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Der Damen-Club Amicitia

Am 6. August 1931 trafen sich 21 Frauen (hetero- wie homosexuelle) in der Nähe des Hauptbahnhofes Zürich und gründeten den Damen-Club Amicitia. Vorausgegangen war ein Inserat im Tagblatt der Stadt Zürich vom 5. August:

Damen-Club «Amitia» bietet allen einsamen, sich nach trauter Geselligkeit sehnenden Damen jeden Standes und Alters Gelegenheit zu gemütlichen Zusammenkünften bei Spiel, Musik und Gesang. Neue Mitglieder und Gäste herzlich willkommen. Nächste Hauptversammlung Donnerstag den 6. August, abends 8 Uhr im Klublokal: Restaurant zum ‹Goldenen Löwen›, Löwenstrasse 66, 1. Stock (separater Eingang).

Am selben Abend wurde ein Vorstand bestimmt mit Laura Thoma als Präsidentin, Anna Vock als Aktuarin (Protokollbuch) und drei weiteren Frauen. Die heterosexuellen Frauen zogen sich bald zurück. Im Protokollbuch wurden (fast) alle Aktivitäten bis Ende 1938 handschriftlich festgehalten. So ist es zu einem der wichtigsten Zeugen jener Zeit geworden.

Dass sich aus dieser kleinen aktiven Zelle mit den Jahren und Jahrzehnten unsere gesamten schweizerischen Lesben- und Schwulenbewegungen von heute so ziemlich gradlinig entwickeln würden, das dürften sich die damaligen Initiantinnen Laura Thoma und Anna Vock kaum vorgestellt haben.

Wer waren diese beiden Frauen?

Anna Vock / Mammina (1885–1962)

Anna Vock alias Mammina
Anna Vock alias Mammina, geb. 1885, gest. 1962

Sie war eine einfache, geradlinige und ausserordentlich mutige Frau von enormer Schaffenskraft. Keiner, der sie einmal kennen lernte, konnte sie und ihre ebenso bestimmte wie humorvolle und mütterliche Art vergessen. Sie liess sich immer mit «Fräulein» ansprechen und bestand darauf, denn «das ist ein Ehrentitel, der besagt, dass ich ganz ohne Ehemann durchs Leben komme». Später nannten sie alle «Mammina» und gelegentlich zeichnete sie auch mit diesem Ehrennamen, den sie gerne hörte. Denn sie war wirklich die Mutter der Bewegung und blieb dem späteren KREIS bis zu ihrem Tod verbunden.

Beide Frauen ergänzten sich ideal, so berichteten uns Zeitzeugen, zumindest so lange, bis sich Laura Thoma im Unfrieden mehrmals für kürzere Zeit und schliesslich endgültig zurückzog.

Schon im Oktober 1931 fanden erste Kontakte der Frauen mit den Männern des Excentric Clubs statt, damit Sitzungen und Clubabende gemeinsam durchgeführt und somit von einer grösseren Anzahl Mitglieder besucht würden. Die Männer wollten aber keine heterosexuellen Frauen dabei haben. In der Folge wurde Amicitia aufgelöst und gründete sich sofort neu mit ausschliesslich gleichgeschlechtlich empfindenden Frauen.

Die erste gemeinsame Veranstaltung war ein Ball am Berchtoldstag, 2. Januar 1932. Dabei stellten Laura Thoma und der neue Excentric Präsident Öffnet internen Link im aktuellen FensterAugust Bambula unter dem gemeinsamen Pseudonym «Fredy Torrero» die erste Ausgabe der hektographierten ersten schweizerischen Homosexuellen-Zeitschrift vor.

Laura Thoma / Fredy (1901–1966)

Sie wuchs als Kind einfacher Eltern auf dem Lande auf, war zwei Jahre lang unglücklich «in den Ketten der Ehe» und 1930 geschieden. Darauf verbrachte sie 1931 etliche Wochen in Berlin und lernte die dortigen Organisationen kennen. Sie schrieb regelmässig für die Zeitschrift Garçonne, die in Berlin von 1930–1932 erschien. Sie war militant, eine kompromisslose Kämpfernatur, wenn es um ihre gerechte Sache ging, und «nicht leicht im Umgang», wie mir Anna Vock im persönlichen Gespräch einmal sagte. Von ihr stammte der Aufruf «Leidensgenossinnen der Schweiz vereinigt Euch!» Sie schrieb aber auch Sätze wie:

