Pfad: Inhalt » 2. Erkenntnis - Selbstbestimmung » Vorkämpfer und Opfer » Heinrich Hössli

Eros, die Männerliebe der Griechen

«Eros», Buchband von Heinrich Hössli
Aus dem Buchband «Eros» von Heinrich Hössli
Rückseite von «Eros»
Aus dem Buchband «Eros» von Heinrich Hössli

1836 erschien in Glarus der erste Band «EROS, Die Männerliebe der Griechen; ihre Beziehungen zur Geschichte, Erziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten. Oder Forschungen über platonische Liebe, ihre Würdigung und Entwürdigung für Sitten-, Natur- und Völkerkunde.»

«Männerliebe der Griechen» und «platonische Liebe» waren die damaligen Umschreibungen der naturgegebenen Veranlagung, für welche sich später der einschränkende Begriff «Homosexualität» durchsetzte.

Verfasser des Buches war Heinrich Hössli, geboren am 6. August 1784 in Glarus. Sein Werk veröffentlichte er privat, also in einer Art Selbstverlag. Es basierte auf der Feststellung, dass Homosexualität, obwohl während fast zwei Jahrtausenden verketzert, verfolgt, mit Gefängnis, Folter und Hinrichtung bestraft, nie ausgerottet werden konnte. Es gibt sie nach wie vor. Also, und das war Hösslis logischer Schluss, den er zur These machte:

«Sie muss Teil der Natur sein.»

Das belegte er mit unzähligen Beispielen aus der ganzen ihm bekannten Menschheitsgeschichte von den Griechen bis zu seiner Zeit, um immer wieder zu fordern: Wenn homosexuelles Fühlen und Verhalten eine Variante der Natur ist, kann sie niemals als Sünde und Ketzerei verdammt, niemals als Verbrechen geahndet und bestraft und niemals als Krankheit zu heilen versucht werden.

Hösslis These und die Schlüsse, die er daraus zog, sind vor ihm noch nie so gedacht und veröffentlicht worden. Darum gilt die Publikation seines EROS 1836 als beides, Anfang der allgemeinen Schwulenbefreiung und Schwulenemanzipation, wie auch Beginn der schweizerischen Schwulengeschichte.

Wer war dieser Mann aus Glarus?

Heinrich Hössli, geb. 1784, gest. 1864
Heinrich Hössli, geb. 1784, gest. 1864

1811, also mit 27 Jahren, verheiratete er sich mit Elisabeth Grebel aus Zürich, die ihm zwei Söhne gebar. Er führte die vom Vater geerbte «Putzmacherei» in Glarus mit seinem Bruder zusammen erfolgreich weiter. Frau und Kinder blieben jedoch in Zürich.

Heute würde man statt «Putzmacher», der er war, Couturier sagen und «Putz» ist ebenfalls durch das französische und wohl besser klingende Wort «Accessoires» ersetzt worden. Die Gebrüder Hössli produzierten massgeschneiderte Damenbekleidung mit allem drum und dran, auch Hüte, Taschen, Täschchen und Tüchlein, Bänder oder sonstiges modisches Zubehör jeder Art. Also all das, womit sich Damen von damals bis heute gerne herausputzen.

Heinrich Hösslis älterer Sohn, Jakob Rudolf, wanderte nach Amerika aus, heiratete, blieb aber bald verschollen. Der Jüngere, Johann Ulrich, ging ebenfalls nach Amerika, war erfolgreich und bekannte sich in seinen Briefen an den Vater offen als einer, der sich zu Männern hingezogen fühle. Er wurde vermögender Junggeselle und wollte 1854 zum geliebten Vater zurückkehren, um diesem ein sorgloses Alter zu garantieren. Das Schiff ging jedoch unter.

Warum beginnt ein Putzmacher zu schreiben?

1817 wurde in Aarwangen (BE) der männerliebende Langenthaler Advokat Öffnet externen Link in neuem FensterFranz Desgouttes öffentlich hingerichtet, zuerst stranguliert, dann gerädert. Der Unglückliche hatte sich derart in eine leidenschaftliche, hoffnungslose Liebe verstrickt, dass er seinen jungen Gehilfen und Geliebten erstach, weil dieser ihn mit Frauen betrog.

