Auge auf den Kellereingang."

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Ernst Ostertag, Juli 2006

Quellenverweise
1

Das Buch ist heute im sas

2

Ursus Club, Festschrift zum 20. Jubiläum, 1988, Seite 3

3

Peter Heller, Ursus Club, Festschrift zum 20. Jubiläum, 1988. "Im Herbst 1969 verschickten wir die ersten Einladungen als 'Ursus Club Bern' "

4

Der Bund, 26. November 1993