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Ächtung und Gesetzgebung

Zuerst entstand die Ächtung. Sie geht auf die biblische Geschichte vom Untergang der Städte Sodom und Gomorra zurück (1. Moses, Kp.19 und 20). Mit dieser "Strafe Gottes" wurden zunächst sexuelle Akte unter Männern, später auch unter Frauen und von Menschen mit Tieren verknüpft. Die verhängnisvolle Verbindung des Geschehens von Sodom mit diesen Formen sexueller Betätigung erfolgte erst in frühchristlicher Zeit und blieb zunächst auf den Einflussbereich der Kirche beschränkt.

Mit der um 530 entstandenen Gesetzgebung unter Kaiser Justinian kam die kirchliche Sicht und Beurteilung der "Sünde Sodoms" in die weltliche Gerichtspraxis und nahm dort ihren von Anfang an tödlichen Verlauf bis ins 20. Jahrhundert: Eine Art 1400 Jahre dauernder Holocaust an gleichgeschlechtlich Veranlagten.

Damit ging die systematische Kampagne der Ächtung weiter. Sie wurde vorangetrieben durch kirchliche Lehrpersonen und bewirkte schliesslich die fast unauslöschlich tiefsitzende Abscheu der Allgemeinheit vor einer "Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt" (Oscar Wilde).

Erst mit der Aufklärung, der Französischen Revolution, dem wachsenden Bewusstein für Menschenrechte und - parallel dazu - dem Niedergang des kirchlichen Einflusses gelang ein neues Strafgesetz ohne "Aberglauben" und moralisch gefärbte Vorurteile: der code civil und code Napoléon. Gleichgeschlechtliche Akte blieben unerwähnt.

Doch in der nachnapoleonischen Restauration kehrte der "Aberglauben" zurück und damit auch die gesetzliche Kriminalisierung "sündiger" Akte. Dies für weitere fast 150 Jahre.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, August 2010