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Literatur und Aufklärung als Themen

Das Schweizerische Freundschafts-Banner und seine Organisationen

1933–1935

Öffnet internen Link im aktuellen FensterKarl Meier war nicht nur Schauspieler, er war auch Autor von Kurzgeschichten, Theaterszenen, Gedichten und besass ein breites literarisches Wissen. Während seiner Jahre in Deutschland traf er mit vielen Künstlern aller Art zusammen, was den «Bub vom Land», wie er immer wieder in Gesprächen durchscheinen liess, zum «literarischen Laien» gemacht habe. Er war aber bedeutend mehr als das. Auch Der Eigene hatte ihn beeinflusst und prägte sein Idealbild einer Zeitschrift für Homoeroten.

Diesem suchte er in der Schweiz nachzuleben. Es gelang ihm auch weitgehend dort, wo das Künstlerische und Wissenschaftliche und der Kampf um Gleichberechtigung klar zum Ausdruck kam und nicht von seinem reformiert-christlichen Wesen und einer entsprechenden ethischen Grundhaltung zugedeckt wurde. Er konnte penetrant moralisierend schreiben und hat das auch oft und ausführlich getan. Im offenen Gespräch hingegen, etwa mit einem problembelasteten Menschen, war nie «Dogmatisches» spürbar. Er erfasste unmittelbar die Lage als Ganzes und suchte intensiv nach Lösungen. Er war immer auf den anderen bezogen und nie autoritär. Darin entsprach er ganz seiner tiefen Religiosität.

Ab Heft 10/1934 erschienen regelmässig Artikel, Erzählungen und Gedichte von ihm unter dem einen oder anderen Decknamen.

Die Weihnachtsnummer 1934 wurde auf der Titelseite mit einem seiner Gedichte sozusagen eingeläutet. Daraus: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

Aus dieser Nacht stammt jenes Licht,

Das allen falschen Schein durchbricht.

Und wer je krank war an der Welt,

Dem hast Du Dich als Trost gesellt.

Die Könige spenden Spezerei'n

Die Engel süsse Melodei'n.

Wir bringen Dir das wunde Herz

Und vieler Jahre stummen Schmerz.

Wir glauben nicht, dass wir verfemt,

Weil unser Sinn sich anders sehnt.

Was je aus reiner Lieb' geschah,

Blieb immer Deiner Gnade nah.

Wir beten in der Hirten Stall:

Vergiss uns nicht! Wir warten all',

Dass unsre Nacht auch einmal Tag

In Deinem Lichte werden mag!

Eine deutsche Übersetzung eines Berichts aus der französischen Zeitschrift Vu, der den neuen Dreiakter von Maurice Rostand im Théâtre de l'œuvre, Paris, zum Thema hatte. Das Stück hiess «Der Prozess Oscar Wilde». Daraus einige Sätze des dritten Aktes, der im Zuchthaus von Reading spielt: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

«Man hat mir in Frankreich vergeben, weil ich kein Franzose bin. […] Ich weiss, dass dies die Liebe war. So, wie ich weiss, dass dies ein Gefängnis ist! – Die ‹natürliche›, die ‹zweckhafte› Liebe: sprecht so vor Frauenärzten, aber nicht vor Liebenden! Wo sind die Kinder von Romeo und Julia, von Tristan und Isolde? Und kennen Sie andere Kinder von Musset und George Sand als ‹Les Nuits› und ‹Les Souvenirs›?»

Und Rudolf Rheiner fügte als Kommentar hinzu:

«[…] Es ist für uns ausserordentlich […], von jenseits der Grenzpfähle (einmal) nicht nur von Hunderten von Verhaftungen zu hören, die deshalb sinnlos sind, weil sie die homoerotische Neigung nie auszurotten vermögen, weil unsere Art ja ohne Vererbung, ohne Verführung, ohne Übersättigung am anderen Geschlecht doch immer wieder hervorbricht. Wir freuen uns darüber, dass ein französischer Dichter und eine französische Bühne das Problem so freimütig zur Diskussion stellen, welches ja nur solange ein ‹Problem› ist, als Denkfaulheit und Unwissen eines daraus machen.»

