1972/1973

Plädoyer: Inhalt

Die erste Ausgabe hatte zum Hauptthema "Dienstverweigerung", womit das heisse Thema der Militärdienstverweigerung angepackt wurde, was - in Form von Leserbriefen - sofort die gegenteiligsten Meinungsäusserungen auslöste. In der zweiten Nummer gingen die Herausgeber darauf ein und nannten klare Ziele.1 Der Sprachstil dieses Artikels weist auf Robert Abraham als Verfasser hin:

"[...] Wir bestreiten entschieden, dass Plädoyer sich 'politisch in eine Richtung' engagiert. Das ist nun präzise das, was wir als Zeitung und Sprachrohr von Minderheiten nicht tun wollen. Die einzige Politik, die wir unterstützen, ist die Politik der freien Meinungsbildung. Und darauf folgt logisch, dass wir das anprangern und bekämpfen, was die freie Meinungsbildung in irgend einer Weise einengt, hemmt oder gar unterbindet: obrigkeitliche Einmischung, Meinungsterror gleich welcher Art, Diffamierung, mit einem Wort: Unterdrückung. [...]

Man muss bloss einmal [...] beim Coiffeur beobachtet haben, mit welcher Gier die Leute sich um die Lektüre eines Schnulzenberichts über Charly Windsor [...] reissen. Verglichen damit ist die Lektüre von Plädoyer alles andere als atemberaubend. [...] Plädoyer wird und kann daher auch nie eine Erfolgszeitung werden. Denn eine Zeitung, die Erfolg haben will, muss sich mit den Erfolgreichen abgeben. [...]

Minderheiten in unserem Sinn haben selten Erfolg [...], denn sie sind die ohnmächtigsten Gruppen innerhalb der Gemeinschaft. Respekt, Achtung und Rücksichtnahme vis-à-vis Minderheiten sind deshalb das 'sine qua non' einer Demokratie. Und jede Geste, die sich gegen Minderheiten richtet, ist in ihrem tiefsten Wesen antidemokratisch. Es ist niemals der Entscheid der Mehrheit, der den Fortbestand der Demokratie sichert, sondern das sorgfältig abgewogene Verhältnis von Mehrheit zu Minderheit. Wer Minderheiten diskriminiert, manipuliert an der Waage. [...]"

Das Innere dieser Ausgabe - wen wundert's? - war eine Auseinandersetzung mit der "Schweizerischen Republikanischen Bewegung", jener von James Schwarzenbach geleiteten Partei gewidmet und ihrem breiten Angriff auf Minderheiten, auch jene der Homosexuellen. Vor allem aber zielten die Republikaner auf die als billige Arbeitskräfte hereingeholte, nun aber plötzlich als "Überfremdung" wahrgenommene und gebrandmarkte Minderheit der Fremdarbeiter.

Die Sicht von Plädoyer war klar: alle Minderheiten sitzen im selben Boot; ihre Gegner sind dieselben Leute; gemeinsam müssen wir ihnen Widerstand leisten; gemeinsam können wir sie stoppen.

Im "SOH Bulletin", hey vom Juli 1972, hiess es unter dem Titel "Öffentlichkeitsarbeit auf Gegenseitigkeit":

"[...] Plädoyer erhalten nicht nur die Mitglieder der SOH, sondern seit Anbeginn sämtliche eidgenössischen Parlamentarier und Behörden sowie andere Persönlichkeiten in wichtigen Stellungen. Auf diese Weise wollen wir etwas von dem, was für uns von Bedeutung ist, unter die Leute und damit ins allgemeine Gespräch bringen. [...]"

Eine zeitlos reizvolle Geschichte, teilweise wohl auf eigene Erinnerungen basierend, verfasste Charlotte Ilona Steurer in Plädoyer unter dem Titel "Der Hausfreund".2 Darin beschrieb sie diese leider (fast) ausgestorbene Spezies von homoerotischen Männern, die als Hausfreunde immer zur rechten Zeit mit den entsprechend guten Worten und genau passenden Geschenken einfach da sind, sobald irgendwer in der Familie, Eltern oder Kinder, an einem echten oder vermeintlichen Problem leidet. Sie waren (oder sind) die stets selbstlosen guten Geister, deren eigenes Leben nie hinterfragt wird, weil sich eine solche Frage gar nie stellt.

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Ernst Ostertag, Juni 2006

Quellenverweise
1

Plädoyer, Nr. 2/1972, Seite 6

2

Plädoyer, Nr. 8/1972, Seite 6