«[…] auch du musst Frühlingsstimmen in dir aufkommen lassen, […] aber wie soll sich ein Herze freuen können […], wenn in seiner Seele alles öde und leer aussieht? […] Liebe, Frauenliebe, welche Fülle von Harmonien und Glück birgst du in dir. – Nur du kannst uns restlos glücklich machen.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

«Ist es überhaupt Sache des Staates, dem einzelnen Bürger das Verfügungsrecht über den eigenen Körper und sein angeborenes Naturell zu nehmen […] und, wo keine Paragraphen in Anwendung gebracht werden, wie zum Beispiel bei uns Frauen, denselben ein freies Leben und Sich-Geben durch Ächtung und indirekte Verfolgung vollständig vorzuenthalten?» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

Laura Thoma mit Freundin
Laura Thoma mit Freundin Anneli auf dem Hochzeitsfoto ihres Bruders. v.l.n.r. hintere Reihe: Anneli; Braut; Bräutigam und Bruder von Laura Thoma; Laura Thoma, geb. 1901, gest. 1966; vordere Reihe: zwei Verwandte

Freundschafts-Banner

Titelblatt «Schweizerisches Freundschafts-Banner» Nr. 1
«Schweizerisches Freundschafts-Banner» Titelblatt
Titelblatt «Schweizerisches Freundschafts-Banner» Nr. 2
«Schweizerisches Freundschafts-Banner» Titelblatt Nr. 2

Die erste Seite der ersten schweizerischen Homosexuellen-Zeitschrift vom 2. Januar 1932 präsentierte ganz oben ihr Motto: «Durch Licht zur Freiheit. Durch Kampf zum Sieg.» Und unter dem Titel «Zum Geleit !» hiess es:

«Mitten im Winter hat ein kühner Sonnenstrahl ein kleines verborgenes Pflänzchen geküsst. Und siehe da – – das Pflänzchen reckte sich und ward ein kleines bescheidenes Veilchen. [Gebündelte Veilchen, etwa aus Stoff gemacht und an die Kleidung geheftet, waren in den 20er Jahren das Erkennungszeichen lesbisch liebender Frauen.] Ein zartes Veilchen in Eis und Schnee, – wem lachte da nicht das Herz vor Freude. Soll es schon Frühling werden? Ja, Frühling soll und muss es werden bei unseren Artgenossen, Freude und Sonnenschein soll hineingetragen werden in all die stillen Dulderherzen nah und fern. Wir wissen, wie qualvoll es ist, allein & unverstanden, oftmals von schlimmsten Seelenqualen verfolgt, den Weg durch das schwierige Leben zu gehen. Allen diesen Einsamen und Bedrängten rufen wir zu: ‹Seid unverzagt, ihr seid nicht allein, mit euch fühlen Tausende und Hunderttausende.› Doch ohne Kampf kein Sieg! Gerade wir Artgenossen müssen uns zusammenschliessen, nur vereinte Kraft, Alles schafft.»

Es erschienen 15 Ausgaben, dann, plötzlich nur noch von Männern für Männer herausgegeben, vier weitere und schliesslich bis zum 12. November drei letzte, lediglich als zweiseitiges Beiblatt im deutschen Freundschaftsblatt. Dann war Stille bis zum Neuanfang am 4. April 1933.

Zuvor aber sei hier noch ein Beispiel kämpferischen Geistes aus diesem ersten Jahr der Zeitschrift angefügt:

Die Kantonale Finanzdirektion (ZH) gegen Homosexuelle!

So lautete der Titel im Freundschafts-Banner 13/1932, worin ein Bericht aus dem Tagblatt der Stadt Zürich zitiert wurde. Dort hiess es, die Finanzdirektion habe sich geäussert, Zurückhaltung bei der Bewilligung von Wirtschaftspatenten an homosexuelle Wirte sei gerechtfertigt, besonders dann, wenn sie ihr Lokal zum Treffpunkt von ihresgleichen machen könnten. Denn der Staat habe kein Interesse an einer Förderung solcher Beziehungen. Der Kommentar dazu war deutlich und stammte vermutlich aus der Feder von August Bambula:

«Für die Finanzdirektion sind wir Minderwertige! Das ist ein Faustschlag ins Gesicht aller Homoeroten, […] von Tausenden anständiger Mitbürger. […] Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, solchen Leuten, die an ihren Posten oft Hervorragendes leisten, aus ihrer von der Natur gegebenen Veranlagung heute noch ein Verbrechen zu machen. Wozu haben denn Wissenschaftler und Forscher […] herausgefunden, dass unsere Veranlagung zum grössten Teil von der Natur gegeben ist?»

