Adolf Brand, Herausgeber von Der Eigene
Nachfolger der Pioniere
1874–1945
1896 gründete
Adolf Brand die erste Zeitschrift mit homoerotischem Inhalt und nannte sie Der Eigene. Später gründete er auch einen Verlag, der bis 1933 bestand. Die Zeitschrift hatte meist ein hohes literarisches und künstlerisches Niveau und erschien ziemlich regelmässig bis 1932.
1903 begann Brand aus dem Abonnentenkreis die «Gemeinschaft der Eigenen» zu bilden, eine männerbündlerische Riege des «pädagogischen Eros», der «Freundesliebe» und der männlichen Kunst und Kultur, die u.a. auch den in Minusio im Tessin lebenden Künstler und homoerotischen Esoteriker
Elisar von Kupffer (1872–1942) als eine ihrer Idealfiguren betrachtete.
Brand war eine schillernde Persönlichkeit. Er setzte sich in Opposition zu Hirschfeld und betrieb eine gelegentlich gehässige Polemik gegen das Institut für Sexualwissenschaft und dessen Tätigkeiten. Er vertrat ein rassistisches Mannmännertum des homoerotischen «Übermenschen» und war radikal in vielen Belangen – und so auch der erste Homosexuelle, der öffentlich denunzierte, also «Outing» betrieb. Das kommende politische und gesellschaftliche Desaster in Deutschland sah er realistisch voraus und arrangierte sich denn auch später einigermassen mit den Nazis, ohne aber je Mitläufer zu sein. Er starb am 2. Februar 1945 in seinem Haus in Berlin, getroffen von Fliegerbomben. Mehr dazu in einem Nachruf im
Der Kreis.
Zeitweiliger «Mitarbeiter» von Adolf Brand war der Schweizer Schauspieler
Karl Meier.
Karl Meier und Adolf Brand
Offenbar entstand zwischen dem 23 Jahre älteren Brand und Karl Meier in seiner Zeit in Deutschland 1924–1932 eine Art Vater-Sohn oder Meister-Jünger Freundschaft, die Meier anhaltend prägte. Mit seiner Rückkehr in die Schweiz 1932 wurde die Beziehung in brieflicher Form – den widrigen Umständen entsprechend in grösseren Abständen – bis Anfang der 40er Jahre weitergeführt. Er hat mir einmal aus diesen Briefen vorgelesen.
Es tönt wie eine Legende: Anfang 1932 befahl Brand, der die politische Entwicklung klar beurteilte, dass der Schweizer in seine Heimat zurückreisen müsse, bevor es zu spät sei und man nichts mehr «hinausretten» könne. Er überreichte diesen Befehl sogar schriftlich in Form eines Briefes, worin stand, dass über Deutschland Nacht hereinbreche und die Bewegung der Homosexuellen vernichtet werde und dass «Du, Schweizer, die Pflicht hast, die Fackel, von deinem Landsmann Hössli entzündet, wieder zurückzutragen, damit sie – mit Glück – dort überlebe, um später einmal wieder in einem helleren und besseren Deutschland neu entzündet zu werden.»
Eine schöne Legende – aber wir haben in Karl Meiers Schlafzimmer wie ein Bild beim Bett hängend den Brief Adolf Brands gesehen und gelesen. Rolf wies uns selber darauf hin. Das war 1957 oder 1958. Auf die Bemerkung, aha, ist das Signet des Kreis darum eine Flamme, hat er nur geschmunzelt und auf den «künstlerisch begabten Kameraden» hingewiesen, der die «Flamme im Kreis» entworfen habe.
[1] (In seinem Buch «Der Kreis, Erzählungen und Fotos» liess der Herausgeber, Joachim S. Hohmann, auch den österreichischen Dichter und gelegentlichen Kreis-Mitarbeiter Erich Lifka zu Wort kommen, den wir persönlich kannten. Lifka schrieb u.a. den Beitrag «Rolf» und sein «Kreis» und erwähnte auch jenen Brief von Adolf Brand, den er im Schlafzimmer gesehen habe).
Adolf Brand stellte das Erscheinen seiner Zeitschrift ein. Am 3. Mai 1933 wurde die Fotosammlung von u.a. 2000 Aktbildern beschlagnahmt. Viele von ihnen waren in Der Eigene publiziert worden oder sind im ersten Männer-Akt-Bildband erschienen, der in Deutschland öffentlich zu kaufen war. Er trug den für Brand typischen und in Berücksichtigung der späteren politischen Entwicklung geschickt gewählten Titel «Die deutsche Rasse». Im September und November wurden in mehreren Razzien in seinem Haus auch sämtliche Publikationen und Restbestände des Verlages konfisziert. Damit war Brand ruiniert. Er wurde von den Nazis nicht weiter beachtet.
Am 29. November 1933 schrieb er einen sieben Seiten umfassenden Brief an F. F. Bennett, Secretary of the British Sexological Society in London, den er so begann: «Als Ehrenmitglied Ihrer Gesellschaft fühle ich mich verpflichtet, Ihnen über die völlige Aussichtslosigkeit einer Fortsetzung meiner Lebensarbeit im neuen nationalsozialistischen Deutschland einen ausführlichen Bericht zu geben. […] Ich wurde durch diese 5 Konfiskationen vollständig ausgeplündert, habe nichts mehr zu verkaufen und bin nun geschäftlich ruiniert. (...) Meine ganze Lebensarbeit ist jetzt zugrunde gerichtet. […] Aus dieser Lage ergibt sich die sehr einfache Tatsache, dass eine Fortsetzung meiner Arbeit […] auf deutschem Boden nicht mehr möglich ist und dass die Weiterherausgabe meiner Zeitschrift Der Eigene nur noch im Ausland geschehen kann, wo dafür die notwendige Pressefreiheit und Rechtssicherheit besteht.»
[2]
Ernst Ostertag, März 2004



