Magnus Hirschfeld, Arzt, Sexologe und Aufklärer
Nachfolger der Pioniere
1868–1935
1895, im Todesjahr von Karl Heinrich Ulrichs, fand in London der Prozess gegen Oscar Wilde statt. Die Verurteilung dieses Dichters hatte Signalwirkung. Sie wurde für den deutsch-jüdischen Arzt,
Dr. Magnus Hirschfeld Anlass, sich öffentlich für Anerkennung und Entkriminalisierung homosexueller Menschen einzusetzen.
1896 schrieb er unter dem Pseudonym Th. Ramien die Broschüre «Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts?» Sie erschien im Verlag Max Spohr, Leipzig. Darin bediente er sich aller wesentlichen Argumente, die bereits Ulrichs und Hössli formuliert hatten und fügte neu die gesellschaftspolitisch unerwünschte Erpressbarkeit hinzu.
Max Spohr hatte bereits 1893 in seinem Verlag in Leipzig als weltweit erster Verleger Schriften über Homosexualität veröffentlicht.
Um an das mutige Werk dieses Mannes zu erinnern, vergibt der deutsche Verein schwuler Führungskräfte,
«Völklinger Kreis» (VK), seit 2001 den Max-Spohr-Preis an Unternehmen, welche in Diversity führend sind, also in der gezielten Akzeptanz, Förderung und Nutzung persönlicher Eigenheiten ihrer Mitarbeiter wie Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Religion oder sexuelle Orientierung.
Am 15. Mai 1897 gründete Hirschfeld das «Wissenschaftlich–humanitäre Komitee» in Berlin, zusammen mit Max Spohr, dem Schriftsteller und Oberleutnant a.D. Max von Bülow und dem Juristen und Eisenbahnbeamten Eduard Oberg. Es war dies die weltweit erste Organisation zur Abschaffung der Kriminalisierung gleichgeschlechtlicher Handlungen. In mehreren Petitionen an den Reichstag (1897, 1900, 1904, 1907, 1922 und 1926) wurde für die Abschaffung des § 175 geworben und gekämpft. In Mitarbeit bei Entwürfen zu Strafgesetzreformen wurden Neufassungen dieses Paragraphen erarbeitet und vorgeschlagen (1921/22, 1924, 1926 und 1929 bis 1932). Alle Vorstösse – auch teilweise weit gediehene – blieben letztlich erfolglos.
Sexualwissenschafter waren immer auch Sozialreformer und, in der Mehrzahl Ärzte, verstanden sich stets als Forscher auf vielen Gebieten, indem sie zusammenschauend medizinische, psychologische, psychoanalytische, soziologische und juristische Fragestellungen und Aspekte mit einbezogen. Darin waren sie modern und vor allem zukunftweisend – bis die Nazis mit ihrer primitiv-einförmigen Sichtweise alles zerschlugen. Von diesem Kahlschlag erholte sich die Sexualwissenschaft als anerkannte Disziplin in ihrem deutschen Ursprungsland bis heute nur mühsam.
Von 1899 bis 1923 erschien als erste sexualwissenschaftliche Zeitschrift und wichtigste Plattform der Homosexuellendebatte das «Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen», herausgegeben durch das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee.
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreichs unter preussischer Führung 1918 begannen sich freiheitliche Tendenzen in der neu gegründeten Weimarer Republik zu regen und durchzusetzen. Daran war die sich nun entfaltende intellektuelle politische Linke stark beteiligt.
1919 entstand unter Führung von Magnus Hirschfeld das erste sexologische Forschungszentrum, das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin-Tiergarten. Ihm wurde das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee als «Abteilung für Sexualreform» beigeordnet. Im Umfeld des Instituts wurden sowohl Aussprachen, Beratungen, Informationen zu spezifischen Themen und diverse Vorträge angeboten, wie auch Zeitschriften und Bücher herausgegeben, Zusammenkünfte und Kongresse organisiert, einzelne Gruppen gegründet oder bestimmten Gruppierungen Unterkunft gegeben. Auch Opfer des § 175 konnten juristische Beratung, psychologische Betreuung und notfalls Sozialhilfe erhalten.
