Jakob Stutz
Vorkämpfer und Opfer
1801–1877
Als Dichter und Volksaufklärer war
Jakob Stutz weit herum bekannt und hoch verehrt und blieb es auch bis zu seinem Tod und darüber hinaus. Als Homosexueller ging er mehrfach seiner Stelle verlustig, wurde verurteilt, gefangen gesetzt, gebüsst, geächtet und vertrieben.
Ein armer Bauernbub wird Lehrer, Zürcher Volksdichter, Aufklärer und Reformer
Seine Eltern und etliche Geschwister starben früh. Das Haus im Weiler Isikon bei Hittnau (ZH) kam unter den Hammer. Die unbeschwerten Kinderjahre waren vorzeitig vorbei (1815) und Jakob wurde bevormundeter Verdingbub, Knecht und Heimweber.
In den schlecht geführten, überfüllten Volksschulen hatte er rasch das Wenige erworben, das dort zu lernen war. Doch mit Hilfe einiger Menschen, die seine Begabung erkannten und ihn förderten, wurde er schliesslich Unterlehrer (1827) an der ersten städtischen Blinden- und Taubstummenanstalt im Brunnenturm an der oberen Spiegelgasse in der Zürcher Altstadt. Dort begann er auch seine schriftstellerische Tätigkeit, erlebte die politische Wende in Folge des Ustertages 1830 und das traurige Schicksal der gefangengenommenen Maschinenstürmer nach dem Brand von Uster drei Jahre später. Dieses Geschehen liess ihn sein Hauptwerk schreiben, das vierteilige Theaterstück «Der Brand von Uster», welches sofort überall bekannt wurde. Nun fanden seine Schriften, Erzählungen, Gedichte, «Gespräche» unter dem Sammelnamen «Gemälde aus dem Volksleben» rasch wachsende Verbreitung.
Wegen «Unzucht» verurteilt, vertrieben – die Dichterklause zur Jakobszelle
1842 zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Denn zuvor war er wegen «Unzucht» in Zürich stellenlos geworden und eine weitere Tätigkeit (von 1836 bis 1841) als Lehrer in Schwellbrunn (AR) hatte aus demselben Grund mit Verurteilung, Busse und Kantonsverweisung geendet. So erbaute er sich in der Einsamkeit um Sternenberg im Zürcher Oberland eine «Dichterklause», die er «Jakobszelle» nannte. Er war festen Glaubens und guter Hoffnung, jetzt endlich vor jeder neuen Versuchung sicher zu sein.
Bald scharte sich eine Gruppe junger Anhänger um ihn, den sie als Meister und begnadeten Erwachsenenbildner verehrten. Zusammen gaben sie sich den Namen «Zürcher Oberländer Dichterschule». Nebst Schriftstellerei und Dichtkunst leitete Jakob Stutz die Freunde auch zu sozialreformerischen Zielsetzungen an, weil diese den eigentlichen Sinn und Auftrag des Schreibens sein sollten, wie er immer wieder betonte. Auf seine Initiative wurden die ersten Leihbibliotheken für Schüler eingerichtet. Er unterrichtete auch in Musik (Gesang und Gitarrenspiel), liess Schüler- und Laientheater entstehen (wobei er die Stücke meist selber verfasste, inszenierte und ausstattete) und gründete zudem die ersten Schüler- und Volkssparkassen. Es ging ihm nicht nur um einen wesentlichen Ausbau der Volksschule, sondern auch um sinnvoll gestaltete Freizeitbeschäftigung für Kinder und Jugendliche. Damit war er seiner Zeit um gute 80 Jahre voraus.