Hössli war wohl der einzige Zeitgenosse, der die innere Qual und lebenslange Gespaltenheit des unselig getriebenen Desgouttes voll ermessen konnte. Das gab ihm den Anstoss, «dem Rätsel solchen Daseins» nachzuforschen. Als Autodidakt besuchte er regelmässig Bibliotheken und Buchhandlungen von Glarus bis Zürich, las sich durch Berge von Literatur und arbeitete 17 Jahre an seinem Werk.

Der grosse und immer wieder genährte Zweifel an seinem schriftstellerischen Können und der sprachlichen Gewandtheit, den gewaltigen Stoff umfassend, klar gegliedert und packend zugleich darzustellen, führte ihn bereits im Sommer 1819 nach Aarau zum bekannten Schriftsteller und Aufklärer Öffnet externen Link in neuem FensterHeinrich Zschokke (1771–1848). Diesen bat er, aus seinen Nachforschungen ein Buch zu machen. Darauf veröffentlichte Zschokke 1821 den Essay «Der Eros oder über die Liebe», in welchem wohl erstmals in der Schweiz gleichgeschlechtliche Liebe als Thema behandelt wurde. Allerdings nicht im Sinne Hösslis. Zschokke blieb am Schluss bei den gängigen Vorurteilen. Hössli fühlte sich missverstanden und begann nun selber das für ihn saure, mühsame Werk des Ordnens und Niederschreibens. Der erste von drei geplanten Bänden war 1836 zur Veröffentlichung bereit.

Das Scheitern

Heinrich Hössli, geb. 1784, gest. 1864
Heinrich Hössli, geb. 1784, gest. 1864

Zwei Jahre später erschien Band II im Verlag C.P. Scheitlin, St.Gallen. Hössli hatte seine ganze Kraft dieser gewaltigen Aufgabe gewidmet – ohne sein renommiertes Putzmachergeschäft je zu vernachlässigen.

Als die Glarner Behörden, die sich noch kurz zuvor eine progressive Verfassung gegeben hatten, die Weiterverbreitung beider «dem Schutzgeist der Menschheit» gewidmeten Bände mit einem Verbot belegten und die Restbestände konfiszierten, fühlte sich Hössli verraten und zutiefst gekränkt. Gerade diesen «progressiven» Behörden hatte er vertraut. Nun war er gezeichnet.

Die Kundschaft begann ihn zu meiden. Er verliess Glarus, wohl auch, um Geschäft und Bruder nicht länger zu gefährden, und begann ein unstetes Wanderleben. Wenige Freunde hielten ihm die Treue. Der dritte Band kam nicht über einige Entwürfe hinaus. Die Nachricht vom tragischen Tod seines Sohnes traf ihn besonders hart. Beim grossen Brand von Glarus in der Föhnnacht vom 10./11. Mai 1861 verbrannten höchst wahrscheinlich alle beschlagnahmten Bände. Sie sind seither nirgendwo gefunden worden. Enttäuscht, vereinsamt, verarmt und verbittert starb Hössli am 24. Dezember 1864 über 80-jährig in Winterthur.

Offensichtlich war in der Schweiz des 19. Jahrhunderts gelebte Homosexualität, ja das Thema überhaupt, ein so totales Tabu, dass ein Aufbrechen, in welcher Form auch immer, sofort mit schärfsten Sanktionen belegt und öffentlich gebrandmarkt wurde.

Nach 1817 kaufte der Kleine Rat des Kantons Bern sämtliches irgendwo auffindbare Schriftmaterial zum Fall Desgouttes zusammen, um es restlos zu vernichten. Dazu gehörte auch der von Desgouttes selbst kurz vor seiner Hinrichtung verfasste Lebensbericht. Die Konfiskation von Hösslis Werk durch die Regierung in Glarus sprach dieselbe Sprache. Was nicht sein durfte, konnte auch nicht sein und hatte schon gar nicht öffentlich zur Diskussion zu stehen.

