Im Folgenden beziehe ich mich auf die Arbeit von Beat Frischknecht: «Caspar Wirz, eine ‹unstete Natur› ». Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1] Es handelt sich dabei um die erste Publikation über Caspar Wirz überhaupt. Der Autor holt einen Menschen aus der Vergessenheit, welcher nicht nur durch seine präzisen theologischen Schlussfolgerungen, sondern auch als einziger schweizerischer Obmann des Wissenschaftlich-humanitären Komitees einen wichtigen Platz in der Schwulengeschichte unseres Landes einnimmt. Persönlich bin ich beglückt darüber, dass ein junger Laie in zähem Bemühen erhellen konnte, was offenbar geschulte Historiker bislang übersehen hatten. In seinem Vorwort stellt der Autor fest: «Neun Jahrzehnte nach dem Tod dieses aussergewöhnlichen Menschen lässt sich sein Leben leider nur noch bruchstückhaft nachzeichnen. Dies auch deshalb, weil sich bisher niemand näher mit ihm beschäftigt hat.»

Wo nicht anders bezeichnet, stammen die nachfolgenden Zitate aus dem Buch von Beat Frischknecht «Caspar Wirz, eine ‹unstete Natur› »

Zu Beginn zitiert Frischknecht aus «Die Homosexualität des Mannes und des Weibes» von Magnus Hirschfeld: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

«Trotzdem die Sexualheuchelei im Schweizer Lande der englischen nicht viel nachsteht, hat es eine Reihe von Männern hervorgebracht, die sich um eine Besserstellung der Urninge grosse Verdienste erwarben, vor allem Öffnet internen Link im aktuellen FensterHeinrich Hössli in Glarus, der schon 1836, also zu einer Zeit, als in anderen Ländern von einer Befreiungsaktion noch keine Rede war, sich im ‹Eros› mit grösstem Eifer der mann-männlichen Liebe annahm, zu dem sich in unserer Zeit mehrere Schweizer Vertreter der exakten Wissenschaft, wie Caspar Wirz, Öffnet externen Link in neuem FensterAugust Forel und Öffnet externen Link in neuem FensterEugen Bleuler gesellten.»

Ein unsteter junger Mann und Theologe aus Zürich

Auguste Forel wie Eugen Bleuler sind weltberühmte Psychiater, an derer Heterosexualität nicht zu zweifeln ist. Mehr zur wichtigen Rolle für die Schwulen-Emanzipation von Öffnet internen Link im aktuellen FensterAuguste Forel und von Öffnet internen Link im aktuellen FensterEugen Bleuler. Wer aber ist der Erstgenannte?

Johann Caspar Wirz wurde am Nationalfeiertag, dem 1. August 1847 in Zürich geboren. Exakt neun Tage, bevor die erste Eisenbahn der Schweiz von Zürich nach Baden rollte und dampfte: die «Spanischbrötlibahn». Dieses neue Verkehrsmittel sollte Wirz nur zwei Jahrzehnte später extensiv nutzen.

Drei Monate nach seiner Geburt kam es zum einzigen kurzen Bürgerkrieg der modernen Schweiz, dem Sonderbundskrieg, welcher mit dem Sieg der Tagsatzungskantone zugleich ein Sieg des Liberalismus gegen die katholisch-konservativen Kräfte und Kantone war und im folgenden Jahr zum neuen Bundesstaat mit einer Verfassung führte, nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerkia. Diesem freiheitlichen, von kirchlicher Bevormundung gelösten Staat diente Caspar Wirz bei seinen späteren Missionen in Italien, indem er die schweizerischen Archive in Bern mit Materialien zur Geschichte der Eidgenossenschaft belieferte. Und sein theologisches Werk über den Uranier vor Kirche und Schrift entsprang derselben freiheitlichen Haltung und war eine der ersten, wenn nicht die allererste Auseinandersetzung eines Theologen mit der christlichen Überlieferung im Hinblick auf die Frage der Homosexualität als naturgegebene Veranlagung.

Der nach eigenen Worten «in streng protestantischer Luft» erzogene Knabe Caspar besuchte nach der Volksschule das Gymnasium und studierte ab 1868 Theologie in Basel und Berlin, wo er 1873 ordiniert wurde. Dazwischen hielt er sich in Italien und Algier auf. Nach der Ordination machte er sich wieder auf ausgedehnte Reisen durch halb Europa, um dazwischen an diversen Orten im Kanton Zürich zunächst als Verweser, dann als Pfarrer zu amten. Offenbar war er eher an Forschung als an der Verkündigung des Glaubens interessiert, denn von 1875 bis 1877 besorgte er nebst der Pfarrei die «Herausgabe der Bibliographie der Schweiz». 1877 reiste er nach Istanbul, 1878 war er wieder an Pfarrämtern tätig und von 1879 bis 1882 lebte er in München.