Und das Freundschafts-Banner 16/1932 doppelte nach: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

«Wir glauben, dass die Forschungen eines solchen Gelehrten auch praktisch und gerade vom Staat zu Nutzen gezogen werden sollten. Wenn der Staat auch kein Interesse an der Förderung solcher Beziehungen hat, so können wir, als Staatsbürger, doch zum mindesten verlangen, dass der Staat uns nicht zu Bürgern zweiter Klasse degradiert.» Und dann wurde als weiteres Argument beigefügt, dass «durch das Halten solcher Lokale gerade die ekelhafte männliche Prostitution» bekämpft werde, indem anständige Menschen sich dort treffen könnten und sich somit «von unwürdigen Plätzen abwenden».

Darunter folgte das Antwortschreiben der Finanzdirektion, welche ihren bisherigen Standpunkt wiederholte, aber zum Schluss deutlich bekannte: «Damit soll selbstverständlich in keiner Weise ein Werturteil ausgesprochen oder Ihre Mitglieder als Menschen zweiter Klasse erklärt werden.»

Dieses Vorgehen gegenüber einer Behörde war ebenso eindeutig wie mutig, besonders wenn bedacht wird, wie klein die Gruppe der Aktiven und Abonnenten war in einer Zeit von Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und allgemeiner Verunsicherung. Man hatte die Behörde zu einer klaren Stellungnahme gezwungen. Ein vergleichbares gemeinsames Vorgehen von Frauen und Männern gab es bis 1978/79 nicht mehr, als die Vernichtung der Öffnet internen Link im aktuellen FensterHomoregister eingefordert wurden.

Schweizerischer Freundschafts-Verband Amicitia, SFV

Protocoll-Buch
Innenseite: Protocoll-Buch des Schweizerischer Freundschafts-Verband Zürich

Am 4. April 1933 fand die Gründungsversammlung des gemeinsamen «Art-Verbandes» für Frauen und Männer statt. Dabei wurden auch die von der «Zentralleitung Zürich» vorgelegten Statuten des SFV genehmigt. Mitglieder konnten alle Artgenossen und Artgenossinnen werden, die das 20. Altersjahr erreicht hatten. Zweck des Verbandes war «die Pflege idealer Freundschaft, die sittliche Hebung und Bildung […], Veranstaltung von geselligen Anlässen, sowie Schutz unserer Mitglieder», womit nebst Vorstössen wie dem oben beschriebenen auch Vorkehrungen zum Schutz vor Erpressungen gemeint waren.

Zum Zweck gehörte an erster Stelle die Förderung des Ideals langjähriger stabiler Partnerschaften von zwei Frauen oder Männern. Ebenso zentral aufgelistet wurde aber auch der unerbittliche Kampf gegen die (männliche) Prostitution, welche das Bild der Artgenossen in der damaligen Gesellschaft immer wieder mit Zeitungsberichten und Gerichtsurteilen trübte und Gründe für Erpressungsversuche lieferte.

In der Zeitschrift FB (Schweizerisches Freundschafts-Banner), Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4] definierte der neue Mitarbeiter Öffnet internen Link im aktuellen FensterKarl Meier unter dem Pseudonym Gaston Dubois das Ideal des Artgenossen noch wesentlich eindeutiger: «Der ‹Schweizerische Freundschafts-Verband› versucht auf einer sauberen Grundlage alle anständigen Homoeroten der Schweiz zu sammeln; […] Wir erwarten, dass jeder kultivierte Homoerot sich mit seiner Artung auseinandersetzt, dass er weiss, welches Lebensschicksal er zu bezwingen hat. Wer sich als Homoerot unglücklich fühlt, trotz der klaren Erkenntnis, dass bedeutende Männer der Weltgeschichte so empfunden haben, der ist kein Homoerot.»

