1972/1973

Plädoyer und hey

… warum Plädoyer nicht überlebte

Das Verhältnis von Plädoyer und hey wurde den SOH Mitgliedern im Juni erklärt:1

"Man wünscht [in Leserbriefen] wieder ein Blatt im Sinne des vorangegangenen club68. Wir weisen daher darauf hin, dass hey nicht für sich alleine besteht, sondern als Beilage zur eigentlichen Zeitschrift Plädoyer gedacht ist. Alle hey Leser sind Plädoyer Abonnenten, aber nicht alle Plädoyer Abonnenten beziehen auch das hey. Was im hey vermisst wird, findet sich meist im Plädoyer. [...] Plädoyer enthält [...] vor allem Diskussionsstoff, Kritik, Interviews und Information. [...]"

Diesem Konzept war kein langes Leben beschieden. Bilder allein mit knappem Text im hey, das war den Homosexuellen zu wenig, auch dann, als mit erigierten Gliedern gelockt wurde, was ohnehin nach wenigen Ausgaben nicht mehr möglich war. hey erhielt in der zweiten Jahreshälfte einen massiven Ausbau der Texte.

Zugleich zeichnete sich ein Fiasko des Plädoyer ab. Leider, denn inhaltlich hielt es sich auf hohem Niveau mit journalistisch einwandfreien Artikeln, Interviews, Berichten, Recherchen, Umfragen und Analysen.

Im Frühjahr 1973 stellte Plädoyer das Erscheinen ein. Das mutige Experiment war seiner Zeit trotz allgemeiner Aufbruchstimmung um viele Jahre voraus. Zudem fehlte die überlebenswichtige Verbindung zu einem grösseren Anbieter im Medienmarkt.

Auf dem Sektor publizistische Zusammenarbeit mit Aussenstehenden musste also ein Rückzug ins Homosexuellen-Ghetto oder, moderner ausgedrückt, in die Community erfolgen. Erst 10 Jahre später, mit der Aids-Bedrohung, wurde die Situation grundlegend anders.

Ernst Ostertag, Juni 2006

Quellenverweise
1

hey, Nr. 5/1972, Seite 2