Schliesslich wurde er 1883 im thurgauischen Aadorf zum Pfarrer gewählt. Die Gemeinde war als «schwierig» bekannt. «Nachdem er vier Jahre lang diesen Thurgauern unerschrocken das VIII. und IX. Gebot vor Augen gehalten, wurden sie seiner überdrüssig und beriefen ihn mit 102 gegen 98 Stimmen ab». Das war im August 1887. Er erhob Beschwerde und erwähnte zudem noch ausstehende Besoldungen, was beides abgelehnt wurde. Am 3. September zog er nach München und nahm, quasi als Pfand, die Kirchenlade mit, denn in dieser Truhe lag das gesamte Kirchenvermögen. Natürlich führte das zu gerichtlichen Nachspielen, was Wirz vermutlich erreichen wollte. Am 15. Oktober konnte die polizeilich zurückgeführte Truhe im Kantonshauptort Frauenfeld geöffnet und der Inhalt als vollständig bestätigt werden und am 10. November erklärte das Bezirksgericht Frauenfeld Caspar Wirz der «unerlaubten Selbsthülfe» für schuldig und verurteilte ihn zu einer «Geldbusse von 100 Franken». Neun Tage zuvor, am 1. November 1887, hatte Wirz, der zur Verhandlung in Frauenfeld nicht erschien, eine sieben Jahre ältere Frau geheiratet, von der er sich jedoch im Dezember 1988 bereits wieder scheiden liess.

Nun gab er den Pfarrberuf auf und zog sich nach München zurück, wo er «sofort mit der Fertigstellung seines historischen Pfarrerverzeichnisses begann, welches als Etat des Zürcher Ministeriums von der Reformation bis zur Gegenwart […] 1890 in Zürich erschien […] und heute […] unter dem schlichten Kürzel Etat Wirz bekannt» ist.

Passionierter Forscher in Italiens Archiven

Bis heute einziges bekanntes Bild von Caspar Wirz
Orig. Bildlegende: «Die beiden Professoren Wirz und Karsch-Haack in Rom. Verfasser wertvoller Arbeiten über Verbreitung u. Bedeutung der Homos.»

1890 entschloss er sich, «sein Lebens- und Arbeitsumfeld nach Italien zu verlegen». Zunächst begann er allein, dann mit der «Allgemeinen Geschichtsforschenden Gesellschaft der Schweiz» zusammenarbeitend seine bis zum Lebensende fortdauernde Forschertätigkeit. Er tat dies im seit 1883 durch den wissenschaftlich interessierten «Friedenspapst» Leo XIII der Forschung geöffneten vatikanischen Archiv, wo er vorerst Nuntiaturberichte zur eidgenössischen Geschichte der Mailänderzüge und der Reformation durchsah. Ab 1893 wurden diese immer umfangreicher werdenden Arbeiten von der Eidgenossenschaft übernommen und dem Bundesarchivar in Bern anvertraut, denn es war nun klar, dass auch römische und andere italienische Archive in die Forschung miteinbezogen werden mussten. «Die Ausführung aber lag einzig in den Händen des ehemaligen evangelischen Theologen Wirz. Dieser erfreute sich von Seiten der vatikanischen Behörden ‹stets bereitwilliger und zuverlässiger Förderung›. […] Wirz ging […] völlig in seiner Arbeit auf. So dehnte er seine Aufgabe bald auf die anderen Archive und Bibliotheken in Rom und auch auf diejenigen in Parma, Florenz, Neapel, Mantua, Modena, Venedig, Bologna und besonders auf die wichtigen Staatsarchive Mailand und Turin aus. Ein besonderer Stab von Kopisten musste gebildet, jedem einzelnen die Arbeit zugewiesen und diese kontrolliert werden. […] Dabei entwickelte sich aus dem Dilettanten der treffliche Kenner der oft schwer lesbaren Schriften der Urkunden, Akten und Register der verschiedenen Jahrhunderte.»

«Die Abschriften […] wuchsen mit der Zeit zu einem Berg von 800 Aktenbündeln heran. Diese wurden von Wirz laufend in Kisten verpackt und nach Bern versandt. Er beanspruchte dazu häufig die Hilfe der Schweizerischen Gesandtschaft in Rom (Diplomatenpost), da er befürchtete, ‹dass bei Versendung seinerseits die Arbeit bei einer allfälligen Durchsuchung an der Grenze in Unordnung geraten könnte›.»

