Die Homosexuellen-Bewegung kommt aus Deutschland in die Schweiz zurück
Die 20er und 30er Jahre
1932–1934
Am 23. Februar 1932 übergab Adolf Brand dem Schauspieler Karl Meier jenen Brief, worin er ihn bat, in die Schweiz zurückzukehren, um dort das Werk fortzusetzen und den in Deutschland und anderswo Verfolgten ein Licht der Hoffnung zu entzünden.
Mehr dazu im Kapitel
Nachfolger der Pioniere
Karl Meier engagiert sich für die Zeitschrift Freundschafts-Banner
Angesichts der sich verdüsternden Situation in Berlin zögerte der 35-jährige Meier nicht, dieser Aufforderung nachzukommen. Er empfand sie als Auftrag, als Stabübergabe, und machte den Brief zu seiner Devise.
Kaum zu Hause angelangt, bewarb er sich beim Städtebundtheater Biel-Solothurn erfolgreich und spielte dort diverse Rollen. Bei der herrschenden Arbeitskrise hätte er als Erwerbsloser seinem Auftrag, den er als Nebenbeschäftigung sah, niemals gerecht werden können. Auf die Saison 1933/34 wechselte er zum neu eröffneten Stadttheater Schaffhausen und gab dort gewichtigen Rollen Leben und Kontur. Er überzeugte so sehr, dass der Präsident des Theaters, der später weit herum bekannte SP-Politiker und langjährige Stadtpräsident von Schaffhausen, Walther Bringolf (1895–1981), ihm 1935 die Übernahme der Spielleitung anbot. Meier war aber bereits eine anderweitige vertragliche Verpflichtung eingegangen: Am 1. September 1934 startete das
Cabaret Cornichon auf der Zürcher Hirschenbühne und Meier war von Anfang an mit dabei.
Schon im Winter 1933/34 hatte er sich ein Zimmer im Zürcher Seefeld genommen, denn in dieser Stadt wollte er wirken und bleiben. Ende April 1934 bemerkte er an einem Kiosk das Schweizerische Freundschafts-Banner, erwarb es und plante sofort, mit der Herausgeberin in Kontakt zu treten. Anfang Mai besuchte er erstmals das Vereinslokal und traf mit Anna Vock zusammen. In einem Entwurf zur Jubiläums-Nummer Der Kreis, 12/1952 beschrieb er diese Begegnung:
«Eine Frau im kleidsamen Herrenschnitt entdeckte mich und sprach: ‹Chömmed Sie au e chli under d'Lüüt – oder tüend Sir frömde?› Ich stotterte ein verschüchtertes ‹Nein› und gab mir Mühe, auch zu lächeln wie sie. Das war meine erste Begegnung mit Mammina!»
Bereits am 15. Mai 1934 brachte das Freundschafts-Banner, (FB), den ersten Artikel Meiers «Appell an alle!», worin er für ihn so typische Sätze schrieb wie:
«Wir leben vorläufig noch in einer demokratischen Schweiz. Noch haben wir das Recht zu diskutieren […]. Solange auch unsere Liebe in wahrhaft christlichem Sinne beweist, dass das Aufgehen des eigenen Ich im grösseren Du der beseligende Lebensinhalt bleibt, so lange, hoffen wir, gibt uns unsere Heimat das Recht, gegen die gesellschaftliche Ächtung unserer Art zu kämpfen, die jahrhundertealten Vorurteile verkrampfter Lebensanschauungen fortzuräumen […]. Unsere Liebe wird hineingeboren in Hütte und Palast, sie brennt in der Brust des Kohlenarbeiters und im Herzen des grossen Denkers. Sie ist ewig wie Sonne und Erde […] sie ist nicht Abschaum oder Verirrung, sondern Geschenk aus einer grösseren Hand. […] Wenn wir aufhören zu kämpfen, hören wir auf zu sein.»
Am 27. Mai 1934 stellte er den Antrag zur Aufnahme als Mitglied des «Schweizerischen Freundschafts-Verbandes» und ab sofort wurde er fester Mitarbeiter der Zeitschrift. Er unterschrieb mit dem ursprünglichen Namen, den ihm seine ledige Mutter vor der Adoption durch die Familie Meier gab: Rudolf Rheiner. Mit diesem Namen hatte er auch schon den «Appell an alle!» unterzeichnet. Gelegentlich verwendete er auch die Pseudonyme Gaston Dubois oder Karl Pfenninger. Ab Mai 1937 tauchte bereits der Name «Rolf» auf, den er dann für immer behielt.