In der Jakobszelle vollendete er auch sein zweites Hauptwerk «Sieben Mal sieben Jahre aus meinem Leben» mit dem Untertitel «als Beitrag zu näherer Kenntnis des Volkes», das 1853 erstmals gedruckt vorlag und sofort grosse Beachtung fand. Darin schilderte er nicht nur seine Jugend, die glücklichen wie die schweren Jahre, sondern gab auch ein genau beobachtetes, authentisches Bild des Lebens auf dem Land zu jener Zeit, das so lebhaft und eindrücklich gezeichnet ist, dass es selbst einen heutigen Leser zu fesseln vermag. Es ist «die erste relevante sozialgeschichtliche und völkerkundliche Quelle des Zürcher Oberlandes», wie Bernhard A. Gubler im Vorwort der Neuausgabe von 2002 schrieb.
Einkerkerung, Verbannung und Ende
Die 15 Jahre in der «Jakobszelle» waren wohl nebst der frühen Kinderzeit die einigermassen glücklichsten seines Lebens. Sie endeten 1856 abrupt mit Verhaftung, Gefängnis, Prozess, Verurteilung, Busse und drei Jahren Kantonsverweisung. Nach zehn ruhelosen Wanderjahren, immer wieder vertrieben, fand er als verhärmter und gebrochener Mann 1867 bei seiner Nichte in Bettswil bei Bäretswil (ZH) eine letzte Heimstätte. Dort starb er am 14. Mai 1877.
Wie kam es zu dieser Verurteilung? Sieben Jungmänner von 21 bis 29 Jahren sind in den Prozessakten vom 27. Mai 1856, Bezirksgericht Pfäffikon, als Zeugen aufgeführt. Es handelte sich offenbar um eher zweifelhaft beleumdete Burschen, die dem alternden Dichter bestimmte Zärtlichkeiten anboten, um ihn vermutlich erpressen zu können. Diesbezüglich enttäuscht, denn Stutz war praktisch mittellos, zeigten sie ihn an. In Betracht der bekannten früheren Verfehlungen erfolgte trotz widersprüchlicher Zeugenaussagen eine Verurteilung «wegen widernatürlicher Wollust» und «wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses durch unzüchtige Handlungen unter erschwerenden Umständen».
Der Gespaltene, Gewissensgequälte
Jakob Stutz war ein lebenslang gequälter Mensch, weil er mit seiner Veranlagung nie Frieden schliessen konnte, so sehr er sich auch danach sehnte. Er war tief im christlichen Menschenbild verwurzelt, welches die Mutter und andere im nahe stehenden Menschen vermittelt hatten und das auch zwei Pfarrherren vertraten, die seine geistigen Fähigkeiten gefördert und ihn zu Bildung geführt hatten. Wie sollte er das Akzeptieren seiner Veranlagung auch nur denken können? Bezeichnenderweise blieben ihm die Schriften seiner Zeitgenossen
Heinrich Hössli und
Karl Heinrich Ulrichs unbekannt.
Er verstand sich immer als Dichter und Schriftsteller, dessen Hauptanliegen die Belehrung des Landvolks und die Aufklärung der Obrigkeit über Nöte und Bedrängnisse der ländlichen Bevölkerung sein sollte und sein musste. Damit hatte er auch weit über die Grenzen des Kantons hinaus Erfolg. Dass die Ausbeutung der Heim- und Fabrikarbeiter nicht die unerträglichen Ausmasse annahm wie in anderen Gegenden und Ländern, war auch eine Auswirkung seines Theaterstücks «Der Brand von Uster», wie auch der vielen übrigen Werke, die er danach veröffentlichte.
Das innere Gespaltensein, die Not und Gewissensqual mochte ihn für Sorgen und Probleme der Mitmenschen hellsichtig machen. Wenn in Gedichten und Aufsätzen auch kaum etwas davon spürbar wird, so geben Tagebuchnotizen, Briefstellen und Andeutungen in «Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben» Einblick in diese Wirklichkeit:
Aus «Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben», S. 364
«Wie fühlte ich mich so selig in dieser meiner ersten Freundschaft, denn sie war treu und wahrhaft, und jeder freute sich, wenn der Andere glücklich war.»
