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Wissenschaft, Religion und Aufklärung im Freundschafts-Banner

Das Schweizerische Freundschafts-Banner und seine Organisationen

Eigentlich müsste diese Kapitel «Wissenschaft und Kampf» heissen, denn in diesem Sinn waren die Ausblicke auf neue Erkenntnisse in den Humanwissenschaften gedacht, auch Auslegungen christlicher Lehren und der Bibel anfänglich, vor der Zeit, als Karl Meier Inhalt und Ziele des Freundschafts-Banners und der Liga für Menschenrechte zu beeinflussen begann: sie sollten nicht nur aufklären, sondern als Munition im Kampf dienen.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterKarl Meier war ein beharrlicher Kämpfer dort, wo er Chancen auf Erfolg sah, aber er war kein Revolutionär. Es ging ihm um eine möglichst in die Breite wirkende Aufklärung durch Zusammenarbeit mit Wissenschaftern und Autoren. Mit dem Zustandekommen des gesamtschweizerischen StGB und dessen fortschrittlicher Behandlung der Homosexuellenfrage war für ihn, sollte das Gesetz einmal die Hürde der Volksabstimmung passiert haben, die aktive Kampfphase vorbei.

Sie musste danach sukzessive durch eine jahrzehntelange Phase der Konsolidierung und langsam wachsenden Einsicht und Toleranz gegenüber homosexuellen Mitbürgern abgelöst werden. Also einerseits Aufklärung durch ethisch einwandfreie Lebensführung der einzelnen Menschen dieser Gruppe und andererseits durch publik gemachte Hinweise auf Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen und deren Kommentierung. Und vor allem – wichtiger als die Ausstrahlung nach aussen – Zeitschrift und Organisation sollten nach innen wirken, sollten Heimstätte und Ort der Information, des geschützten Zusammenseins, der Begegnung und des Austausches homosexueller Menschen mit Gleichfühlenden und für alle von ihnen sein.

Die Akzeptanz der eigenen Homosexualität

Ein wegweisender Aufsatz zur Akzeptanz der eigenen Homosexualität von Laura Thoma mit der Überschrift «Durch Licht zur Freiheit». Auch so hiess der erste der beiden Leitsätze neben dem Titel «Freundschafts-Banner». Einige Sätze: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

«Eine Gewissheit wird ohne Zweifel bei jedem bestanden haben, nämlich einen vorzugsweisen Hang zu seinem eigenen Geschlecht. Aber die Hauptlichtstrahlen, das Warum & Woher fehlten. […] Eine wichtige und bedeutungsvolle Freiheit aber ist […] die Freiheit seines eigenen Denkens und Fühlens. Frei von jedem Versteckspiel hinter den Kulissen des Lebenstheaters. Solange wir uns […] selbst verurteilen […] sind wir kampfesunfähig. Wir kämpfen ja gerade um das Anerkanntwerden durch die grosse Masse. Erfreulicherweise hat man in der Schweiz, besonders aber in Zürich behördlicherseits schon sehr viel Verständnis gewonnen, und wir hoffen, das in Bearbeitung begriffene neue Strafgesetzbuch werde uns allen das ersehnte Licht unserer Lebensberechtigung bringen. […] Eure innere Freiheit wird sich hemmungs- und rücksichtslos auch die grosse Freiheit nach Aussen erobern. Ich möchte behaupten, dass das Manko unserer Bewegung zur Hauptsache auf das Konto der inneren Gebundenheit jedes Einzelnen zu buchen ist.»

Der Aufsatz schloss mit einem Gedicht der Autorin:

Licht und Freiheit in der Seele,

Dass die Schmach euch nie mehr quäle.

Los vom Urteil andrer Leute,

Niemals mehr des Hohnes Beute.

Helft das Joch der Ächtung sprengen,

Einsamkeit und Qual verdrängen.