Genau dieser Hintergrund macht die fundamentale Pioniertat Heinrich Hösslis noch bedeutender. Und sie liefert zugleich die Bestätigung seiner These. Denn Desgouttes' Bericht wie Hösslis Werk blieben bestehen (wenn auch in wenigen Exemplaren), während keiner mehr von jenen spricht, die es vernichteten.

Zitate aus Hösslis Schriften:

Aus dem zweiten Band von 1838:

«[…] dass diese Liebe, die kein Wesen des anderen Geschlechts anfachet, wohl aber das eigene, dass diese […] Liebe nicht oder weniger […] sei; gegen diese grösste aller […] Lügen auf Erden rufe ich, so laut ich es vermag, jedem das Gegenteil zu: SIE IST! und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie Natur ist […] und nie anders als mit dem Menschengeschlecht selbst aufhören kann […].»

«Sitten und Gesetze für Erschaffung oder Zernichtung einer Liebe sind lächerlicher, oft aber verbrecherischer Unsinn gegen die Schöpfung, gegen die Natur des Menschen! […] und im Sitten- und Kriminalwesen wird das Lächerliche zum bitteren Ernst.»

 Aus dem ersten Band von 1836:

«Unsere ganze (allgemein übliche) Behandlung dieser Erscheinung beruht lediglich auf dem Ausspruch: ‹Sie ist nicht Natur›. Das menschlichste und in sich klarste Volk, das je gelebt hat, vor dem wir nichts voraus haben als etliche mechanische und physikalische Erfindungen und Maschinen, von denen die jetzige Menschheit selbst die grösste und merkwürdigste ist, dieses Volk aber sagte: ‹Sie ist Natur.› Wir aber, und die Schand- und Schmachzeiten alles Menschlichen sagen das Gegenteil.»

«Wie durch die Liebe, so ist auch der Mensch zur Liebe erschaffen, und zwar zu der, die sich von selbst, ohne Hinzutun eines Menschen, in ihm kundgibt.»

«Das Anerkannt-Sein oder Nichtanerkannt-Sein seiner Individualität entscheidet über den ganzen Wert und Verlauf eines menschlichen Daseins.»

«Der Lasterhafteste kann die Frauen und der Tugendhafteste Männer lieben. Die Geschichte ist dieser Erweise voll; keine Liebe ist an sich Tugend oder Laster, so wenig als Wille und Selbstbestimmung.»

«Eine spätere wissenschaftlichere Zeit mit Menschen von freiem Denken und vernünftigem Wesen wird es begreifen, richtig auffassen und darstellen […] dann mag Erfolg und Schicksal dieser Stimme an die Menschheit zum Fingerzeig werden.»

«Wir sind eine Nation, welche ihr Geschlechtsleben noch nicht zu der ihm einwohnenden geistigen Erhabenheit und Bedeutung in die freie Idee empor zu heben gelernt hat.»

«Es ist zum Teil auch diese Überzeugung, dass ich den dritten Teil liegen liess: Je tiefer ich von der grossen Idee ergriffen bin, umso sicherer ist auch meine traurige Überzeugung, dass sie nur durch einen grossen, gebildeten, gelehrten Mann unserer Zeit gemäss darstellbar ist.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

«Wie froh wäre ich, alle meine die Idee des EROS betreffenden zahlreichen Bücher einem fähigen Manne im Interesse einer verlassenen Wahrheit überlassen zu können, und der hätte bei mir den Rechtstitel darauf – weil ich heute oder morgen sterbe, denn ich bin schon 71 Jahre alt.» Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

Späte Würdigung, Nachrufe

Hössli fand keinen Nachfolger. Seine grundlegenden Gedanken starben mit ihm aus, zumindest in der Schweiz, wenn man vom mutigen Öffnet internen Link im aktuellen FensterJacob Rudolf Forster absieht. Sie wurden dafür von deutschen Pionieren aufgenommen und genau so weiterentwickelt, wie er in den beiden obigen Zitaten es sich gewünscht hatte.