Der ununterbrochene Arbeitseinsatz forderte seinen Preis. 1898 erkrankte der schmächtig gebaute Wirz an einer «schweren Krankheit», die ihn zum völligen Aussetzen und im Frühling 1899 zu einem Erholungsaufenthalt in der Schweiz zwang. Danach kehrte er wieder nach Italien zurück.

Ehrendoktor der Universität Zürich

Den Titel «Dr. phil. h.c.» verlieh ihm die Universität Zürich am 1. März 1903 «wegen seiner grossen Verdienste um die Eröffnung der italienischen Archive für die schweizerische Geschichtsforschung». In der Begründung hiess es u.a.: «Das vatikanische Geheimarchiv zählt […] 27'000 Bände, die zum grossen Teil durchgesehen werden mussten. Nicht bloss die Nuntiaturberichte bis ins 18. Jahrhundert hinein, sondern auch die übrigen die Schweiz betreffenden Aktenstücke im Vatikan sind kopiert und stehen nun in Hunderten von Folianten in Bern zur Verfügung. Mag mit dem Tod Öffnet externen Link in neuem FensterLeo's XIII der Vatikan seine so lang geheim gehaltenen Schätze für profane Augen wieder verschliessen, die Schweiz hat ihre Beute in Sicherheit, und das ist […] der Energie […] unseres Mitbürgers Hr. Wirz […] zu verdanken. Ausserdem hat er auch Materialien aus den Bibliotheken Corsini und Berberini hervorgeholt. […] Von den 17 Staatsarchiven Italiens hat er bereits 11 durchgegangen […].»

Tod in Rom

Langsam hatte sich ein Leiden eingeschlichen: Darmkrebs. Trotzdem arbeitete Wirz praktisch unvermindert weiter bis zum Sommer 1915. Im September, der Erste Weltkrieg stand in seinem zweiten Jahr, «wartete das Bundesarchiv in Bern vergebens auf die Korrektur des fünften Bandregisters der Schweizergeschichte aus den päpstlichen Archiven, denn ‹erst mit einer vielwöchentlichen Verspätung kam nach Bern die Kunde, dass Dr. Joh. Caspar Wirz am 14. August bei den Kreuzschwestern an der via S. Basilio in Rom infolge plötzlicher Verschlimmerung eines lange schon an ihm zehrenden Leidens erlegen ist›.» Die Beerdigung erfolgte «auf dem protestantischen Friedhof an der Cestius-Pyramide in Rom.»

Obmann des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK)

1905 berichtete Wirz von «seiner eigenen 37-jährigen Erfahrung» mit der Homosexualität. Zur damit angegebenen Zeit, 1868, begann er in Basel mit dem Theologiestudium. «Ob die ‹Erfahrung› nur theoretischer oder auch praktischer Art war, lässt er selbstredend offen. Selbst ein Magnus Hirschfeld hatte sich ja zeitlebens nie zur eigenen Veranlagung bekannt.» Auf seinen diversen Reisen während und nach dem Studium beschäftigte er sich bereits in eigentlich wissenschaftlicher Art mit der käuflichen Liebe: Nachdem er in Hamburg erstmals auf die männliche Prostitution gestossen war, ging er nun dem Phänomen in anderen Städten nach, nämlich «in Berlin, München, Stuttgart, Wien, Budapest, England, Frankreich, Italien, Nordafrika und der Türkei», also an jedem Ort, den er besuchte. Er bat zwei Stadtmissionare um ihre Erfahrungen über männliche Prostituierte und deren Kundschaft, «doch wussten auch diese nichts Besseres, als ihn auf die ‹Sünde Sodoms› zu verweisen.»

Das brachte ihn dazu, eigene Nachforschungen anzustellen. Er führte nun «direkte Gespräche mit Strichjungen und traf auch mit deren Freiern […] zusammen. Er zählte sie ‹nach Hunderten› und alle hätten darin übereingestimmt, dass ‹sie von Natur so zu sein behaupteten›. Auch bei sämtlichen Fällen […] ohne finanziellen Hintergrund kam Wirz zum selben Schluss: ‹Dass die Homosexualität nicht etwas Erworbenes, nichts Angelerntes, sondern eine Naturanlage ist, das beweist mir besser als alle Theorien das Bekenntnis ernster würdiger Männer, deren Sittenstrenge und Leistungsfähigkeit in ihrem Berufe niemand in Zweifel zu ziehen wagte und welche zugestehen, dass ihr Liebestrieb ausnahmslos auf Personen desselben Geschlechts gehen, dass dieser Trieb bei ihnen, so lange sie sich erinnern, immer derselbe gewesen und dass sie ihn nicht los zu werden vermögen›.»

