1836-1932

Einzelgänger

Heinrich Hössli

Heinrich Hössli

Heinrich Hössli, 1784-1864. Erschienen in 'Der Eigene', ein Blatt für männliche Kultur, Jahrgang X, Nr.1/2, 1924. Sonderausgabe: 'Der freien Schweiz gewidmet'. Seite 19.

Urheber
Künstler: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Sammlung E. Ostertag/R. Rapp, Zürich
Rechte
© erloschen
Sammlungs Nr.
ID: 0006a
Heinrich Hössli, 1784-1864

1836 und 1838 veröffentlichte der Glarner "Putzmacher" (Couturier) Heinrich Hössli (1784-1864) zwei Bände seines grossen Werkes "EROS, die Männerliebe der Griechen". Darin stellte er als erster Mensch überhaupt öffentlich und in aller Form fest:

  • Dass diese Liebe trotz jahrhundertlanger Verketzerung, Verfolgung, Bestrafung mit Gefängnis, Folter und Hinrichtungen nie hat ausgerottet werden können.
  • Dass diese Liebe darum als Anlage der Natur gesehen werden muss.

Seine Folgerung war: Diese Liebe kann

  • weder als Verbrechen bestraft,
  • noch als Krankheit geheilt,
  • noch als Sünde verdammt werden.

1898 publizierte der Schweizer Jacob Rudolf Forster (1853-1926), Heiratsvermittler, Hausierer, Geschäftsmann aus Brunnadern (SG) seine Lebensgeschichte "Justizmorde im 19. Jahrhundert". Ein offen schwul Lebender erzählte erstmals die Geschichte behördlicher Verfolgung, Diffamierung, Einweisung in Gefängnisse und Irrenanstalten, versuchter Abschiebung ins Ausland, Entzug des Bürgerrechts. Und trotzdem wurde es die Geschichte der Durchsetzung seiner Rechte, und der einer mutigen Eingabe an die Eidgenössischen Räte 1893 zur Änderung des Strafgesetzes, damit solche Ungerechtigkeit sich nie mehr ereigne.

Karl Meier / Rolf, um 1950

Karl Meier / Rolf, um 1950

Karl Meier / Rolf, 1897-1974, Schauspieler und Leiter des KREIS.

Urheber
Fotograf: Koch, Schaffhausen
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Rechte
© erloschen
Sammlungs Nr.
ID: 0017a
Karl Meier / Rolf, 1897-1974, Schauspieler und Leiter des KREIS

1932 reiste der Schauspieler Karl Meier / Rolf (1897-1974) aus Deutschland in seine Heimat zurück. Er war in Kradolf (TG) aufgewachsen, hatte in den acht Jahren seines Deutschland-Aufenthalts von den Schriften und Tätigkeiten der aktiven homosexuellen Berliner Kreise um Magnus Hirschfeld (Wissenschaftlich-humanitäres Komitee, WhK, und Institut für Sexualwissenschaft) Kenntnis genommen und zu Adolf Brand (Der Eigene, die erste Zeitschrift für Homoeroten) eine freundschaftliche Beziehung aufgebaut. Beiträge Karl Meiers erschienen in dieser Zeitschrift.

Homosexuelle Aktivisten in Deutschland sahen sich sowohl in der Nachfolge Heinrich Hösslis als auch des deutschen Juristen Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895), der 1867 - auf Hössli gestützt - seine eigenen Thesen dem Deutschen Juristentag vorgetragen und damit in Deutschland bekannt gemacht hatte.

1932 war das Aufkommen der deutschen Nazi-Barbarei bereits deutlich spürbar. Nach ihrer Machtergreifung am 30. Januar 1933 schlossen die Nazis schon in den ersten Monaten systematisch alle schwulen Treffpunkte, zerschlugen die Organisationen, beschlagnahmten und zerstörten deren Publikationen, Bibliotheken und Archive.

Mit Karl Meier kehrten die Ideen eines Zusammenschlusses gleichgeschlechtlich Liebender und das Wissen um Möglichkeiten aktiver Aufklärung in die Schweiz zurück. Er sollte hierzulande Vater dieser Bewegung werden. Darin sah er seine Aufgabe.

Menschenrecht 1942

Menschenrecht 1942

Titelblatt 'Menschenrecht', 1942. Der Weg in die Freiheit von Rudolf Rheiner (Karl Meier), 1897-1974. 1/1942, X. Jahrgang.

Urheber
Autoren: verschiedene
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Rechte
© erloschen
Sammlungs Nr.
ID: 0304a
Titelblatt 'Menschenrecht', 1942

1939 legte die Organisation ihren Namen ab und wurde zur Abonnenten-Vereinigung in den festen Händen ihres Leiters, Karl Meier, der sich nun den Namen Rolf zulegte.

1942 wurde die Homosexualität in der Schweiz entkriminalisiert. Jetzt galt es, die gewonnene Rechtssicherheit zu konsolidieren und nicht zu gefährden.

Gesetzlich verboten blieben "Verführung" von Minderjährigen und männliche Prostitution.

Also hiess das Gebot: Unauffällig sein und unauffällig leben! Das konnte man - so die Botschaft - in einem Kreis von "Anständigen" tun. Und aus diesem Kreis sollten Beziehungen zu anerkannten, verständnisvoll-offenen Persönlichkeiten (Wissenschaftern, Künstlern, Politikern) geknüpft und genutzt werden, um in deren Namen aufklärend an die Öffentlichkeit zu gelangen.

Schliesslich bedeutete die Entkriminalisierung der Homosexualität in keiner Weise deren gesellschaftliche Akzeptanz. Im Gegenteil, aus den Äusserungen der meisten Befürworter war klar hervorgegangen, dass man mit dem neuen Gesetz "nie mehr" von diesen Leuten hören und über sie in der Öffentlichkeit sprechen müsse, weil sie ja jetzt haben, was sie wollten.

Damit hatte man ein gesellschaftliches Tabu geschaffen.

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Ernst Ostertag, August 2007