Vorwärts und aufwärts!
Das Schweizerische Freundschafts-Banner und seine Organisationen
1935/1936
Die Neujahrs-Festnummer startete mit Frohmut im festen Glauben an eine bessere Zeit als das Krisenjahr 1934. Noch schlimmer konnte es ja kaum kommen:
Scheinwerfer Kampagne, Verlust des Clublokals und vieler Mitglieder, Fiasko mit Sektionsgründungen in anderen Städten. Es musste trotzdem weitergehen! Die Sache war zu wichtig. Und das Licht der Hoffnung, entzündet in den Herzen vieler, die am Unverstand von aussen litten, es durfte nicht erlöschen:
[1]
«Liebes und Leides, von Gott kommt beides! Auch wir haben von beiden, namentlich vom letzteren reichlich zu kosten bekommen. Ungezählte Briefe im Laufe des Jahres legen Zeugnis ab von der Notwendigkeit unseres
‹Freundschafts-Banner›. Sie erzählen begeistert von der freude- und trostspendenden Mission, die dasselbe unter unseren Artgenossen in Nähe und Ferne erfüllt. Aber auch schwere Gewitterwolken, Hass, Feindseligkeit und Unverstand waren offen und versteckt am Werke, unserer kleinen Zeitung das Lebenslicht auszublasen. Allen ungerechten Verdächtigungen und Anfeindungen steht die unbedingte Sauberkeit unseres Wollens und Wirkens gegenüber.»
Das war eine Anspielung auf die Anfeindung, durch Inserate im Freundschafts-Banner würde Kuppelei betrieben. Es gab Ermittlungen durch die Zürcher Staatsanwaltschaft. Die Verantwortlichen konnten die Vorwürfe jedoch entkräften:
«Um Freunden und Feinden Rechnung zu tragen, lassen wir Inserate nicht mehr im FB erscheinen. Das monatliche ‹Korrespondenzblatt› erfüllt nun diese Aufgabe und wird den Mitgliedern und Abonnenten gratis zugestellt. An den öffentlichen Verkaufsstellen liegt es nicht auf.»
Es war dies die erste Ausgabe der späteren Beilage das man «Das Kleine Blatt» nannte und zum Kreis und dessen Nachfolgepublikationen club68 und hey bis in die 70er Jahre erschien.
Auch ein klar definiertes Programm zum Inhalt des FB gehörte dazu:
«Wer von unseren Abonnenten noch Nr. 20 vom Jahre 1933 – die erste gedruckte Nummer – nachliest, kennt unser Programm, nach dem wir allein handeln. Nicht seichte, schwüle Romane zu bringen, die Phantasie und Herz vergiften, nicht die Verherrlichung von Auswüchsen und Perversitäten, die mit der reinen Homosexualität nichts gemein haben, ist die Aufgabe unserer Zeitung, sondern die sittliche Hebung und Bildung unserer Homoeroten. […] Was wir vom ‹Neuen Jahr› erhoffen, ist erspriessliche Arbeit und treues Zusammenhalten in Freud und Leid, die beide wieder nicht fehlen werden.»
Das Leid meldete sich bald genug. Anfeindungen veranlassten die Aufgabe des öffentlichen Wirkens für Aufklärung, welches von Anfang an zum Programm gehört hatte. Ab April 1935 wurde der öffentliche Verkauf des FB eingestellt. Es war nur noch im Abonnement erhältlich, ausser in den fast ausschliesslich von Homosexuellen besuchten Cafés «Albis» und «Rialto», die ohne Adressangabe genannt wurden. Ein weiterer Schritt ins Ghetto war getan, erzwungen durch das generell homophobe Umfeld und die Unsicherheit der Zeit. Erst in den 70er Jahren konnten einschlägige Publikationen sukzessive wieder an öffentlichen Verkaufsstellen angeboten werden.
Der Neujahrsartikel 1936 des Freundschafts-Banner
[2] tönte wieder mutiger und kampfbewusster. Es wurde an Cato den älteren, römischer Senator (234–149) und sein stetes «Ceterum censeo, Karthaginem esse delendam!» erinnert, also daran, dass auch nach dem zweiten Punischen Krieg (218–201) trotz allem daran festgehalten werden müsse, das punische Karthago endgültig und für immer zu zerstören, was die Römer schliesslich drei Jahre nach Catos Tod ausführten und damit den Aufstieg Roms zur Weltmacht einleiteten:
«Auch wir Homoeroten, Männer wie Frauen, haben ein Karthago zu zerstören: Das ungerechte Vorurteil der öffentlichen Meinung. […] 90% derselben betrachten heute noch jeden Homoeroten als Päderasten, Knabenschänder und Lüstling schlimmster Art, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen. […] Von heute auf morgen lassen sich Vorurteile und Meinungen nicht korrigieren, es braucht Jahre und Jahrzehnte langer Arbeit. Die ‹Liga für Menschenrechte› hat sich seit bald vier Jahren dies zum Ziele gesetzt und jeder gewissenhafte Artkollege und -kollegin reiht sich in ihre Front. Das Freundschafts-Banner aber ist die Posaune, der Mund dieser ehrlichen, selbstbewussten Schar, das immer wieder sein ‹Ceterum censeo …› den Lauen und Gleichgültigen entgegenruft.»
Diese Lauen und Gleichgültigen wurden anschliessend blossgestellt als jene Feinde im eigenen Lager, die nicht mitkämpfen wollen, weil es ihnen zu riskant oder zu beschwerlich scheine. Es seien aber etliche gerade unter diesen, welche dann in Nacht-Rapporten der Sittenpolizei und in den Strafakten der Gerichte auftauchen und damit der sensationshungrigen Presse das Futter geben würden, womit sie uns allesamt genüsslich in die Gosse werfe:
«Der Schaden, den diese sittlich entgleisten Homosexuellen uns und unserer Sache zufügen in der Öffentlichkeit und bei den Behörden, ist nicht abzuschätzen.»
Ernst Ostertag, Juni 2004