Durch den Skandal um den «Kanonenkönig» Alfred Krupp 1902 kam Wirz «endlich mit dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee von Berlin in Berührung und seitdem weiss ich, dass ein Problem, von dem ich nur aus der Praxis kannte, auch theoretisch von der zunächst interessierten medizinischen Wissenschaft bereits als gelöst bezeichnet werden darf.»

«Wirz' Mitgliedschaft zeichnete sich vor allem durch zwei bemerkenswerte Verhaltensweisen aus: Einerseits versteckte er sich – im Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit seiner WhK Mitstreiter – nie hinter einem Pseudonym […]. So wurde ‹Prof. Wirz – Mailand› schon bald zu den ‹bewährtesten und ältesten› Mitgliedern gezählt. Andererseits waren die Geldbeträge, die er der Organisation zukommen liess, jeweils aussergewöhnlich hoch. […] Seit 1904 gab es Bestrebungen, eine Art kollektives Führungsgremium an der Spitze des WhK zu bilden. Es bekam die Bezeichnung ‹Obmännerkommission› und bestand zunächst aus sieben Männern. Zu ihnen gehörte von Anfang an auch Caspar Wirz. Er war und blieb einziger Schweizer Mitarbeiter des Komitees […] und Obmann mit Wohnsitz ausserhalb Deutschlands.»

«Der Uranier vor Kirche und Schrift». Erste Fassung von 1903

Im selben Jahr, als er in Zürich die Doktorwürde erhielt für sein unermüdliches Schaffen in den Archiven des Vatikans und Italiens, übergab Caspar Wirz im weit entfernten Berlin dem in der Aussenwelt noch wenig bekannten Wissenschaftlich-humanitären Komitee sein 40 Seiten umfassendes theologisches Werk über den Homosexuellen vor Kirche und Bibel, welchem er noch den Untertitel beifügte: «Eine Studie vom orthodox-evangelischen Standpunkt». Mit «orthodox-evangelisch» meinte Wirz eine Theologie, die sich ganz am Sinn und Geist des Bibelwortes orientiert, zugleich die Zeit des Entstehens dieser Worte überdenkt und berücksichtigt und vor allem nicht am Wort als Hülse kleben bleibt, wie das Fundamentalisten jeder Couleur stets getan haben. 1904 erschien das Werk im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität, Band 6, herausgegeben durch das WhK. Darin betonte der Verfasser die Wichtigkeit und Notwendigkeit, dass nach den Medizinern nun endlich auch die Theologen die Frage der Homosexualität aufgreifen müssten. Jedoch, mit dieser Forderung und seiner theologischen Pioniertat blieb Caspar Wirz leider für mehr als hundert Jahre einsamer, ungehörter und vergessener Rufer in der leblosen Wüste des diesbezüglichen Denkens seiner Fachkollegen und der offiziellen Haltung ihrer Institutionen, den Theologenschulen und Kirchen.

In einem ersten Teil befasste er sich mit dem Uranier vor der Kirche

Wirz ortete zwei Arten homosexueller Christen: «Die schwächeren unter ihnen, die sich mit ihrer Natur nicht abzufinden vermögen, laufen Jahre, Jahrzehnte als Heuchler auf dem Lebensmarkte herum. Eine falsche Etikette deckt sie vielleicht vor den Menschen, während eine unverständige Kirchenlehre sie zu einem unablässigen, qualvollen Büsserleben nötigt und sie nimmer zur Freudigkeit eines mit Gott versöhnten Herzens durchdringen lässt. Woher soll da die Kraft noch kommen zum Kampfe mit Fleisch und Blut, und sind sie einmal gefallen, tilgt oft Selbstmord die Schande, die eine ungerechte Welt und eine unvernünftige Kirche auf sie geladen. Die anderen, die Stärkeren, von der Natürlichkeit ihrer homosexuellen Triebe durchdrungen, kehrten früher oder später der Kirche den Rücken, denn sie mögen nicht heucheln, die Bibel lassen sie ungelesen, denn sie mögen nicht immer ihr eigenes Verdammungsurteil vernehmen, ihr Gebet verstummt und damit steht der Puls ihres geistlichen Lebens still. Schuld daran sind […] die verständnislosen Kirchen, denn sie fühlen Mitleid mit Heiden, sorgen für entlassene Sträflinge, nehmen sich gefallener Frauenzimmer hilfreich an, nur für den Uranier haben sie kein Herz.»

