Pfad: Inhalt » 2. Erkenntnis - Selbstbestimmung » 20er und 30er Jahre » Freundschaftsbund Schweiz

Gruppierungen ab 1922

Die 20er und 30er Jahre

Die ersten Organisationen in der Schweiz nannten sich Schweizer Freundschafts-Verein – Schweizer Freundschaftsbund – Schweizer Bund für Menschenrecht.

Im ersten Halbjahr 1922 erschienen in der Berliner Zeitschrift Die Freundschaft, dem Organ des 1920 gegründeten Deutschen Freundschafts-Verbandes, D.F.V., diverse Aufrufe und Mitteilungen, gerichtet an Homosexuelle in der Schweiz: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

«Gleichdenkende in der Schweiz! Auch an euch ergeht der Ruf, an unserer Bewegung teilzunehmen. Der D.F.V. hat zwar Mitglieder in fast allen Kantonen und grösseren Städten, doch ist deren Zahl noch recht gering. In Luzern sollen auch Zusammenkünfte stattfinden.»

In Heft 12 waren Adressen sowohl in Luzern wie in Berlin angegeben, bei denen sich Interessierte melden konnten. Es mussten nicht wenige gewesen sein, denn in einer Nachricht in Heft 25 hiess es: «Am 1. und 2. Juli 1922 findet in Luzern ein ‹Gründungstag› statt». Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

Erste Schweizer Gruppe in Luzern

«Was an diesem Wochenende dann geschah, kann mit Fug und Recht als historisches Ereignis bezeichnet werden, welches jedoch bisher in den wenigen Darstellungen zur schwulen Schweizergeschichte nur am Rande erwähnt oder gar völlig verschwiegen wurde. Es handelte sich nämlich um die allererste Gründung einer homosexuellen Organisation in der Schweiz – die Geburtsstunde der eidgenössischen Schwulenbewegung also! Glücklicherweise hat in der Freundschaft ein damals Anwesender namens Hermann Wiederhold sehr detailliert über diesen Anlass berichtet.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

Zum ersten Präsidenten der neuen Organisation mit dem Namen «Schweizer Freundschafts-Verein» wurde Hector Marco Schnyder, Luzern, gewählt.

Doch bereits an der zweiten Versammlung vom 7. Oktober 1922, ebenfalls in Luzern, kam es zu einem Namenswechsel in «Schweizer Freundschaftsbund / Société amicale suisse«. Denn es gab auch Mitglieder aus der Romandie. Und Die Freundschaft, Heft 46/1922, erwähnte, dass die neue Organisation mit Sitz in Luzern einen Aufnahmeantrag gestellt habe. Dieser wurde angenommen, sodass die Schweizer nun «als ‹Landessektion Schweiz› dem Deutschen Freundschafts-Verband» angegliedert worden seien. «Wir heissen auch an dieser Stelle unsere Schweizer Kampfgenossen in unseren Reihen willkommen und geben der Hoffnung Ausdruck, dass andere Länder dem Beispiel der Schweiz folgen werden.»

1923 geschah unter dem Vorsitzenden Friedrich Radszuweit die Umbenennung des Deutschen Freundschafts-Verbandes in «Bund für Menschenrecht», der nun neu die Blätter für Menschrecht herausgab. 1924 erschienen in diesen Blättern Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4] Anzeigen zur Mitgliederwerbung für den Schweizer Freundschaftsbund mit dem Titel «Kameraden schliesst euch noch mehr zusammen!» Ähnliches war in der ebenfalls in der Zeitschrift Die Freundin Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5] zu lesen: «Schweiz. Freundschaftsbund nimmt einwandfreie Damen und Herren auf.»

Die Gay-Community feierte 2005 in Luzern das positive Resultat der eidgenössischen Volksabstimmung über das Partnerschaftsgesetz mit einer gesamtschweizerischen Pride. Damit kehrte sie, den meisten nicht bewusst, an ihren Ursprung zurückÖffnet internen Link im aktuellen FensterAuftakt zur Partnerschafts-Kampagne

Zürich

In dieser Zeit musste sich auch in Zürich eine Art Untergruppe des Schweizer Freundschaftsbundes gebildet haben. Denn die 1923 gegründete illustrierte Zeitschrift Die Insel, Wochenschrift für Aufklärung und Unterhaltung, brachte einen Bericht über die «Eröffnung eines Vereinslokals des Schweizer Freundschaftsbundes, Zürich»:

«Am 17. Januar 1925 konnte in Zürich ein Vereinslokal des Schweizer Freundschaftsbundes eingeweiht werden. […] Unser Lokal ist ein kleiner Saal […] im 1. Stock über einem Restaurant in der Altstadt. Besonders angenehm ist, dass ein gänzlich separater Eingang» vorhanden sei und man daher «nicht gezwungen ist, durch das Restaurant zu gehen.»

Es dürfte sich dabei um das heutige Restaurant «Schlauch» an der Marktgasse im Niederdorf gehandelt haben, in dem später auch DER KREIS zeitweilig sein Clublokal hatte.

«Unsere Mitglieder von Zürich und Umgebung kommen nun wöchentlich jeden Donnerstag, abends 8 Uhr zusammen, und sind Gäste, durch Mitglieder eingeführt, immer sehr willkommen. Zur Unterhaltung sind mehrere Spiele, kleine Bibliothek und Klavier vorhanden und ist auch das Tanzen gestattet. Für Speise und Trank ist in aufmerksamer Weise bestens gesorgt, und kann sich somit jeder heimelig fühlen. Dass ein tadelloses Verhalten […] notwendig ist, ist sich ja wohl jedes unserer Mitglieder bewusst, denn leider haben wir immer noch ein schweres Bestehen und dürfen uns nicht so frei bewegen, wie es unsern Artgenossen in Deutschland dank ihrer guten Organisation gestattet ist. […] Alle […] werden immer und immer wieder zur Mitgliederwerbung aufgefordert, […] so dass es bald möglich sein kann, eine Sektion ‹Zürich› zu gründen.»