Im selben Heft kam eine Zuschrift aus einer Leserumfrage zum Abdruck, die u.a. forderte:

«Wir müssen international sein. Bereiten Sie unseren Welschschweizern und den Franzosen eine Freude, wenn Sie ein Feuilleton in französischer Sprache einschieben, was ja auch belebend auf die Kasse wirken würde durch Mehrkauf der Zeitung.»

Doch erst ab 1941 erschienen regelmässig Beiträge in Französisch.

Gute Literatur vermochte aufzuzeigen, dass ein gefährdeter Mensch, der am Unverständnis seiner Umgebung litt, durch Geschichten und Gedichte anderer Schicksalsgenossen sich weniger alleingelassen fühlen und etwas Orientierung und Mut finden konnte. Und dann vielleicht den Ansporn fand, der Redaktion zu schreiben. Immer wieder gab es tragische Beispiele von Selbsttötung, die bewusst thematisiert wurden, um offene Gespräche anzuregen. Nachfolgend ein solcher Bericht unter dem Titel «Zu späte Reue»: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

«In Luzern hat dieser Tage ein junger Mann freiwillig den Tod gefunden. Seine Eltern haben erfahren, dass ihr Sohn homosexuell ist und ihm darüber die bittersten Vorwürfe gemacht. Sie machten ein grosses Geschrei auch Aussenstehenden gegenüber, bis es schliesslich dem Arbeitgeber zu Ohren kam. […] So wurde die Stellung gekündigt. Diese Ächtung und Beschämung […] sollte wohl nach der irrsinnigen Taktik der Eltern den Sohn zur ‹Vernunft› bringen. […] Dass ihm seine Natur von den eigenen Eltern zum Verbrechen (gemacht) wurde, nahm ihm die letzte Kraft. […] Wir sehen, wie eminent wichtig es ist, überall aufklärend zu wirken. […]»

Unter dem Titel «Einem Selbstmörder» ein Gedicht, das wie eine grosse Anklage tönt und sich auf einen ihm bekannten Kameraden bezieht: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4]

Du hast gewählt. –

In Deiner Jugend Blüte

Stiessest Du auf die grosse, dunkle Pforte,

Die man nur einmal öffnet, zag und schwer…

Dich rufen Tränen nicht und Bitten mehr

Und auch nicht eines Freundes gute Worte.

In Deiner Jugend Blüte

Hast Du gewählt.

Sie hat's erreicht,

Die wilde Spiesser-Meute.

Geifernd und eklen Sinnes jagte sie Dich Monde.

Sie wand die Schlinge – und Du gingst hinein,

Verbiss'nen Trotzes – Er liess Dich allein – .

Was blieb denn noch, das sich zu leben lohnte…?

Die wilde Spiesser-Meute

Hat es erreicht.

Noch anklagender wirkt das Gedicht Öffnet internen Link im aktuellen FensterKarl Heinrich Ulrichs' (1825–1895), der seine letzten Jahre vertrieben und verarmt in den Bergen am Gran Sasso d'Italia verbrachte: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5]

Auf den zu Tode Gehetzten…

Für jede Träne, welche hier

Benetzte Deine blassen Wangen,

Werd' ich vor Gott einst Rechenschaft

Von den Verfolgenden verlangen!

Dann werd' ich dich, Du toter Freund,

Hin vor des Richters Antlitz tragen,

Und sprechen: Herr, auch er war dein,

Doch diese haben ihn erschlagen!

Und wie ich, werden Tausend' nah'n,

Mit einer Leiche, blutgerötet,

Und wie ich, werden Tausend' schrei'n:

Herr, diese sind's, die sie – getötet!

Zur fatalen Praxis, Homosexuelle zu sterilisieren, kastrieren und in den Öffnet internen Link im aktuellen FensterFreitod zu treiben

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Juni 2004