An der Gründungsversammlung vom 4. April wurde auch das Wiedererscheinen der Zeitschrift beschlossen, unter neuem Namen und ebenfalls für Frauen und Männer:

Schweizerisches Freundschafts-Banner (FB)

Titelblatt «Freunschafts-Banner» 1933
«Schweizerisches Freundschafts-Banner» Titelblatt Nr. 20
Titelblatt «Schweizerisches Freunschafts-Banner» 1934
«Schweizerisches Freundschafts-Banner» Titelblatt

Die erste Nummer 20/1933, die drei Beilagen im deutschen Freundschaftsblatt vom Herbst 1932 wurden nicht gezählt, begann u.a. mit einer klaren Zielsetzung:

«Aufklärend und belehrend auf jene unserer Mitmenschen einzuwirken, die sich heute noch berechtigt glauben, uns als pervers und entartet zu halten nur deswegen, weil wir nun einmal anders denken und fühlen wie sie. Es liegt an uns selbst, sie darüber aufzuklären, […] durch unser persönliches Tun und Handeln ihre Achtung und ihr Verständnis abzuringen.»

Diese Sätze waren eindeutig geprägt von der bitteren Erfahrung der ersten Öffnet internen Link im aktuellen FensterDiffamierungskampagne 1932.

Und ihrem Aufruf in den wieder beigefügten Frauenseiten verlieh Laura Thoma kämpferische Töne:

«Schweren Schicksalsschlägen gelang es, sein Erscheinen (Freundschafts-Banner) […] zu unterdrücken. Doch die Erinnerung an sein Wohltun und Aufrichten blieb jugendfrisch in unserer Seele wach. Sie ist es auch, die kampfesfreudigen Sachbekennern die Kraft und den Mut gab, Hände ans Werk zu legen, um wieder aufzubauen, wo niedergerissen wurde.»

Ab Nummer 21 von Ende Mai erschien die Zeitschrift in Buchdruck auf weissem Papier und erhielt so ein professionelles Gesicht.

Auch ein Bundeslied gehörte in diesen Neuanfang. Es bestand aus drei Strophen, verfasst von Laura Thoma, sein Schluss lautete: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5]

Drum Freund und Freundin, streite für unser Menschenrecht,

Das Glück uns stets begleite in unserm Artgeschlecht.

Es lebe, was wir lieben, das «Lila-Banner» hoch,

Die Freundschaft soll nichts trüben, die Welt gehört uns doch.

Damit hatte unser Land eine neue Organisation und ein Sprachrohr, beides mit gesamtschweizerischem Anspruch. Zugleich war der April 1933 Ausgangspunkt einer bis heute nie mehr unterbrochenen Linie von schweizerischen Nachfolgeorganisationen und Nachfolgepublikationen. Dies zeitgleich mit dem Etablieren der Hitler-Diktatur in Deutschland und mit einem ihrer ersten Verbrechen: Der systematischen Zerstörung aller Homosexuellen-Organisationen und -Treffpunkte, aller Zeitschriften, Bücher und Bibliotheken. Bereits wurden auch erste homosexuelle Menschen verfolgt, eingesperrt, gefoltert und in «Arbeitslager» (Konzentrationslager) verbannt, wo in den nächsten 12 Jahren gegen 20'000 von ihnen grausam umkommen sollten. Dieser Anfang bei uns geschah, als alle Bande zu Deutschland rissen und nur noch wenige private, oft unstabile Kanäle bestehen blieben.

Der unselige Öffnet internen Link im aktuellen Fenster§175 im Deutschen Recht und seine Folgen

Zwei Jahre später, in Nummer 21/1935 wurde auf diese Situation hingewiesen: «Wissen Sie, dass das Schweiz. Freundschafts-Banner die einzige homoerotische Zeitschrift ist, die noch in deutscher Sprache erscheint?» (In Österreich, das damals noch selbständig war, gab es weder eine Organisation noch Publikationen.)

Vereinsleben und Geselligkeit

Protocoll-Buch
Umschlag: Protocoll-Buch des Schweizerischen Freundschafts-Verbandes Zürich

Im Protokollbuch wurde ein «Ballbericht über unser Herbstfest» vom 30. September 1933 aufgezeichnet. Es begann bereits um 8 Uhr morgens im Restaurant Gsteig an der Gsteigstrasse über dem damaligen Weinbauern- und Vorstadt-Dorf Höngg bei Zürich. Hier einige Abschnitte:

«In der Mitte des Saales mahnte […] unser liebes Banner zum festen Zusammenschluss, umrahmt von breiten Stoffschleifen. […] In der Mitte der Wand bekundete unser weisses Kreuz im roten Feld unsere Nationalitäts-Angehörigkeit. Es war denn auch sehr angebracht, unsere Schweizerische Organisation gerade durch die Staatsflagge kräftig herauszuheben. […] Bis auf wenige Kantone war die ganze Schweiz mit Artgenossen vertreten. Gibt das nicht Mut und Freude zur Sache? […] Wir hatten das Vergnügen, nicht weniger als 18 unserer lb. Basler Verbandsmitglieder in unserer Mitte zu haben, wovon 3 der Sektionsleitung angehören.»