1903 veröffentlichte der deutsche Forscher Ferdinand Karsch-Haack (1853–1936) in Berlin unter dem Titel «Der Putzmacher von Glarus» ein Lebensbild Heinrich Hösslis, nachdem er in der Schweiz Nachforschungen angestellt, alles ihm Berichtete oder in Archiven Gefundene gesammelt und noch vorhandene Schriften, auch Hösslis beide Bände, aufgekauft hatte. Karsch-Haack gehörte zum Umfeld des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) von Dr. Öffnet internen Link im aktuellen FensterMagnus Hirschfeld  und war einer der produktivsten Autoren der vom WhK herausgegebenen «Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen».

Zitate aus dem 112-seitigen Werk, Aussprüche von Zeitgenossen über Hössli:

«In seiner Erscheinung durchaus männlich ohne das geringste Weibische, zeigte er ein Benehmen wie eine höfliche Frau.»

«Stets freundlich und zuvorkommend gegen jedermann, besonders liebenswürdig gegen seine ausschliesslich weiblichen Kunden […].»

«In Glarus war er Mitglied der Kasinogesellschaft und, gern gesehen überall, galt er als Mann von Lebensart. Sein Geist war von ausserordentlicher Lebhaftigkeit.»

«Er besass eine nicht geringe satirische Anlage und konnte von göttlicher Grobheit sein.»

«Heinrich gehörte der evangelischen Kirche an, war aber vollkommen freidenkerisch, ohne dabei im geringsten Atheist zu sein. Er spottete nur über die bigotte Geistlichkeit und ‹Pfaffenwelt› und deren oft eng begrenzten Horizont; und wenn er die Geistlichkeit zum Teil hasste, so war […] ein Grund der, dass manche Geistliche seiner Zeit sich hervortaten, damit der weitere Druck seines Buches ‹EROS› verboten werde.»

«Vermöge seiner hochentwickelten Intelligenz zeigte er sich auf keinem Gebiete verlegen; er konnte sich mit Künstlern und Gelehrten […] unterhalten, obwohl er Schule nicht genossen hatte.»

«Noch mit 76 Jahren verlangt er von einer Buchhandlung in Zürich nicht weniger als 37 wissenschaftliche und dichterische Werke, zwei Drittel davon wollte er jedenfalls behalten, wahrscheinlich alle. Seine erstaunliche Kenntnis der Literatur war seinen Freunden wohlbekannt.»

Karsch-Haack gab aber nicht nur ein Lebensbild, sondern trug ausgewählte Abschnitte aus beiden Hössli Bänden zusammen und schaffte so eine klare und geordnete Fassung für Leser, welche kaum oder nie die kompliziert geschriebenen Originale zur Hand nehmen würden. Es ist heute als wohl beste Übersicht und Einführung in Hösslis Werk wieder zugänglich im dreibändigen Nachdruck «Materialienband Eros usw.». Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[3]

Im Kreis-Heft vom Dezember 1948 erschienen auf Seite 8 einige Sätze Hösslis «aus dem hinterlassenen ungedruckten Manuskript zum 3. Bande seines ‹Eros› »:

«Ich sitze im Reisewagen, mir gegenüber eine männliche Schönheit – tausend andere hätten sie nicht für eine solche genommen – oder vielmehr – es hätte sich in den tausend anderen für diesen Menschen nichts bewegt […] ich hatte schon grosse Reisen gemacht; aber so gerollt und so gewogt – solchen Himmel, solche Erde, solche Seligkeit – und ich wusste eigentlich nicht, ob sie in mir oder im Postwagen oder rings um denselben her sei – ich war trunken und, o du guter Gott, hätte ich's ewig bleiben können – es war der Eros!»

«Ich bin in der Kirche, mir zur Rechten eine verklärte Menschengestalt, die auch meine ganze Seele verklärt und mit glühender Andacht, mit dem Himmel selbst erfüllt. Der Tempel erbebt, er verschwindet, und warum dachte ich: zu den Füssen dieses göttlichen Jünglings wäre es selig zu sterben? – es war der ewige Eros!»

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Januar 2004