Versuche mit Sektionen des Schweizerischen Freundschafts-Verbandes (SFB)
Das Schweizerische Freundschafts-Banner und seine Organisationen
1933/1934
Basel – Scheitern durch gesetzeswidriges Tun der Polizei
Hier nahm der im Sommer 1932 in Zürich arbeitslos gewordene und daher in seine Heimatstadt zurückgekehrte Ernst Feist, 1931 Gründer und Präsident des
Excentric-Clubs in Zürich einen erneuten Anlauf und gründete im September die «Sektion Basel des Schweizerischen Freundschafts-Verbandes», die er am 1. Oktober bei den Behörden anmeldete. Mehrmals in der Woche trafen sich Mitglieder, «nur Mannspersonen» und «anständige Artgenossen» als Gäste für einen Clubabend mit Musik und Tanz, zuerst im
Restaurant Besenstiel an der Steinentorstrasse, dann im grösseren Restaurant Löwenzorn in der Altstadt. Das Protokollbuch erwähnt im Eintrag vom 5. Dezember 1933 einen Wechsel im Präsidium der Sektion Basel. Ernst Feist sei am 2.12. einstimmig abgesetzt worden. Von der Gruppe an den Rand gedrängt, habe er diese bei der Polizei denunziert.
[1]
Das Freundschafts-Banner vom 15. Dezember 1933 berichtete:
[2]
«Am 2. Dez. fand eine ausserordentliche Mitglieder-Versammlung [In Zürich] statt. […] Trotz offiz. Einlandung erschien Herr Feist nicht. Die
Zentral-Präsidentin stellte deshalb als erstes den Antrag, ob und wer weiterhin Herrn Feist sein Vertauen schenke. Keine einzige Stimme erhob sich und so musste zur Wahl eines neuen Präsidenten geschritten werden. In geheimer Wahl wurde einstimmig Herr W. Schöne erkoren, als Kassier Herr Singenberger und als Aktuar und Vizepräsident der bisherige Herr Jeck. Damit ist der Vorstand der Sektion Basel wieder flott bestellt und wir haben alles Vertrauen in die neue Leitung.»
Mit Eintrag vom 12. Juli 1934 wurde im Protokollbuch ein erster Einsatz von
Herrn Rheiner erwähnt:
«Als Delegierter an die ordentliche Mitgliederversammlung der Sektion Basel vom 5. Juli erstattet Herr Rheiner Bericht. Die Versammlung nahm einen ziemlich stürmischen Verlauf, indem die Basler Artkollegen sich anfänglich ganz unnachgiebig zeigten. Vor allem […] wird das Obligatorium des Freundschaftsbanners abgelehnt. Schliesslich konnte man sich dahin einigen, dass die Sektion pro Nummer so viele Exemplare abnimmt, als sie Aktiv- und Passiv-Mitglieder zählt, zur Zeit also 50. […] Die Präsidentin verliest die Antwort an die Sektion Basel, welche in der vorgelegten Form genehmigt wird.»
An der Generalversammlung vom 1. Januar 1935 wandelte sich der SFV zur
«Liga für Menschenrechte» (LM) mit der Zentrale Zürich und dem statuarischen Zusatz: «Wer sich der Vereinigung anschliessen will, muss Zürich angehören.»
Zu Basel vermerkte das Protokoll: «Da sich die Sektion Basel um gar nichts bekümmert und mit den Zahlungen für die Zeitung stark im Rückstand ist, wird sie vom Verband fallen gelassen.» Dieser Rückstand wäre sehr wohl zu begründen gewesen, wenn «Zürich» die bitteren Umstände in Basel besser gekannt hätte. Offenbar war man mit den eigenen, durch die Scheinwerfer Kampagne verursachten Schwierigkeiten so absorbiert, dass die polizeiliche Diffamierung der Basler Sektion und ihre prekäre Situation nicht richtig wahrgenommen wurde.
Denn in Basel steigerte die Polizei durch «abgrundtiefe Verachtung und Hass gegenüber Homosexuellen»
[3] den Druck eigenmächtig so massiv, dass der Sektionspräsident Ende 1934 auf dem «Lohnhof», dem Sitz der Polizei, der geforderten Auflösung zustimmen musste. Zuvor hatte die Basler Polizei auf ihre Anfrage bei der Stadtpolizei Zürich die Antwort erhalten: es könne rechtlich nichts gegen solche Organisationen unternommen werden, «wir halten jedoch das ganze homosexuelle Milieu unter strenger Kontrolle und bemühen uns eine möglichst lückenlose Liste der in Zürich sich aufhaltenden Homosexuellen aufzustellen.» Das Vorgehen der Basler Polizei, Nötigung des Präsidenten, W. Schöne, zur Auflösung der Sektion BS, war gesetzwidrig, denn in Basel, im Gegensatz zu Zürich, waren homosexuelle Akte unter Volljährigen seit 1919 erlaubt.
Die Zürcher Polizei begann bereits 1914 gewisse Kreise des Milieus «streng zu kontrollieren». Sie führte ein
HomoregisterSchwules Leben vor 1922
Am 10. Januar 1935 ging W. Schöne, Präsident der Sektion Basel, welche offenbar trotz offizieller Auflösung noch funktionierte, nach Zürich an die erste Versammlung der Liga für Menschenrechte, LM. Das Protokollbuch erwähnte seinen Besuch: «Herr Schöne […] entschuldigt sich, dass er erst jetzt komme […]. Der Club in Basel sei beinahe aufgelöst. Nun aber komme alles wieder in Ordnung. […] Er verpflichtet sich gegenüber dem Verlage (Frl. Vock) unterschriftlich, die Angelegenheit so rasch wie möglich in Ordnung zu bringen. Basel möchte weiterhin dem Verbande angehören, doch wird am Generalversammlungs-Beschluss des 1. Jan. festgehalten. Um 10 Uhr verabschiedet sich Herr Schöne, da er noch gleichen Abends nach Basel reist.»