Ab 1919 erschien die Wochenzeitung Die Freundschaft. Im selben Jahr wurde der «Berliner Freundschaftsbund» gegründet, der sich 1920 zum überregionalen «Deutschen Freundschaftsverband, DFV» wandelte und als solcher nebst dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee auch im Ausland (u.a. in der Schweiz) tätig war. Die Freundschaft wechselte später ebenfalls ihren Namen in
Freundschaftsblatt. Sie erschien bis 1933 und war auch in der Schweiz erhältlich.
1922 nannte sich der Freundschaftsverband neu «Bund für Menschenrecht» und gab als Vereinszeitschrift die Blätter für Menschenrecht heraus.
1923 erschien ein weiteres Heft, Die Insel. Es war illustriert und wurde rasch so populär, dass es schliesslich eine Auflage von über 100'000 erreichte. Bei Zeitschriften konnten nach der Machtübernahme der Nazi 1933 nicht mehr erscheinen.
Als Jude, Sozialist, Homosexueller, international anerkannter Wissenschafter und Sexualforscher, Kämpfer für die Abschaffung des § 175 war Magnus Hirschfeld natürlich ein Hassobjekt ersten Ranges sowohl für kleinkarierte Bürger aller Art wie ganz besonders für alle Nazis, von deren Schlägertrupps er bereits in den späten 20er-Jahren auf offener Strasse angegriffen und verletzt worden war. Durch den wachsenden Einfluss dieser Leute noch mehr verunsichert entschloss er sich zum Verlassen Deutschlands. 1930/31 begab sich der 62-jährige nach einer Vortragstour durch die USA auf eine Weltreise. Er besuchte während anderthalb Jahren Japan, China, Indien und den Nahen Osten, hielt 176 Vorträge und wurde allerorts hoch geehrt. Denn er war offen für die zu Unrecht Unterdrückten und frei von europäischen Überheblichkeiten und Vorurteilen, und er nutzte die Aufenthalte für Studien aller Art. Über diesen Menschen hatte Hitler gesagt: «Das, was dieser Schweinejude feilbietet, bedeutet gemeinste Verhöhnung des Volkes.»
1932 kehrte Hirschfeld nach Europa zurück, aber nicht nach Deutschland, sondern in die Schweiz, die er schon früher oft bereist hatte. Später wählte er Frankreich als Exil. In Frankreich wollte er sein Werk neu aufbauen und fortsetzen. Er lebte dort mit seinen beiden Freunden, Karl Giese und dem Chinesen Li Shiu Tong, der besser unter seinem Pseudonym Tao Li bekannt ist. Er war im Fernen Osten zu Hirschfelds ständigem Begleiter geworden. Ein Jahr später erschien der umfassende Bericht «Weltreise eines Sexualforschers im Jahre 1931/32»
[1]
Bereits 1930 hatte der
«Völkischer Beobachter», das von vielen nicht ernstgenommene Sprachrohr der militanten Nationalsozialisten, geschrieben: «Da im Homosexuellen alle boshaften Triebe der Judenseele» vereint seien, müsse man sie «als das gesetzlich kennzeichnen, was sie sind, als ganz gemeine Abirrungen von Syriern, als allerschwerste, mit Strang und Ausweisung zu ahndende Verbrecher.»
Am 30. Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler. Damit begann der Naziterror offiziell und von Staates wegen:
- Februar 1933
- Erlass von antihomosexuellen Verordnungen.
- März 1933
- Die meisten Homosexuellenlokale müssen schliessen oder schliessen freiwillig. Die Zeitschriften stellen ihr Erscheinen ein.
- Mai 1933
- Das Institut für Sexualwissenschaft wird geschlossen und geplündert. Die über 20'000 Bände der wertvollen Bibliothek transportieren Nazischergen zum Berliner Opernplatz, wo sie am 10. Mai öffentlich verbrannt werden, darunter auch die Bücher und Schriften von Hössli und Ulrichs.
- Juni 1933
- Die Homosexuellenorganisationen beschliessen ihre Auflösung.
- 1934
- Das Geheime Staatspolizeiamt (Vorläufer der GESTAPO) beginnt, Homolisten zu erstellen.
- 1935
- Beginn der Deportation von Homosexuellen in Konzentrationslager. Einführung des verschärften § 175 und des neuen § 175a.
1935 starb Magnus Hirschfeld in Nizza. Seine Gesundheit war durch eine in Indien erfolgte Malariainfektion geschwächt. Sein Lebenswerk war zerstört.
Ernst Ostertag, März 2004