Die Aufgabe einer Lösung der Homosexuellen-Frage – und das Vorausgehen in dieser Sache – ordnete Wirz den protestantischen Kirchen zu, denn nach protestantischer Interpretation seien Kirche und Bibel nicht identisch: «Ein eigentliches Verdammungsurteil […] enthalte weder die lutherische noch die reformierte Kirchenlehre. Keiner der Reformatoren hätte sich speziell mit dieser Frage beschäftigt. […] In Übereinstimmung mit Heinrich Hössli stellt Wirz ausserdem fest, dass die abendländische Kirche zum gleichen Zeitpunkt die Homosexuellen zu verdammen begonnen habe, als sie auch das Unheil der Hexenprozesse heraufbeschwor. Nach seiner Auffassung müssten die Uranier einer solchen Kirche den Scheidebrief geben und ihr entgegenhalten: Du sollst den Namen Gottes, deines Herrn, nicht missbrauchen, denn der Herr wird dich nicht ungestraft lassen, wenn du seinen Namen leichtfertig zum Richten in den Mund nimmst.»

Dieses Bibelwort «veranlasste Wirz auch zu folgender klaren Stellungnahme: Vor allem mache ich darauf aufmerksam, was nicht bloss ungebildete Laien, sondern auch Theologen immer wieder übersehen, dass nämlich ein Moralkodex und ein bürgerlicher Strafkodex nicht dasselbe sind. Wir können über einen Satz der christlichen Ethik vollkommen einig sein, aber ob sich derselbe zu einem Artikel des Strafgesetzes eigne, ist damit nicht entschieden.»

Den zweiten Teil widmete er dem Uranier vor der Schrift, dem Wort Gottes

Eingangs «warnt er […] vor Buchstabentreue: Wer mit starren dogmatischen Begriffen […] herantritt, läuft Gefahr, den edlen reinen Text so zu verunstalten, dass er alle entscheidende Kraft verliert. Die Bibel ist eben ein Unikum unter den Büchern, man darf nie sich selbst in dieselbe hineinlesen. Ein Geist durchzieht sie von der Genesis bis zur Apokalypse, und wer sich nicht demütig diesem Geist unterstellt, kommt in Versuchung, seine vorgefasste Meinung in dieselbe hineinzulesen, anstatt sein Urteil an derselben zu bilden. Es folgt die Entkräftung sämtlicher aus der Heiligen Schrift herauszulesenden – vermeintlichen – Verdammungen und Verurteilungen» homosexuellen Verhaltens.

Wirz begann folgerichtig mit dem Alten Testament und der Öffnet internen Link im aktuellen FensterGeschichte von Sodom. «Auf mehr als zehn Seiten begründet er detailliert, dass Grund und Ursache für die Vernichtung […] die allgemeine Verworfenheit und Frivolität der Sodomiter gewesen seien. Die Sünden Sodoms mit der Homosexualität gleichzusetzen, sei daher reine Willkür. Nachdem er in ähnlichem Stil alle weiteren Passagen erklärt hatte, beendete er die Untersuchung des Alten Testaments mit der Feststellung: Es findet sich keine Stelle in demselben, welche den Uranismus verdammt.»

Zum Neuen Testament stellte er einleitend fest, «es sei kein einziges Wort aus Jesu Munde bekannt, womit er unsere Frage entschieden hätte. […] Jesus habe sowieso um das Geschlechtsleben kein so grosses Aufheben gemacht wie die Schriftgelehrten und Pharisäer. Sodann wendet sich Wirz dem gefürchteten Paulus zu und dem Brief dieses Apostels an die Römer. […] Wirz' Fazit könnte deutlicher nicht ausfallen: Paulus die Absicht unterschieben, dass er den Uraniern ein anderes, strengeres Gesetz für ihr Geschlechtsleben als den Heterosexuellen habe auferlegen und sie um der Betätigung ihrer natürlichen Liebe willen zur Steinigung, zum Scheiterhaufen oder zum Gefängnis in diesem Leben verurteilt, im Jenseits ewig verdammt wissen wollen, das hiesse doch seine Worte nicht auslegen, sondern verdrehen, die eigene Intoleranz dem Apostel unterschieben und den zu einem christlichen Ungeheuer stempeln, der in geschlechtlichen Dingen so milde Toleranz übte wie sein göttlicher Meister.»