Aus «Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben», S. 364
«Warum? – Warum, um Gottes Willen, kann ich nicht gehen die Wege, wo andere? – Warum muss ich von allen, allen meinen Jugendgefährten eine so sonderbare Ausnahme machen?»
«Es ist gut Christ zu sein, wenn Alles den friedlichen Weg geht und kein Teufel dich plagt.»
«Welches Schicksal hat mich hieher geführt? Wohl fühle ich, dass meine Wunde sich nach und nach wieder heilet, aber vernarben wird sie nimmermehr.»
Tagebuch 1840
«Es ist gerade, wie wenn Gott einen ganz verkehrten Menschen aus mir gemacht hätte. Meine Seele ist bekümmert um und um bis in den Tod.»
Tagebuch, 4.9.1841
«Warum gibt es Menschen, denen man Vernunft und Verstand nicht absprechen kann, die einen verkehrten, widernatürlichen Geschlechtstrieb gleichsam mit auf die Welt bringen? Die sich auch unter den günstigsten Umständen nie und nimmer entschliessen können, zu heirathen? Sage mir doch ein Mensch, ich bitte sehr dringend, woher das kommen möge? Schreiber dies gehört leider auch unter diese Klasse von Menschen, die gewiss die unglücklichsten auf Erden sind.»
Tagebuch, 8.9.1841
«Gott hat mir eine andere Seele gegeben, als den übrigen Menschen, eine Seele mit widernatürlichen Neigungen, die aber so stark oder noch stärker sind, als bei anderen Menschen die natürlichen.»
Tagebuch 1842
«Hat wohl ein Mensch so schwere Kämpfe wie ich? Ich schreie um Erlösung, aber der Herr antwortet mir nicht. Ich bitte um Krankheit, er lässt mich gesund, ich flehe um den Tod und er lässt mich leben. – Ach, lass es doch einmal genug sein. Siehe, ich krümme mich ja wie ein Wurm vor dir.»
«An meinem Leibe habe ich von Jugend an noch wenig gelitten, aber kein Leiden der Seele ist, das ich bis auf diese Stunde nicht auf die qualvollste Weise hätte erfahren müssen.»
Ende und Anfang aus dem Gedicht «Tagebuch eines Einsamen», 1854
Ich wollte beten, konnte nicht,
Mir schien die Welt zu flieh'n;
Ich sank an meinem Betaltar
In stummer Andacht hin.
Es löschten sich die Kerzen aus,
Der Glockenklang verscholl.
Es wurde Nacht, es wurde still –
Und mir ward weh und wohl.
Nachruhm oder besser: Erinnerung heute
2001 feierte man im Zürcher Oberland den 200. Geburtstag des Dichters mit einer Ausstellung in Pfäffikon, mit der Einweihung eines «Jakob Stutz Weges» für Wanderer und Biker, mit einigen Festlichkeiten an diversen Orten und der Publikation mehrer Broschüren samt Neuauflage der Autobiographie «Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben».
Was blieb, ist eine permanente Jakob Stutz Dokumentation im Heimatmuseum Pfäffikon, sind die wieder aufgelegten Werke und die Wander- und Veloroute, welche von Pfäffikon über Wila im Tösstal bis hinauf nach Sternenberg führt und an über 12 Stationen das Leben des Dichters in Erinnerung ruft.
Das offizielle Nichterwähnen der gleichgeschlechtlichen Natur des Dichters ist heute wenigstens in Ansätzen überwunden. Das Bestrafen, Ausgrenzen und Totschweigen während seiner Lebenszeit hingegen kann als Beispiel dienen, warum Heinrich Hössli in der Schweiz keinen Nachfolger fand, warum sich niemand seiner Ideen und seines Werkes annahm und sie weiter entwickelte. Das allgemeine Tabu und wohl auch die helvetische Kleinräumigkeit liessen so etwas nicht zu.
Ernst Ostertag, Januar 2004