«Es war noch nicht 12 Uhr, als schon der letzte Platz […] belegt war. […] Eine wirklich schmissige Tanzkappelle aus drei Mann […] sorgte fast ohne Unterbruch für allseits angenehme Tanzbelustigung. Ca. 11 Uhr begrüsste unsere Präsidentin, Frl. A. Vock, die aufmerksam zuhörende Festversammlung. Fünf Minuten vor 12 Uhr wurde ein kleines Verbands-Familienfestchen angekündigt + es war herzergreifend zu sehen, wie überrascht + aufs tiefste gerührt unsere Jubilarin, Kassierin + Festtagskind, Frau Eichenberger, vor den vielen Blumenspenden stand. Ein Marsch tönte […] langsam durchschritt ein Festzug in 2er Reihen den Saal. […] Das vorderste Paar, ein Herr im Frack + die Freundin des Festkindes trug einen wunderbar zusammengestellten Blumenkorb mit einer Festgratulation. […] Die Inschrift lautete: ‹Zum 50. Geburtstag unserer lb. Kassierin die herzl. Glückwünsche vom S.Fr.V.› […] In Reih und Glied folgte die ganze Zürcher Sektion. Geschmückt mit angesteckten Nelken. Vor der Musik wurde Halt gemacht, die Reihen lösten sich links + rechts zum Halbkreis auf + umrahmten die farbenprächtige Blumenspende. Das Leitpaar deklamierte ein in Mundart abgefasstes Gedicht, das die Aktuarin (Laura Thoma) zum Festchen stiftete + den feierlichen Abschluss bildete […] eine überreichte Blumengabe der lb. Basler Sektion. Man sah + fühlte, dass […] die ganze Verbandsfamilie […] teilnahm. […] Frau Eichenberger richtete noch einige Dankesworte an alle […] + ein Freundschaftskuss seitens der Präsidentin versiegelte […] die Segenswünsche. Aus allen Kehlen ertönte kräftig + überzeugt das lb. Bundeslied unter Musikbegleitung.»

«Eine kurze, aber sinnvolle Ansprache unseres lb. Basler Artgenossen + Vorstandsmitgliedes Herrn ‹Walli› gab einem aufrichtigen Dank + einer ehrlichen Bewunderung über die Leistungen unseres Verbandes Ausdruck. Seine besonders anerkennenden Worte für unsere weibliche Führung verdienen hier festgehalten zu werden, wenn er sagt: ‹Was unsere Männer nicht fertig brachten, das haben nun unsere Frauen aufgebaut.› Dies ein beachtenswertes Wort ins Stammbuch unserer Frauenfeinde. Es gibt also doch noch Männer, Gott sei Dank, die die Intellektualität + Leistungsfähigkeit der Frau nicht in altgewohnter, traditioneller Art + Weise unterschätzen.»

«Besonders die Versteigerung eines wundervoll zusammengestellten Präsentkorbes, geschmückt mit lilafarbenen Schleifen + grünen Zweigen […] legte Zeugnis dafür ab, dass […] unsere Artgenossen […] auch ein offenes Portemonnaie für den Kampf bekunden. […] Es sind sage + schreibe 108 Frs. zusammengeflossen . […] Damit wird bald ein Postcheck-Konto aufgeschlossen. […] Was unsagbaren Dank + Anerkennung verrät, mag die grosse Selbstlosigkeit […] beweisen, dass der Gewinner des Früchtekorbes, ein Artgenosse aus der welschen Schweiz, seinen Gewinn der Präsidentin überreichte.»

Die notorische Abgrenzung gegenüber Prostitution und Strichjungen

«Ich kenne Berlin und Sie sollten mal sehen, welch nette Bengels sich da an die Liebhaberwelt heranmachen und sehr zu verstehen geben, um was sich die Sache dreht. Berliner Jungens sind sehr hochanständig und bieten dem Freunde wundervollen Lebensgenuss. Hoffentlich ist das auch bei Ihnen der Fall, wenn ich Ihr Lokal wieder besuche.»