«Wirz endet seine Studie mit den Worten: Ich schliesse, indem ich der festen Überzeugung Ausdruck gebe, der Uranier habe sich nicht gegen die heilige Schrift zu verteidigen, nicht gegen eine einzige Stelle derselben, nur gegen eine althergebrachte Auslegung. Die heutige Christenheit steht dem Heidentume ferne, […] Paulus aber wie Moses lebten mitten in jener argen Welt und eiferten für die Reinhaltung des Volkes Gottes von allen dämonischen Einflüssen. Indem ich mich in die Lage der beiden Gottesmänner hinein zu versetzen versuche, glaube ich den richtigen Sinn der in Frage kommenden Abschnitte gefunden zu haben. Der Versuch, diese Aufgabe im klaren Bewusstsein meiner Verantwortung vor Gott anzugehen, sei ein Akt der Anerkennung für das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee gewesen.»

«Der Uranier vor Kirche und Schrift» (zweite Fassung von 1905)

Die erste Version wurde in der Zwischenzeit gründlich umgearbeitet und auf einen fast dreifachen Umfang von 110 Seiten erweitert, ein Buch, das der Verfasser nun beim Verleger Max Spohr, seinem WhK Obmannkollegen, herausbringen liess.

Einleitend stellte er fest: «Ob ihre Veranlagung auf den Embryonalzustand zurückzudatieren sei oder sich erst später entwickelt habe, das kümmert die Homosexuellen selbst in der Regel wenig; sie wissen, dass sie so sind und nie anders waren, ohne von aussen beeinflusst worden zu sein.» Und als Kranke könne man sie nicht bezeichnen, es seien «keine derartigen Erfolge zu nennen, weil ich nur einige Nichtgeheilte kenne, einen wirklich Umgemodelten nie zu Gesichte bekommen habe.»

Dann ging er im ersten Teil u.a. der Lage in verschiedenen Staaten und schweizerischen Kantonen nach, «die keine Paragraphen gegen die Uranier und ihr Liebesleben kennen: Dennoch sind weder in Holland noch in der Waadt noch in irgend einem der anderen Länder […] je Stimmen laut geworden, dass solche einzuführen nötig wäre. […] In den Ländern ohne Urningsparagraphen habe er auch niemals nervöse, schwermütige Homosexuelle kennen gelernt. Deshalb glaube er, dass das Pathologische, das manche Homosexuelle Deutschlands und Englands in der Tat auswiesen, lediglich eine Folge des schweren Druckes ihrer Lage sei. […]»

Im zweiten Teil ging der Verfasser auch viel ausführlicher auf alle die entsprechenden Bibelstellen ein, als er dies in der ersten Fassung seines Werkes getan hatte, um abschliessend festzustellen, «sexuelle Betätigung, ob homo- oder heterosexuell, sei nicht Sünde. Diese beginne erst da, wo man den Trieb ungezügelt gehen lasse […].» […] Es «habe für jede Art Geschlechtstrieb zu gelten, dass er auf gegenseitiger Hingabe zweier Personen aus freier Wahl beruhen sollte. Auch dürfe […] ein menschliches Wesen nicht als blosses Mittel sinnlichen Genusses dienen. Die Kirche habe bisher zur Minderung der männlichen Prostitution nichts getan. Dem Geist Christi entsprechend wäre es, wenn die evangelische Kirche in diesem Sinne eine andere Tätigkeit als nur die des fleischlichen Eiferns und Feuer regnen Lassens entfalten würde.»

Scharfe Kritik

Für viele seiner homosexuellen Zeitgenossen war Wirz' Publikation der hoffnungslose Versuch eines rückwärtsgewandten Artgenossen, eine Brücke zum Christentum zu schlagen. Für viele war völlig klar, dass nicht nur ein Bruch mit dem Christentum den gesunden Homosexuellen auszeichne, sondern die absolute Gleichgültigkeit gegenüber allem, was mit Religion zu tun hat.

Einer der schärfsten Kritiker war Hans Blüher (1888–1955), der 1913 im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Band 13 einen Aufsatz mit dem Titel «Die drei Grundformen der Homosexualität» veröffentlichte. «Darin setzt er sich auch kritisch mit der Haltung der Kirche auseinander und befindet, dass diese immer nur zur Duldung der Ketzer und freien Denker und auch dies mehr erzwungen als freiwillig bereit sei. Die christliche Ethik sei, man mag es drehen und biegen wie man will, ausschliesslich heteronom und vermöge dadurch das Wesen der Homosexuellen gar nicht zu erfassen. Wenn sich nun das Christentum bemüht, in dieser Frage mitzureden, so ist es klar, dass es niemals über den Standpunkt der blossen Toleranz hinauskommen kann. […] Ich erwähne […] den Aufsatz von Caspar Wirz […]. Die ganze Hilflosigkeit dieser alten Gesinnung geht einem da auf, wenn man diese Zeilen liest. Die ganze Lebens- und Auffassungssphäre, die das Christentum vertritt, gerät hier in Kollision mit der Moderne, und zu retten ist hier wirklich nicht mehr viel.»