Zum Tod von Dr. Magnus Hirschfeld

Eine Ehrung: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

«Der grosse Sexualforscher und Gelehrte, Sanitätsrat Öffnet internen Link im aktuellen FensterDr. Magnus Hirschfeld, ist nicht mehr. Am 15. Mai 1935 hat er nach längerem Leiden in Nizza, gleichsam in der Verbannung, seine Augen einen Tag nach seinem 67. Geburtstag für immer geschlossen. Mit ihm steigt der grösste und unerschrockenste Vorkämpfer für die Rechte der Homoeroten aller Zeiten ins Grab. […] Dem Verdienste dieses Gelehrten von Weltruf ist es zu verdanken, dass der abendländischen Menschheit endlich die Verachtung und Hass schaffende Binde alter Überlieferungen von den Augen genommen und in eine Welt von blindem Vorurteil und Verständnislosigkeit eine Bresche geschlagen wurde. […] Wenn das tausendjährige (?) Dritte Reich samt seinen Nachäffern um sich herum längst in sich zerfallen sein wird, sein geistiges Erbe wird bestehen bleiben. […] Millionen von Homoeroten bedeutet der Name Hirschfeld Licht, Hoffnung und Lebensbejahung und in Dankbarkeit werden sie stets seiner gedenken.»

Unsere Heimat sind wir

Im August 1935 schilderte Öffnet internen Link im aktuellen FensterRudolf Rheiner in «Unsere Heimat und wir, einige Gedanken zum 1. August» detailliert das Leben und Werk von Öffnet internen Link im aktuellen FensterHeinrich Hössli, «dem Wilhelm Tell unserer Befreiungsbewegung». Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

Das Verhältnis zur Kirche

In fünf Folgen Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4] rollte Rudolf Rheiner von 1935 bis 1936 das konfliktvolle, mit Sünde belastete und verkrampfte Verhältnis der Kirche(n) zum Faktum Homosexualität auf und gab ihm, in Anlehnung an Öffnet internen Link im aktuellen FensterCaspar Wirz, den Titel «Der Homoerot vor Kirche und Bibel». Dabei gebrauchte er bewusst erstmals dieses Wort statt «der Homosexuelle». Denn er stellte den erotisch zu seinesgleichen Hingezogenen, den Homo-Eroten in die Mitte und formulierte seine Fragen unüblich und als Laie von diesem homoerotischen Menschsein her. Daraus einige Abschnitte:

«In unseren Kreisen trifft man immer wieder Menschen, die sich von der Kirche nicht trennen wollen und trotzdem unter ihrem Verdammungsurteil […] schwer leiden. […] Mancher löst sich zwar frühzeitig – und damit meines Erachtens rechtzeitig! – von engherzigen kirchlichen Forderungen und Wertungen. […] Nach zahllosen inneren Kämpfen nur dringt er tiefer vor in das Wesen wahrer Religion, die auch ausserhalb der Kirchen lebendig ist. Manch einer aber wagt die entscheidende Fragestellung nie und kämpft jahrzehntelang einen hoffnungslosen Kampf.

Kirche und Bibel! Welche grossen Gegensätze schon allein diese Worte umschliessen, wissen wir alle. […] Beide Kirchen lassen die Sexualität nur als Mittel der Fortpflanzung gelten; jede geschlechtliche Tat, die nicht die Menschwerdung ‹bezweckt›, gilt als Sünde. […] Aber nach unseren heutigen Erkenntnissen steht fest, dass der gesunde Mann und die gesunde Frau der körperlich-seelischen Hingabe bedürfen, um gesund zu bleiben. Es ist nicht wahr, dass jeder Mensch ohne gesundheitliche und seelische Schädigung unberührt bleiben könne. […] Vor der Erfahrung des Lebens müssen die Kirchen ihre Stellung zur Erotik ändern, wenn sie nicht Hunderttausende ihrer Glieder zur ständigen Lüge verurteilen oder überhaupt verlieren wollen.