Ein kleiner Basler Kreis um Präsident Schöne hoffte wohl, in Verbindung mit der neuen LM als Sektion weiter bestehen zu können und dadurch Stärkung und Rechtfertigung zu erhalten für den gemeinsamen Kampf um ein erträglicheres Dasein. Doch den selber verunsicherten und stark dezimierten Zürchern war vermutlich ein solches Angebot zu riskant. Die Kräfte mussten konzentriert werden, obwohl dadurch möglicherweise eine Chance verloren ging.
Im Protokoll der Generalversammlung der LM (Protokollbuch) vom 22. Dezember 1935 hiess es lapidar: «[…] und ist noch eine kleine Notiz über den Austritt der Sektion Basel zu verzeichnen.»
Von einem fröhlichen Treffen der Zürcher mit den Baslern im April 1934, als alles noch rosig aussah, wird im Kapitel
Frohes Zusammensein berichtet.
Luzern – Familiendrama beendet abrupt die erste Begeisterung
Im September, nach anderen Quellen am 16. Oktober 1933 wurde auch in Luzern eine Sektion des SFV gegründet. Das Freundschafts-Banner 18. Oktober orientierte:
[4]
Sektion Luzern
Clublokal: (vorläufig) Rest. Zum Edelweiss, Hirschmattstr. 56, sep. Eingang.
Clubabend: Jeden Donnerstag von 8 h an.
Darunter folgte die Schilderung des ersten Treffens:
«Am Montag, den 16. Okt., abends 8 Uhr, fand die Gründungs-Versammlung der Sektion Luzern unter dem Vorsitze des Zentralpräsidiums von Zürich statt. Anwesend waren 4 Damen und 6 Herren. Mit viel Begeisterung und Freude wurde der Zusammenschluss der Luzerner Artgenossen in einer Sektion des ‹S.Fr.V.› beschlossen. Mit Einstimmigkeit wurde als Präsident der Sektion Herr Sidler, Kaufmann, und Frl. Adèle Emery als Kassierin gewählt. […] Möge die Sektion Luzern blühen und gedeihen und ihr ein segenbringendes Wirken in der Leuchtenstadt beschieden sein. Vorwärts und aufwärts!»
Doch schon vier Monate später musste eine traurige Nachricht bekannt gegeben werden:
[5]
«Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel verbreitete sich vormittags des 1. Februar 1934 in Luzern die Trauerkunde eines schrecklichen Familiendramas, welchem unser Artgenosse Gaston Sidler und sein Vater, Alfred Sidler zum Opfer gefallen sind. Zerwürfnisse mit dem Sohne und finanzielle Sorgen […] brachten den Vater in Anfälle von Schwermut, die ihn soweit führten, seinen Sohn morgens im Bett zu erschiessen und sich darauf selbst zu richten. Gaston, als jüngster Sohn der achtbaren Familie wurde 1903 geboren. […] Sein Vater verhalf ihm früh zu einer eigenen Existenz. […] Wohl mochten seine Mitarbeiter, welche der jugendliche Geschäftsinhaber nach seinem Geschmacke erkor und die bildhübsche Erscheinung und Gutmütigkeit Gastons, die von falschen Freunden ergiebig ausgenützt wurde, zu dessen Misserfolgen beigetragen haben. So wuchsen die Sorgen des rechtschaffenen Vaters immer mehr und mehr. […] Das Mitleid um die Familie Sidler ist gross und alle, die jemals Gaston Sidler näher gestanden sind, werden ihm ein treues Andenken bewahren. […] Er ruhe in Frieden!»
Ein Monat später eine letzte Mitteilung im Freundschafts-Banner unter dem Titel «Sektion Luzern»:
[6]
«Die Sektion Luzern ist von der Zentralleitung vorläufig aufgelöst worden und haben sich die Mitglieder als ‹Ortsgruppe Luzern› der Zentrale unterstellt. Damit fallen auch die Klubabende dahin. Alle Veröffentlichungen für die Luzerner Freunde erfolgen auch fernerhin an dieser Stelle unter dem Titel ‹Ortsgruppe Luzern› ».
In den weiteren Ausgaben des Freundschafts-Banners lassen sich keine Mitteilungen mehr finden. Die Ortsgruppe Luzern hat wohl nicht lange bestanden.
Bern – ein totgeborenes Kind
Bestrebungen zur Gründung einer Sektion Bern sind in zwei Ausgaben des Freundschafts-Banners im November und Dezember 1933 unter dem Titel «Sektion Bern» kurz erwähnt worden. Doch schon am 15. Dezember 1993 berichtete man abschliessend:
[7]
«Die Sektion Bern ist ein totgeborenes Kind und wird mit heute begraben. Unsere Artgenossen in Bern finden den Anschluss an einen schweiz. Freundschafts-Verband unnötig, da 'sie ja haben, was sie brauchen', wie uns an der Gründungs-Versammlung dortselbst entgegen gehalten wurde. Von diesem egoistischen und wenig idealen Standpunkt aus betrachtet begreifen wir die Berner, können aber diese Stellungnahme niemals als die richtige anerkennen. Vielleicht kommt über kurz oder lang doch noch ein besserer Geist über unsere Berner, wir sind uns ja gewöhnt, dass sie nur langsam pressieren.»
Damit war die neue Liga für Menschenrechte Anfang 1935 zu einer Organisation zusammengefallen, die nur aus Zürich bestand, allerdings mit Einzelmitgliedern in fast allen Teilen des Landes.
Ernst Ostertag, Juni 2004