Oder hatte Wirz dennoch recht? Ja, er hatte recht, dies vor allem mit seinem Bemühen um eine exakte, objektive und zugleich demütig offene Annäherung und Betrachtung dessen, was er «Gottes Wort» nannte und wie er sich mit der Kenntnis dessen, was homosexuelle Veranlagung und Liebe umfasst, annäherte. Diese Vorgehensweise macht ihn noch heute zum Pionier. Ein Beispiel: «Das Neue Testament hat die Päderastie und ihre Abarten verurteilt, wie sie in der damaligen griechischen-römischen Kultur praktiziert wurden. Es sagt nichts über heutige Partnerschaften zwischen erwachsenen Homosexuellen auf der Basis gegenseitiger Anerkennung.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

Öffnet internen Link im aktuellen FensterZur heutigen Position der katholischen Kirche

Allerdings, die weltweite Situation heute gibt beiden, sowohl Wirz wie Blüher recht. Denn die grosse Mehrheit bilden die «Bibelfesten», die Dogmaverpflichteten und ihren Gemeinschaften und Kirchen Treuen. Und sie denken und verhalten sich den Aussagen Blühers entsprechend. Eine Minderheit aufgeschlossener und meist nicht kirchengebundener Christen begann sich jedoch in den späten 90er Jahren langsam zu formieren und öffentlich hör- und sichtbar zu machen. Sie denken und praktizieren entsprechend der Sicht- und Glaubensweise des Theologen und Menschen Caspar Wirz – ohne ihn zu kennen.

Vertreter des theologischen Liberalismus?

Im später (Frühjahr 2006) nachgelieferten Kapitel «Caspar Wirz als Vertreter des theologischen Liberalismus?» kommt Beat Frischknecht zum Schluss, diese Frage sei zu verneinen, weil es Wirz nicht um evangelisch theologische Richtungen und Schulen ging, sondern um seine persönliche Gotteskindschaft als freies homosexuelles Individuum. Als solches wäre er ohnehin von jeder damaligen theologischen «Fakultät» abgelehnt worden, was ihm bestimmt voll bewusst war. Nachweislich hatte er «während seines Berliner Studiums die Fächer ‹Evangelische Glaubenslehre› und ‹Über die Beweise des Daseins Gottes› beim evangelisch-lutherischen Theologen Öffnet externen Link in neuem FensterAugust Detlev Christian Twesten besucht. Twesten war ein klassischer Vertreter der Vermittlungstheologie. Diese lieferte zu jener Zeit sozusagen den nötigen Kitt, der die evangelische Theologie und Kirche als Gesamtheit noch zusammenhielt und sie sah sich als ‹wahre Vermittlerin› zwischen modernem wissenschaftlichem Bewusstsein und der Idee des Christentums.

Umfassende Bibelkritik lag Caspar Wirz fern. Man muss vielmehr davon ausgehen, dass er sich als strenggläubiger Homosexueller genötigt sah, seine natürliche Veranlagung mit der Heiligen Schrift irgendwie in Einklang zu bringen. […]»

Seinem diesbezüglichen «inneren Zwang verdanken wir diese wohl erste fundierte theologische Auseinandersetzung zum Thema Christentum und Homosexualität. Dabei stiess er bis zum Kern der Problematik vor und durchschaute» die fatale, rein machtpolitische Vorgehensweise, um «völlig verschiedene, aus mehreren Jahrhunderten stammende, von verschiedenen Autoren verfasste, in divergierenden Sprachen niedergelegte Textstellen […] zusammenzufassen und daraus einen scheinbaren Zusammenhang zu konstruieren, damit auf dieser Grundlage» gewisse – auch sexuelle – Verhaltensweisen als sündhaft gebrandmarkt und die Übertreter, zu denen Wirz sich auch zählen musste, eingeschüchtert, unterjocht oder gar als Ketzer ausgemerzt werden können.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterVergleiche dazu das theologische Konstrukt des Sodomiten

Wirz' Reaktion auf diese machtpolitischen Konstrukte war genaues Studium der «Schrift», wie er die Bibel nannte. Und das brachte ihn zur klaren Einsicht, «wie auffallend beiläufig die homosexuelle Thematik in der Bibel Erwähnung findet. Die entsprechenden Stellen interpretierte er nicht wörtlich und damit fundamentalistisch, sondern historisch und damit relativierend. Als eines der wichtigsten Fazite stellte er klar, dass das Thema der homosexuellen Liebe, in der zwei Männer oder zwei Frauen mit ihrem ganzen Wesen seelisch, leiblich und geistig aufeinander ausgerichtet sind, in der Heiligen Schrift schlicht gar nicht vorkommt.»