‹Der Protestantismus kennt keine unfehlbare Kirche und keinen unabänderlichen kirchlichen Lehrbegriff. Die Autorität hat in ihm nur Wert als Bestätigung unseres inneren Bewusstseins.› Diese grundlegenden Worte stehen im Buche des deutschen protestantischen Theologen und Gelehrten Caspar Wirz: ‹Der Uranier vor Kirche und Schrift›, erschienen bereits 1905 und trotzdem – wer von uns kennt es?

Darf der Geistliche, den Homoeroten, den er als solchen kennt, zurückweisen? Er muss, wenn er ein wahrhaft gläubiger Mann ist, sich fragen: ‹In diese mir unergründlichen Geheimnisse der Natur will ich nicht hineinreden, vielmehr das Richten dem überlassen, der in des Menschen Herz hineinsieht.› Der aber fragt nicht, was für einem Naturtriebe wir unterworfen seien, sondern ob er Demut und Glauben bei uns treffe. […] Wo ein Gefühl sich lebenaufbauend und lebenverpflichtend Bahn bricht durch alle Jahrtausende, da ist es für jeden Christen notwendig, nach dem göttlichen Sinn auch dieses ihm noch einstweilen Unverständlichen zu forschen.

Wir glauben, dass bei dem starken Widerstand der Kirchen das Strafrecht und das öffentliche Bewusstsein nur sehr langsam in dieser Frage einen Wandel erleben wird. […] Katholizismus und Protestantismus – Formen der Gottesverehrung, Deutungen göttlichen Willens, aber nicht der göttliche Wille selbst! Er schuf uns – wer deutet seinen Willen? […] Wo aber Leben und Liebe erstickt wird, die blühen könnten ohnegleichen, da sollten wir nicht mehr knien und uns nicht mehr beugen.»

Rudolf Rheiner zitiert Caspar Wirz aus einem in Deutschland erschienenem Werk und hält ihn für einen Deutschen! So unbekannt war Wirz damals!

Stimmen aus dem Leserkreis

Zu diesem stets brisanten Thema gab es natürlich auch Zuschriften. Eine davon, gezeichnet mit M.G. Sie rollt die besondere, homoerotisch gefärbte Beziehung Jesus – Johannes auf: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5]

«Es drängt mich aufrichtig, Herrn Rudolf Rheiner für seinen äusserst wertvollen Artikel meinen grössten Dank auszusprechen. Solche Erklärungen und Fragen sollten mehr behandelt werden und es sind gewiss viele genug, die dafür Dank wissen, weil sie mehr Halt bekommen, Enttäuschungen besser ertragen und Verkennungen mutiger auf sich nehmen. […] So treffen Verdammungsworte eines Paulus Homoeroten noch viel tiefer, da die Kirche und ihre Vertreter bei diesen Bibelstellen stehen geblieben sind. […] Warum hat denn Jesus den Johannes überhaupt geduldet? Warum hat er nicht zu ihm gesagt, wie zu Petrus, als er seinen Meister beschützen wollte: ‹Gehe hinter mir, Satan, du bist mir ärgerlich!› […] Es hat es nicht getan, er hat ihn geliebt, geliebt wie sonst keinen. […] Das erschütternde Zwiegespräch, Joh. 21, Vers 15–22, endet mit Gnade und Vergebung. Nun sollte man meinen, dass Petrus tief gedemütigt […] nur mit sich und seinen Sünden beschäftigt vor seinem Herrn gestanden. Stattdessen aber ‹wandte er sich um und sah den Johannes folgen› und da er ‹diesen sah, spricht er zu Jesu: Herr, was soll aber dieser? Jesus spricht zu ihm: So ich will, dass dieser bleibe, bis ich wieder komme, was geht es dich an, folge du mir nach!› […] Das alte Testament hat verworfen und getötet, Paulus, der Eiferer, hat gestraft und verbannt, Jesus aber will, dass sie bleiben – und bleiben bis er wieder kommt.»  

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Juni 2004