Kommentare zur Lage im «neuen» Deutschland
Das Schweizerische Freundschafts-Banner und seine Organisationen
1933–1935
Natürlich zählten die Homosexuellen zu den ersten in der Schweiz, die sich der tödlichen Gefahr durch Hitler-Deutschland voll bewusst waren. Enge Verbindungen zu Kameraden/Kameradinnen drüben bestanden noch teilweise und über diese Kanäle gelangten Meldungen direkt auf den Redaktionstisch. Zudem beobachtete man aufmerksam die Auswirkungen in unserem Land, wo eine wachsende Zahl von «zeitgemäss denkenden» Schweizern und etliche gefährlich aktive Nazi-Zirkel grosse Sorge bereiteten.
Die Doppelnummer 21/1933 vom Mai veröffentlichte einen Bericht «Zur Schliessung der Berliner Freundschaftslokale», entnommen dem «Mitteilungsblatt des Bundes für Menschenrechte, Berlin» und eine Meldung von der Plünderung des Instituts für Sexualwissenschaft – nur wenige Tage nach diesem barbarischen «Akt der Säuberung»:
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«Aus der Büchersammlung wurden nicht nur die Hauswerke von Magnus Hirschfeld, sondern auch die Sonderdrucke kleinerer Schriften, Zeitschriften und Arbeiten anderer Autoren und das Bilderarchiv gesichtet, ausgeschieden und auf Kraftwagen verladen. Nach Beendigung der Aktion ist das Institut geschlossen worden. Gleichzeitig setzten sich fünf studentische Stosstrupps in Bewegung, um sämtliche Volksleihbüchereien in Berlin einer Säuberung zu unterziehen. […] Die beschlagnahmten Bücher etc., über 20'000 Werke, sind am Mittwoch, den 10. Mai auf dem Opernplatz in Berlin verbrannt worden. Ein schwerer Schlag für die Lebensarbeit unseres grossen Vorkämpfers
Dr. Magnus Hirschfeld, der z.Z. sich in Ascona aufhält. Wir können nur mit grossem Bedauern von dieser Tatsache Kenntnis nehmen und Herrn Dr. Hirschfeld unserer Sympathie und herzlichen Anteilnahme versichern. Was er für uns und unsere Befreiung gearbeitet und erkämpft, das wird dieser ‹studentische Büchersturm› niemals vernichten können.»
In der Ausgabe vom 1. Juli 1933 schrieb «Torrero», ein Pseudonym von
August Bambula einen längeren Aufsatz zur politischen Lage unter dem Titel «Schliesst die Fronten!»:
[2]
«Wir leben in einer aussergewöhnlich bewegten Zeit. […] Was der Krieg verwüstet hat, was Parteien und Staatsmänner nicht wieder gut machen konnten oder […] wollten, das hat in allen Staaten das Volk zur Gärung gebracht. […] Überall ertönt der Ruf: ‹Schliesst die Fronten!› Bereits ruft auch hier eine ‹sittliche Front› ihre Mitglieder. Die Moral in der Schweiz muss wohl wieder einmal stark wackelig sein. […] Bekanntlich ist in Deutschland ein fanatischer Büchersturm losgebrochen. Werke bedeutendster Autoren wurden der Vernichtung preisgegeben. Hervorragende Lebensarbeiten wurden mit Indianergeheul auf öffentlichen Plätzen dem Scheiterhaufen übergeben. Und obwohl die ganze Welt mit Kopfschütteln zusieht, wird auch bei uns der Ruf nach solchen ‹Literatur-Kremationen› laut. Bücher, Zeitschriften und besonders ‹Die neue Zeit› wollen diesen Reigen beginnen. […] Sollen wir warten, bis alles zu spät und kein Zusammenschluss mehr möglich ist? Wie lange bleibt uns noch Zeit? […] Keiner darf heute zurückstehen und denken, es geht ja auch ohne mich. […] Neben der Bekämpfung der Prostitution soll in allererster Linie ein Rechtsschutz geschaffen werden. Kein Mitglied soll auch nur eine Stunde in der Gefahr schutzlos dastehen. […] Helft aktiv mit oder unterstützt unsere Sache durch finanzielle Beihilfe. An alle ergeht der dringliche Ruf in letzter Stunde: Kommt zu uns und schliesst auch unsere Front!»
Ernst Ostertag, Juni 2004

