Gruppierungen von 1931 bis 1933
Die 20er und 30er Jahre
1930–1933
Lose Gruppierung in Genf
Nach den «Mitteilungen des Wissenschaftlich-humanitären Komitees»
[1] vom März/April 1931, gab es in Genf Ende der 20er Jahre einen Kreis von Homosexuellen um einen gewissen Charles Rappaport. Es scheint sich dabei um den ersten Zirkel von Gleichgesinnten in der Romandie zu handeln, über den es einen schriftlichen Hinweis gibt. Von wann bis wann er existierte, ist – zumindest bis heute – unbekannt.
Charles Rappaport hat, so in den «Mitteilungen», dem WhK Berlin den Vorwurf gemacht, es sei bei den StGB Beratungen in den Eidgenössischen Räten nicht aktiv geworden. Es hätte seine Mitglieder und Vertrauensleute in der Schweiz mit Argumenten bedienen und zu konkretem Eingreifen auffordern müssen und es hätte dazu eine Koordinationsstelle schaffen oder wenigstens anregen sollen.
Offenbar waren Herr Rappaport und seine Freunde gut informiert ohne Mitglieder des WhK zu sein. Sie wollten eine eidgenössische Gesetzesform, die dem Kanton Genf keinen Rückschritt bringen würde. Denn Genf hatte (seit Napoleon) ein Strafgesetz ohne Artikel zur Homosexualität, weswegen ihnen auch der Vorschlag Hafter zu wenig weit ging – und mit dem nationalrätlichen Kompromiss von 1929 mochten sie erst recht nicht leben. Aus verständlichen Gründen vertraten sie die extremst mögliche Position: Keinen Artikel über Homosexuelle und gleiches Schutzalter für beide Geschlechter! Letzteres gehöre zudem in die Bestimmungen des Jugendschutzes. Solche Vorstellungen konnten zu jener Zeit keine Mehrheit finden, weder im Parlament noch bei einer Volksabstimmung. Die Positionen Rappaports und seiner Freunde wurden erst 1992 mit der StGB-Reform in ihren Grundzügen verwirklicht.
Das Ganze wirft ein interessantes Licht nicht nur auf gewisse Kreise in der Romandie, sondern auch auf das Verhältnis homosexueller Romands zu Deutschland und zu den wegweisenden Bestrebungen des WhK. Noch fehlte auf Jahrzehnte hinaus die entschlossene Bereitschaft einer Grosszahl von Betroffenen zur Gründung aktiver Organisationen in der Schweiz, welche Informationen verbreiten, die Zusammenarbeit organisieren, gemeinsame Anliegen öffentlich vertreten und sie schliesslich mit gezieltem Lobbying hätten durchsetzen können.
Kurzlebige Gruppierung in Basel
In der Neujahrsnacht 1931/1932 wurde in Basler Restaurant Sternwarte beim Bernoullianum mit einem grossen Fest der «Bücherfreunde- & Literatur-Club Basel» von einem Robert S. gegründet. Rasch zählte diese Gruppierung von Homosexuellen über 100 Mitglieder aus beiden Basler Halbkantonen und ihrem schweizerischen wie deutschen und französischen Umland. Aus dem Statutenentwurf vom 1. Januar 1932 zu schliessen, handelte es sich, wie der Name beweist, um eine recht verdeckte Gruppierung: nicht einmal das Wort Freundschaft fand Platz. Das (schweizerische) Freundschafts-Banner
[2] schrieb denn auch: «Wir bedauern diese Namenswahl. […] Niemand wird doch ernstlich daran glauben, dass nicht sehr bald hindurchsickert, was und wer sich hinter diesem Namen versteckt. […] Mit offenem Visier kämpfen und kein Gegner kann uns seine Achtung versagen. Lieber gar nichts sagen, als eine offensichtliche Lüge.»
Laut Statutenentwurf ging es dem «Bücherfreunde- und Literatur-Club Basel» um die Pflege «edler Freundschaft», das Fördern «guter und schöner Literatur», um «gesellige und unterhaltsame Zusammenkünfte» unter «nur gut beleumundeten, anständigen Leuten», die «Klatschereien» unterlassen und Aussenstehende «nicht durch lautes Reden stören». «Strengstens untersagt» unter Androhung des «sofortigen Ausschlusses» war das Mitbringen von Strichjungen.
Nach wenigen Wochen löste sich die Gruppe bereits wieder auf, wahrscheinlich auf Druck von Behörden und Polizei.
Excentric-Club Zürich
Nach der Auflösung der «Sektion Zürich des Bundes für Menschenrecht» Ende 1930 / Anfang 1931, kam es im Oktober 1931 zu einem Neustart mit dem Herren-Club «Excentric-Club Zürich» (E.C.Z.) unter seinem Präsidenten Ernst Feist. Diese Gruppierung war ein gutes Jahr lang aktiv, Ende 1932 löste sie sich auf, u.a. wegen der ersten
Diffamierungskampagne des Scheinwerfer und wohl auch, weil die Arbeitskrise jener Zeit den Präsidenten zwang, in seine Heimatstadt Basel zurückzukehren. Das war in der Zeitschrift Freundschafts-Banner,
[3] vom 1. September 1932 auf der letzten Seite vermerkt: «Ernst Feist ist infolge Abreise aus unseren Reihen geschieden.»
Die rückblickend wichtigsten Leistungen des E.C.Z. waren der (lose) Zusammenschluss mit dem am 6. August 1931 in Zürich gegründeten Damen-Club
«Amicitia» und die aktive Mitarbeit am Freundschafts-Banner.
Freundschaftsbund Zürich
Im Winter 1932/1933 gab es einen neuen Versuch zur Gründung einer Männergruppe unter dem Namen «Freundschaftsbund Zürich», FBZ. Man wollte die Verbindung zu «Amicitia« wieder lösen und gab u.a. einen Ball ohne Zutritt von Frauen. «Sie wollten keine Weiber» steht lapidar im Protokollbuch der Amicitia. Doch über dieser Frage zerbrach der «Freundschaftsbund» im Frühjahr 1933, als einige Mitglieder die Frauen des Amicitia Vorstandes zur Hauptversammlung eingeladen hatten. Im handgeschriebenen Buch PROTOCOLL «Schweizerischer Freundschafts-Verband» Zürich (Amicitia) schildert Anna Vock diesen Zusammenbruch:
[4]
«An diesem Abend brach das III. Gebäude der männl. Organisation krachend zusammen. Mir taten die Mitglieder in der Seele leid, dass sie wieder ohne Club, sozusagen auf die Strasse angewiesen waren & in diesen Stunden reifte in meinem Herzen der Entschluss, alle gutwilligen einzuladen, fortan sich unseren Reihen anzuschliessen & eine gemeinsame Organisation zu bilden.»
So entstand am 4. April 1933 der
«Schweizerische Freundschafts-Verband Amicitia» (S.Fr.V.) unter der Führung von Anna Vock. Die Bezeichnung Amicitia wurde in der Folge meist weggelassen.
Ernst Ostertag, Mai 2004

