1979/1980

Kritik am Papst

Ungehorsam gefordert!

Es war wieder eine Themennummer fällig. Sie erschien Ende Jahr mit Fortsetzung im Januar 1980.1

Diesmal hiess der Leitsatz "Kritik am Papst". Mein (Ernst Ostertag) Kommentar "Zur letzten Nummer dieses Jahres" wies auf Fakten hin:2

Im Zusammenhang mit seinen Ansprachen in Chicago und Philadelphia wurde von Johannes Paul II

"in zynischer Weise ein Unterschied gesetzt zwischen homosexueller Neigung (die es wie eine Krankheit [...] christlich mitleidvoll anzusehen gelte) und homosexueller Betätigung, die auf jeden Fall (auch unter Lebenspartnern) in den Bereich der Sünde gehöre.

Die Türe zu einem echten, kritischen Dialog über diese Thesen [...] schlug er mit der saloppen Bemerkung zu: 'Wir können nicht allen gefallen!' Dies vor jubelnder Menge. Wen wundert's, wenn wir bei solchen Auftritten die Parallele zu Hitler und Khomeini sehen? Für uns Homos wird wieder einmal die Devise 'Exodus' heissen. [...]"

Auf den nächsten Seiten folgte der Wortlaut einer Predigt, die Peter Noll, Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Zürich, wenige Wochen zuvor in der Zürcher Predigerkirche gehalten hatte.3 Sie trug den aktuellen und bezeichnenden Titel "Ungehorsam" und stellte Jesu radikale Kritik der Macht und seine Freiheit von Macht in den Mittelpunkt. Dazu passten die Seiten mit unter anderem einem Leserbrief "Als Homosexueller auf Liebe verzichten?"4 aus dem Tages-Anzeiger:5

"Als homosexueller [...] Katholik bin ich im wahrsten Sinne des Wortes 'betroffen'. Wie kann, darf oder muss ich die an mich adressierte Botschaft des Papstes verstehen [...]? Heisst es, dass ich entweder den Glauben bzw. die Zugehörigkeit zur Kirche oder aber die Liebe, die mich mit einem Gleichgeschlechtlichen verbindet, aufgeben muss?

[...] In der Folge heisst das für mich konkret: Rückkehr zu demjenigen Leben, das ich zwischen meinem 12. und 25. Lebensjahr gelebt habe. [...] Rückkehr in praktisch andauerndes Suchen, Sich-selber-Verdammen und Sich-ändern-lassen-Wollen. Rückkehr zum Alltag in Angst vor der Rache Gottes und jener der Gesellschaft [...].

Verstecke deine wahren Gefühle vor jedermann, lasse dich innerlich vor Sehnsucht zerfleischen, unterdrücke nicht nur dich selbst, sondern die ganze Minderheit, welcher du angehörst. Verdamme dich selbst und deine Veranlagung, die du seit den ersten Regungen deiner Pubertät verspürtest. Ersticke in dir jedes Aufkeimen eines zärtlichen Verlangens und befriedige dich selbst, wenn du nicht mehr anders kannst.

Nein, Heiliger Vater, ich kann nicht glauben, dass es Gottes Wille ist, in ein derartiges Leben zurückzukehren. Ich glaube vielmehr, dass mir Gott den Auftrag gegeben hat, mein Menschsein und meine Veranlagung so zu nutzen, dass ich vor Gott, meinem Nächsten und mir selbst als glücklicher Mensch bestehen kann, denn nur so vermag ich auch im Alltag Freude und Glück zu geben."

Schwarzes Homo-Schaf 1980

Schwarzes Homo-Schaf 1980

Das schwarze Homo-Schaf, Karikatur. Eine Antwort auf die homophoben Äusserungen des Wojtyla-Papstes Johannes Paul II bei seinem Besuch in Chicago (USA) am 5.11.1979.

Urheber
Künstler: Herman Focke, Amsterdam
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 0231
Das schwarze Homo-Schaf, Karikatur

Zwei Antworten6 auf diesen Brief im hey:7

Hans Flückiger, Bern, ein "protestantischer Laie":

"[...] Wie mir scheint, handelt der im Sinne Jesu, der jeweilen in seiner eigenen Zeit das zentrale Gebot der Nächstenliebe in völlig vorurteilsfreier Weise anwendet, der institutionalisierten Frömmigkeit die fröhliche Frömmigkeit des totalen Wagnisses oder der freien Öffnung entgegensetzt und mutig jedem institutionalisierten Machtanspruch die Freiheit des gottgeliebten Individuums entgegenhält. [...]"

M. D'Agostinis, Zürich:

"Die Zuschrift [...] hat mich erschüttert. Vor allem deshalb, weil es mir wieder einmal vor Augen führt, wie weit sich ein Mensch erniedrigen muss, um den moralischen Grundsätzen der heutigen katholischen Kirche gerecht zu werden. [...] Auch der gläubige Khomeini geht mit 'korrumpierten' Schwulen recht unzimperlich um. Ich habe den Eindruck, Toleranz und Religion schliessen einander aus. Toleranz setzt Einsicht, Vernunft voraus. Und dass die Kirche für Vernunft nicht viel übrig hat, dürfte langsam klar sein."

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Ernst Ostertag, April 2007

Quellenverweise
1

hey, Nr. 12/1979 und hey, Nr. 1/1980

2

hey, Nr. 12/1979, Seite 9

3

hey, Nr. 12/1979, Seite 10

4

hey, Nr. 12/1979, Seiten 14/15

5

Tages-Anzeiger, 15. Oktober 1979, Seite 18

6

Tages-Anzeiger, 19. Oktober 1979, Seite 18

7

hey, Nr. 12/1979, Seite 14/15