Dieser Bericht wurde mit «Der Präsident» gezeichnet – vermutlich handelte es sich um Hector Marco Schnyder aus Luzern – und schloss mit einem langen Gedicht von O.S., dessen letzte Strophen lauteten:

Dass auch in Zürich wachsen noch weiter unsere Reih'n

Bis ganze Bataillone hier gehen ein und aus

Und wir bald, gar nicht ohne, erbau'n ein eigen Haus.

Nun schmücket fein mit Blumen das traute Brautlokal

Lasst mächtig überschäumen den sinnigen Pokal

Bis leise dann im Nebel der Liebesgott erscheint

Und freundlich lächelnd, die Herzen all vereint.

In Nummer 15/1925 brachte Die Insel eine weitere Mitteilung unter dem Titel «Schweizer Freundschaftsbund, Sitz Zürich, Frühjahrsversammlung, 28.–29. März in Zürich»:

Am 28. März 1925

«fanden sich ca. 50 Mitglieder ein. An der Versammlung wurden 23 neue Mitglieder aufgenommen, bei 7 Austritten. […] Der Vorstand hat sich bemüht, in einer Korrespondenz mit dem Karl Schultz-Verlag (Berlin), unsern Mitgliedern die Zeitung Die Freundschaft, wenn durch den Schweizer Freundschaftsbund bezogen, zu einem verbilligten Preis abgeben zu können. […] Betr. Abänderung unseres Vereinsnamens wurde es dem Vorstande überlassen, auf den Herbst Vorschläge bereitzuhalten. […] Zürich wurde […] wieder als Ort bestimmt für die Jahres- und Hauptversammlung im Herbst. […]»

Anschliessend «blieb man noch bis morgens um 2 Uhr bei Speise und Trank mit Musik und Tanz […] beisammen.»

Am 29. März fanden sich ca. 60 Personen «zum gemütlichen Teil am Sonntag zum Mittagessen in Höngg bei Zürich zusammen, welches in einem grossen Saale mit Theaterbühne eingenommen wurde.»

«[…] Jedes Mitglied war […] überrascht über das reichhaltige […] künstlerische Programm, welches in Form eines Kabaretts abgewickelt wurde. […] Besonders zu erwähnen […] sind ein Rokoko-Menuett […] in wundervollen Kostümen, […] humorvolle Dichtungen, […] märchenhafte Pracht der Toiletten eines Fantasietanzpaares, […] die Vereinsschnitzelbank […] und eine reichhaltige Tombola […].»

Es schienen sich hier bereits die legendären Festlichkeiten des KREIS der 50er Jahre anzumelden. – Auf jeden Fall wusste man unter sich richtig zu feiern und konnte den schwierigen Alltag für einige frohe Stunden vergessen.

Bei der angekündigten Hauptversammlung vom 17./18. Oktober 1925 wurde ein neuer Name gewählt: «Schweizer Bund für Menschenrecht», SBfM. Dies wiederum in Anlehnung an die neue Namensgebung in Deutschland, denn das tönte dort wie hier klarer nach politischem Programm. Von einer expliziten Mitgliedschaft im deutschen Bund, etwa als Sektion Zürich, war allerdings keine Rede. Die Veranstaltung war «überaus zahlreich besucht», aber noch schien unsicher, ob Präsident Schnyder sich zur erneuten Wiederwahl entschliessen würde, doch es

«wurde von uns ein Alp genommen, als der verehrliche Meister nach langem Zögern sich nochmals ‹einspannen› liess. Noch einmal die Kommandobrücke zu besteigen gelobte. Für eine weitere Jahresfahrt. Klare See! […] Die Bundesfarben Blau-Weiss-Violett blieben beibehalten […].»

So schrieb die Nachfolgezeitschrift der Freundschaft, Das Freundschaftsblatt 3/1926 in seinem Bericht über diese Hauptversammlung. Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[6]

Deutsche Zeitschriften dienten, da es bis 1932 keine schweizerischen gab, als einzige Informationsblätter für Homosexuelle und ihre Gruppierung in der Schweiz. Sie wurden regelmässig gelesen – meist wohl im Abonnement – und hatten entsprechenden Einfluss auf die hiesigen Kreise von Artgenossinnen und Art- oder Kampfgenossen: Man fühlte sich gegenseitig verbunden.

Zur weiteren Geschichte des SBfM schrieben Ilse Kokula und Ulrike Böhmer in ihrem Buch «Und die Welt gehört uns doch!»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[7]

«Im Gegensatz zum Vorjahr wurde 1926 über die Hauptversammlung […] weniger positiv berichtet. Lediglich 35 Mitglieder waren anwesend. Der seit der Gründung des Bundes vor vier Jahren amtierende Präsident und der Vizepräsident traten […] zurück. Die Wahl des neuen Präsidenten hatte die Verlagerung des Bundessitzes nach St. Gallen zur Folge […]. In den uns zugänglichen Nummern des Freundschaftsblattes des Jahres 1927 finden sich keine Angaben mehr zur Schweiz. Wir müssen deshalb davon ausgehen, dass […] die Organisation […] auseinanderfiel.»

Für eine dauerhafte schweizerische Organisation mit eigener Zeitschrift war die Zeit noch nicht reif; noch fehlten jene Pioniere, die sich über Jahre und Jahrzehnte für Befreiung und Gleichberechtigung einsetzen konnten und die gemeinsame Sache trotz aller Schwierigkeiten auch durchziehen wollten.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Dezember 2007