Männerliebe: Vorkämpfer und Opfer
Erkenntnis und Selbstbestimmung
Langsames Überwinden des scholastisch geprägten Welt- und Menschenbildes
Die Natur- und Humanwissenschaften haben in einem schon im Altertum begonnenen Prozess – reaktiviert und beschleunigt seit Kopernikus und Galilei – die Einsicht gefördert, dass fixe Systeme, etwa zentriert auf den Menschen als «Krone der Schöpfung» und «Untertan oder Kind Gottes» oder gedacht als Erd-Scheibe und Mittelpunkt des gestirnten Himmels, nicht naturgemäss sind, weil sie als «ewig gefestigte» Vorstellungen den Gedanken der stetigen Veränderung im Naturgeschehen nicht zulassen und Erforschung der gesamten Umwelt und des menschlichen Seins massiv behindern. Noch immer stehen wir in diesem Prozess.
Das dokumentiert auch die Schwulengeschichte der Schweiz. Denn diese ganze Geschichte dreht sich um das Postulat einer ethisch definierten Ordnung und deren Anspruch auf eine zu lebende Norm. Homosexuelle Menschen, die völlig natürlich ihre Sexualität leben wie heterosexuell Veranlagte es auch tun, stellen offenbar die «gottgewollte» Norm in Frage. Denn diese Norm zwingt dazu, so veranlagte Menschen auf ihre Sexualität zu reduzieren. Das aber widerspricht der Natur jedes Menschen, sich als ganzheitliches Wesen wahzunehmen. Die Spannung aus unerfüllbarem Anspruch und gelebter Natur brachte die Emanzipationsbewegung jener Menschen hervor, die sich Schwule und Lesben nennen, weil in diesen Namen das Wort sexuell nicht vorkommt.
In der Tradition des freien Geistes der Französischen Revolution standen Vorläufer, Wegbereiter und einige Pioniere der Schwulenbewegung. Alle wurden tragische Opfer ihrer Zeit.
Johannes von Müller
Der Schaffhauser wurde zur Goethe-Zeit durch die «Geschichten Schweizerischer Eidgenossenschaft» berühmt. Müller führte ein aussergewöhnlich unstetes Leben, wohl auch bedingt durch seine Veranlagung, die ihn immer wieder in peinliche Situationen brachte und für Erpressung anfällig machte. Seine Briefe an Friedrich von Hartenberg gelten als die ersten mann-männlichen Liebesbriefe in deutscher Sprache und sind Zeugnis einer bewusst empfundenen gleichgeschlechtlichen Liebe.
Johannes von Müller
Heinrich Hössli
1836 publizierte er den ersten Band «EROS, Die Männerliebe der Griechen; ihre Beziehungen zur Geschichte, Erziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten. Oder Forschungen über platonische Liebe, ihre Würdigung und Entwürdigung für Sitten-, Natur- und Völkerkunde.» Das Werk basierte auf der Feststellung, dass Homosexualität, obwohl während fast zwei Jahrtausenden verketzert, verfolgt, mit Gefängnis, Folter und Hinrichtung bestraft, nie ausgerottet werden konnte. Es gibt sie nach wie vor. «Sie muss Teil der Natur sein», war der logische Schluss und die These
Heinrich Hösslis
Jakob Stutz
Als Dichter und Volksaufklärer weit herum bekannt und hoch verehrt bis zu seinem Tod und darüber hinaus. Als Homosexueller ging er mehrfach seiner Stelle verlustig, wurde verurteilt, gefangen gesetzt, gebüsst, geächtet und vertrieben. Das traurige Leben von
Jakob Stutz
Karl Heinrich Ulrichs
Der deutsche Jurist lebte in Hannover und Berlin, um schliesslich nach Italien ins Exil zu gehen wo er verarmt starb. Er kam zu denselben Einsichten, entwickelte fast dieselben Thesen wie Heinrich Hössli und veröffentlichte sie in Deutschland. Insgesamt gab er zwölf Schriften heraus «Forschungen über das Räthsel der mann-männlichen Liebe». Der grosse deutsche Pionier
Karl Heinrich Ulrichs
Jacob Rudolf Forster
Ein Autodidakt als wortgewaltiger Pionier. «Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, meine Stimme zu erheben, um nach Kräften mitzuwirken gegen 1000-jähriges Unrecht, vollzogen an einer Menschenklasse, die gleich euch berechtigt ist, zu leben.» Aus dem Lebensbericht von
Jacob Rudolf Forster