Im Freundschafts-Banners vom 1. Juni erschien ein weiterer Artikel Karl Meiers, «Das falsche Bild», signiert mit Gaston Dubois. Darin verdeutlichte er seine Gedanken und formte bereits die Grundhaltung des späteren KREIS:
[1]
«Die platte Bezeichnung ‹Homosexualität› legt den Ton in einer verhängnisvollen Weise auf nur körperliche Dinge. Es ist der Fluch unserer Zeit, dass sie Sexus von Eros trennt, dass sie von keiner vollkommenen Hingabe mehr weiss. […] Menschenwürdiges Leben ist nur da, wo um ein Wesen in der beglückenden Ganzheit seines irdischen Seins gerungen wird. […] Es ist Liebe – auch bei uns. Was zwei Menschen glücklich und lebenstüchtig macht, kann niemals gegen die Natur oder hässlich sein. […] Auch in einer unfruchtbaren Ehe behält das Erotische wesentliche Bedeutung. Hingabe ist ja nicht nur bloss ein physischer Vorgang, sondern ebenso sehr der innigste Austausch seelischer Kräfte. […] Man verzeiht einem jungen Mann die syphilitische Dirne, einen doppelten und dreifachen Ehebruch, aber nicht den homoerotischen Freund. Er kann der pflichttreueste Beamte sein, der glänzendste Erzieher, der bezauberndste Künstler: die gedankenlose Mittelmässigkeit hat das Recht, ihn täglich zu besudeln. […] Dieser Kampf gegen Berge dumpfen Unverstandes […] wird niemals aufhören, […] bis alle Augen klarer sehen und alle Herzen gerechter urteilen werden.»
[2]
Protokollbuch
Das Protokollbuch des Schweizerischen Freundschafts-Verbandes erwähnt erstmals einen Herrn Rheiner, welcher an der Sitzung vom 12. Juli 1934 von seinem Besuch bei der Sektion Basel des S. Fr. V. Bericht erstattete. Über die Versammlung vom 6. Juni 1935 wurde eingetragen, zum Leiter eines für den 29. Juni geplanten Sommerfestes sei Herr R. Rheiner gewählt und «als Vergnügungspräsident von allen freudig zugestimmt und begrüsst» worden. «Da er ein Mann von Fach ist, wird er für abwechslungsreiche Unterhaltung sorgen, durch Theater, Rezitationen und Tanzspiele, somit können wir uns wieder einmal auf einen recht frohen Abend freuen. Auch wird er für einen neuen Büchertisch sorgen.»
Sehr rasch also nahm er eine zentrale Rolle ein sowohl in der
Zeitschrift wie im Verband, mitbestimmend, aber ohne das letzte Wort zu haben.
Rückblickend auf die Schweiz von damals und auf die deutsche Katastrophe, die bald zur europäischen Katastrophe werden sollte, auch was einigermassen freies homosexuelles Leben betraf, ist festzustellen: Die bahnbrechende Idee von Heinrich Hössli, ihre Begründung und mutige Veröffentlichung 1836 und 1838 kehrte nach fast hundert Jahren wieder ins Land ihres Ursprungs zurück und nahm dort konkrete Gestalt an.
Mit Hösslis Tod ging sie bei uns fast gänzlich vergessen. Aber deutsche Pioniere wie Karl Heinrich Ulrichs nahmen sie neu auf und trugen sie sozusagen als olympische Flamme weiter. In Berlin wurde sie zum grossen, weithin leuchtenden Feuer, das auch zu uns ausstrahlte und einige Zusammenschlüsse bewirkte. Doch im Moment des gewaltsamen Erlöschens und der totalen Vernichtung in Deutschland bedeutete der Beginn von Karl Meiers Tätigkeit in der Schweiz das Zurückbringen der Flamme. Zunächst, 1934, war sie nur ein schwaches Lichtlein. Aber bald mutierte sie zum Signet des Kreis, jener einzigartigen und zumindest bis 1946 einzigen Zeitschrift und Organisation homosexueller Männer weltweit.
Ernst Ostertag, Juni 2004