Dieser Brief eines Touristen aus Südbayern ging an den Inhaber des «Café Promenade» in Zürich und bezog sich auf ein Inserat des Cafés im Berliner Freundschaftsblatt. Das Freundschafts-Banner 19/1932, setzte ihn unter den Titel «Zürich ist nicht Berlin!» und fügte hinzu, der Schreiber kennzeichne sich selbst, Kommentar überflüssig. Dann folgte:

Aber bezahlen fürs Lieben, fürs Küssen?

Ein bitteres Elixier,

Und die es doch tun müssen,

Sind schlechter dran als ein – Tier.

Diese ablehnende, verachtende Haltung gegenüber Strichjungen wie Freiern setzte sich – immer wieder an Beispielen aufgezeigt – durch alle 35 Jahre bis zum Ende des KREIS unreflektiert fort. Sie galt auch an Zusammenkünften, indem solchen, die einen «unseriösen Gast» einführten, der sofortige Ausschluss drohte. Natürlich musste man Organisation, Zeitschrift und Abonnenten absichern. Das gesetzliche Verbot männlicher Prostitution fiel erst 1992. Aber allgemein definierte jeder seine Seriosität als Homoerot über die strikte Distanz zum Strichertum. Dies war unrealistisch und in vielen Fällen verlogen moralisierend, vor allem, wenn das Ideal einer gelebten Partnerschaft nicht gelang oder gar nicht erstrebt wurde.

Mehr zu dieser Haltung: Öffnet internen Link im aktuellen FensterZeitschrift Menschenrecht 1938 und Öffnet internen Link im aktuellen Fenster1940

Damals herrschte die Wirtschaftskrise der 30er Jahre mit grosser Arbeitslosigkeit, besonders unter den Jungen. Es gab keine Lehrstellenbörse, keine Schulungsprogramme, kein soziales Netz und viele Jugendliche standen auf der Strasse, weil bei den Eltern auch nichts mehr zu holen war. Kleinkriminalität blieb oft der einzige Weg, sich über Wasser zu halten. Als Strichjunge hatte man eine gewisse Perspektive, vielleicht ergab sich über einen Freier etwas in Richtung Arbeit und besseres Leben. Sehr wohl möglich, dass die oben im Brief erwähnten Berliner Jungen zu dieser Art von Schutz und Perspektive Suchenden gehörten.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterKarl Meier kannte diese Zusammenhänge sehr wohl, auch wenn sie in seiner Zeitschrift (ab 1934) nie zur Sprache kamen. Er hatte immerhin um 1930 einen Monolog «Die Tiergartenballade» geschrieben, worin er einen Stricher so eindrucksvoll schilderte, dass der Leser oder Zuhörer betroffen mitgeht und für den Jungen auch dann tiefe Sympathie empfindet, wenn er seinen hochnäsigen Freier erschiesst und sich der Polizei stellt. Karl Meier liess diesen Stricher an einem Herbstfest des KREIS durch Röbi Rapp darstellen. Das war 1959, zwei Jahre nach den Morden an zwei Homosexuellen durch Strichjungen und während der dadurch losgetretenen Pressehetze. Ebenso mutig wie ehrlich wurde mit diesem Monolog ein deutliches Zeichen gesetzt. In die Zeitschrift allerdings brachte es die «Tiergartenballade» nie.

Es scheint mir wichtig und nötig, im Kapitel, wo es um den Anfang der ersten Homosexuellen-Organisation und Zeitschrift des Landes geht, einmal das immer wieder verdrängte und ausgegrenzte Vorhandensein männlicher Prostitution anzusprechen – es gehört in die Schwulengeschichte. Denn Strichjungen tauchen im Leben vieler Homosexueller regelmässig auf und oft wird der eine oder andere zum wichtigen Begleiter auf Zeit. (Bei Heterosexuellen ist das mit ihren Dirnen nicht anders, wenn sie ehrlich sind.)

Ein weiteres Mal beschäftigt uns das Thema im Öffnet internen Link im aktuellen Fenster«Projekt Herrmann»

Es ist aber nur die kriminelle Seite, die regelmässig ins Bewusstsein gezerrt wird. Das beginnt spätestens mit dem Mord an Johann Joachim Winckelmann (1717–1768). Aber die mögliche und oft auch gelebte positive Wirkung auf beide, Freier und Stricher, das ist die andere Seite. Abgesprochenes, faires Nehmen und Geben und länger dauernde Beziehungen sind Grundstrukturen der männlichen Prostitution. Sie werden gelebt, kommen jedoch kaum je ans Licht. Strichjungen sind in erster Linie Menschen – wie wir alle – und ihre Freier auch.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Februar 2005