1971-1989

Jahre des Ausbaus

Ein Ghetto mit Erfolg

Am 3. April 1971, bei der Erweiterung des Vereins Club 68 zur SOH (Schweizerische Organisation der Homophilen), trat mit den übrigen Städteclubs auch der Ursus Club dem Kreis der SOH Aktivmitglieder bei und brachte über eine festgelegte Anzahl von selbstbestimmten Delegierten seine Interessen und seine Mitarbeit ein.

Der Ursus übernahm zunächst die für die SOH typische Zweiteilung seiner eigenen Mitglieder in Aktive und Passive, fand dann aber ein anderes System: Dem an einer Jahresversammlung gewählten Vorstand wurde ein auf gleiche Weise gewähltes Gremium von Delegierten quasi als kontrollierendes und mitbestimmendes Parlament zur Seite gestellt. Die drei Organe des Clubs waren "Mitgliederversammlung, Delegiertenversammlung und Vorstand samt Präsident".1 Das blieb so bis zum Ende.

Ab 1971 wohnte Peter Heller bis zu seinem Tod 1989 im Haus Junkerngasse 1, dessen Verwalter er seit 1951 war, so schrieb mir sein Bruder am 26. September 2006, und fügte bei: "Er war damit während längerer Zeit der Vermieter der Kellerlokalitäten an den Ursus Club."

In seiner Ausrichtung gab sich der Ursus Club weiterhin deutlich zurückhaltend. Noch 1979 legte er in revidierten Statuten fest, dass er sich als "Zusammenschluss von Gleichgesinnten" verstehe, und "keine Öffentlichkeitsarbeit anstrebe". Das war eine klar gegensätzliche Haltung zu jener der Ende 1972 gegründeten HAB (Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern), die als "Linke" galten.

Ursus-Club Bern

Ursus-Club Bern

Logo des Ursus-Club Bern aus dem Heft '10 Jahre Ursus-Club Bern', gegründet 1968.

Urheber
Urheber: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Ursus-Club Bern
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 0097
Logo des Ursus-Club Bern aus dem Heft '10 Jahre Ursus-Club Bern', gegründet 1968

Zum 10. Geburtstag konnte Präsident Max Schori im bereits unter "Vorgeschichte" zitierten Bericht im hey mit berechtigtem Stolz feststellen:2

"Der Verein zählt heute rund 650 Mitglieder und sicher doppelt so viele Gäste, die uns mehr oder weniger regelmässig besuchen. Ein grosser Teil dieser Besucher kommt aus der welschen Schweiz. Es freut uns, dass sich die Romands wohl fühlen und immer gerne wiederkommen."

Damit war der Ursus Club nebst der SOH zur grössten Vereinigung von Homosexuellen in der Schweiz geworden.

Stationen des Club-Ausbaus erwähnte die Festschrift zum 20. Jubiläum 1988:

"1974 Aushub des mittleren Kellerteils5 und Bewilligung für das Führen eines Gastwirtschaftsbetriebes mit dem Patent eines befreundeten Restaurants als Dependance6.

1982 Ausbau des hintersten Kellerteils zur Benützung als Clubraum und teilweise als Lager.

1986 Aushub des mittleren Hausteils durch die Hausverwaltung inkl. Lifteinbau. Fertigausbau des hintersten Clubraumes zur heutigen Form. Neuplatzieren des Lagers und Erstellen der oberen WC-Anlagen.

1987 Einsatz des hauptamtlichen Barchefs."

Zum Zwanzig-Jahr-Jubiläum fanden drei Anlässe statt, am 9. Juni 1988 ein Presse-Apéro, am 10. Juni eine Jubiläumsdelegiertenversammlung mit Nachtessen und am 11. Juni ein Apéro mit geladenen Gästen (ehemalige Vorstandsmitglieder, Gründungsmitglieder usw.).3

Trotzdem, der Bestand an Mitgliedern war gesunken und betrug im Januar 1988 nur noch 460. Mit einer an der Mitgliederversammlung vom 10. September 1988 neu gewählten Spitze, Präsident wurde Nicolas Wenger, sollten frische Ideen eingebracht und ein Neubeginn gestartet werden. Das gelang. So wurde unter anderem eine Fotoausstellung des damals schon einschlägig bekannten und heute berühmten Walter Pfeiffer geplant, dazu Videofilm-Abende und die Fortführung des vierteljährlichen Infoblattes Numero.

Die Delegiertenversammlung vom 22. April 1989 stellte befriedigt fest, dass die Mitgliederzahl auf 510 zugenommen hatte.

Doch im selben Jahr kam es zum Rückschlag durch einen massiven Fall von Veruntreuung. Numero berichtete darüber:4

"Erwin, Barchef im letzten Jahr, ist geständig, das Clubvermögen um etwa einen Drittel der Kosten für eine neue Lüftung betrogen zu haben."

Laut Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom 14. Januar 1991 konnte der Fall gegen den ehemaligen Barmann abgeschlossen werden: er anerkannte die Schadenersatzforderung des Ursus Clubs in der Höhe des veruntreuten Betrages von Fr. 50'716.30.

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Ernst Ostertag, Juli 2006

Quellenverweise
1

Numero, Vereinszeitschrift, August 1993, Seite 2

2

hey, Nr. 9/1978, Seite 17

3

Aus Max Schoris Begleitbrief zum Jubiläumsprogramm

4

Numero, Heft April/Mai/Juni 1990, Seite 1

Anmerkungen
5

heutiger Standort der vorderen Bar

6

nach mündlicher Angabe von Max Schori handelte es sich dabei um das nahe gelegene Hotel Adler