Somit fällt jede theologische Verurteilung gelebter homosexueller Liebe als nicht aus der Bibel begründbar dahin und kann ignoriert werden, was Caspar Wirz als gläubiger und homosexueller Christ wohl selbstverständlich getan hat, auch in jenen Jahren, als er im Vatikan seiner Forschertätigkeit nachging. Dieser Schluss bewirkte die heiter-befreite Weise seines Daseins als gelassener Christenmensch, der keinen Widerspruch zu seiner Veranlagung mehr in sich trug. Und damit ist er nicht nur Pionier, sondern ein bis heute leuchtendes Vorbild.

Magnus Hirschfeld und Caspar Wirz: Besuche, Austausch, Nachruf

In seiner Arbeit über Wirz zitiert Beat Frischknecht aus dem Buch «Von einst bis jetzt» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[4] auch Hirschfeld und dessen letztes Zusammentreffen mit dem Theologen und Geschichtsforscher:

«Oft kam Wirz im Sommer und Herbst zu kurzen Erholungsbesuchen nach Berlin, die wir ihm im Winter und Lenz in Mailand und Rom erwiderten», erinnert sich Magnus Hirschfeld.

Das letzte Mal habe er Wirz 1913 zwischen Weihnachten und Neujahr in der Siebenhügelstadt getroffen, […]. Lebendig steht mir noch […] unser letzter Spaziergang vor Augen. Wirz holte mich aus der vatikanischen Gemäldegalerie ab. […] Wir durchschritten die prunkvollen Kunstbauten von Öffnet externen Link in neuem FensterPapst Julius II., dem urnischen Beschützer Michelangelos. Wirz erzählte mir von der grossen Verbreitung, die unter seinem Pontifikat (1503–1513) die Homosexualität bei Kardinälen und Bischöfen hatte. [+] Dann kamen wir an der düsteren Behausung vorbei, in welcher der grosse Urning Öffnet externen Link in neuem FensterMichelangelo selbst den Schluss seines Lebens verbrachte. […] Wir gingen weiter, vorüber an der Engelsburg, der gigantischen Grabstätte, die der Reisekaiser Öffnet externen Link in neuem FensterHadrianus, einer der Besten, die das römische Reich besass, für sich und seine Nachfolger errichtet hatte, bald nachdem sein Liebling Antinous für ihn am Nil gestorben war. Später seien sie zum Blumenmarkt Campo di Fiori gelangt, auf dem am 17. Februar 1600 Öffnet externen Link in neuem FensterGiordano Bruno nach siebenjähriger Gefangenschaft verbrannt wurde. In der Urteilsverkündung hätten auch seine gleichgeschlechtlichen Neigungen Erwähnung gefunden. Wenige Strassen weiter seien er und Wirz dann vor der Trajanssäule gestanden. Hirschfeld erwähnt die Überlieferung, wonach dem Öffnet externen Link in neuem FensterTrajan auf seinen Feldzügen ein Pädagogium schöner Jünglinge das Geleite gab, die er tags und nachts in seine Arme rief. […] Zieht sich für den Kenner nicht der Uranismus wie ein roter Faden durch die Weltgeschichte? habe Wirz zum Schluss sinniert.»

Aus dem Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Jahrgang 16, Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[5] zitiert Frischknecht: «Ferner haben wir den Verlust unseres Obmanns Prof. Dr. philos. Caspar Wirz in Rom zu beklagen, dessen Schrift: Der Uranier vor Kirche und Schrift durch die Vereinigung tiefer Religiosität mit der Überzeugung, dass die Uranierverfolgung jeder wahren Religiosität widerspreche, schon vielen ein grosser Trost gewesen ist. Über sein Ende, von dem wir erst mehrere Monate nachher Kenntnis erhielten, konnten wir Einzelheiten noch nicht in Erfahrung bringen. […] Der Friedhof bei der Cestius-Pyramide in Rom […] ist heute ein beliebtes Ausflugsziel, vor allem deutschsprachiger Touristen. Wer weiss, vielleicht verirren sich ja nun ab und an auch geschichtlich Interessierte ans verwitterte Grab von Wirz. Es trägt die Inschrift

QUI RIPOSA

PROF. CASPAR WIRZ

DELEGATO ARCHIVI FEDERALI SVIZZERI

NATO A ZURIGO 1847

MORTO A ROMA IL 14 AGOSTO 1915

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Juni 2006